Kurzbeschreibung:
▪ Idee
Was hilft es Dir, damit zu prahlen, daß Du ein freies Menschenkind? Mußt Du nicht pünktlich Steuern zahlen, obwohl sie Dir zuwider sind? (Wilhelm Busch, in „Schein und Sein“)
Steuern existieren seit über 2000 Jahren. Ebenso lange klagen die Steuerzahler darüber. Zum einen, weil Steuern Einkommenseinbußen bedeuten. Zum anderen empfinden viele das Steuersystem aus den unterschiedlichsten Gründen als ungerecht: Die Reichen zahlen zu wenig, der Nachbar hinterzieht seit Jahren ungestraft, der Staat erbringt keine Gegenleistungen, sondern verschwendet das gute Geld nach Herzenslust.
Über Steuergerechtigkeit wird auf einer theoretischen Ebene viel debattiert. Wie hat ein gerechtes Steuersystem auszusehen? Kann eine Flat-Tax Gerechtigkeit gewährleisten? Welche Ausnahmen muss es geben? Wie ausgefeilt ein Steuersystem aber auf dem Papier auch sein mag, entscheidend ist, wie es beim Bürger, Wähler und Zahler ankommt. Nicht umsonst werden Steuerfragen am liebsten aus dem Wahlkampf herausgehalten – zu groß die Gefahr, auf Ablehnung zu stoßen, was sich im Wahlergebnis unmittelbar niederschlagen kann. Jüngste Wahlergebnisse führen uns das deutlich vor Augen. Wann aber empfindet der „kleine Mann“ ein Steuersystem als gerecht? Welche Bedingungen muss es erfüllen? Diese Frage ist vor allem für Politiker und Parteien, die bei der Bevölkerung um Akzeptanz für ihre Ideen werben, höchst relevant. Sie ist ebenfalls relevant für die Einstellung jedes Einzelnen zu Steuern, für seine Steuermoral und damit möglicherweise mittelbar für sein Zahlverhalten. Diese psychologische Sicht der Steuergerechtigkeit wollen wir in verschiedenen Projekten erforschen.
Darüber hinaus beschäftigen uns auch die Handlungsabsichten der Steuerzahler. Wie wirkt sich eine Steuererhöhung auf den Konsum aus? Wie können negative Effekte abgeschwächt, aufgefangen oder sogar ins Positive umgelenkt werden? Ökonomische Modelle reichen meist nicht aus, um das Verhalten von Menschen im wirtschaftlichen Kontext zu erklären und vorherzusagen. Diese Lücke soll, will und kann die wirtschaftspsychologische Steuerforschung schließen. Wir wollen dazu einen Beitrag leisten.
▪ Projekte
Nacheinander laufen ab November 2005 vier Untersuchungen an:
1. Wie werden die Ausnahmetatbestände im aktuellen Einkommensteuergesetz gerechtfertigt? Eine inhaltsanalytische Differenzierung der Argumente zur Rechtfertigung solcher Ausnahmen nach ethischen Grundpositionen und Gerechtigkeitsprinzipien anhand von Bundestagsdrucksachen zu Änderungen im EStG. [pdf]
2. a) Welche Merkmale sollen Einkommensteuergesetze beinhalten? Eine Einschätzung verschiedener vorhandener Ausnahmen nach Wichtigkeit und Gerechtigkeit durch die Bevölkerung. [pdf]
2 b) Wie schätzen Steuerberater unsere Ergebnisse ein? Was beurteilen sie am EStG als gerecht, was als ungerecht? Eine Ergänzung und Einordnung bisheriger Ergebnisse durch Experten.
3. Wie hoch sollte der Steuersatz sein? Die Ermittlung von als gerecht empfundenen Steuersätzen abhängig von verschiedenen persönlichen Faktoren.
4. Kann man die Einstellung zu Steuern beeinflussen? Ein Experiment zu Framing-Effekten bei der Wahrnehmung und Beurteilung von Steuern.
Bereits abgeschlossene Studien auf diesem Themenfeld:
Psychologische Faktoren der Steuergerechtigkeit von Christine Porschke und Erich H. Witte, publiziert in: Witte, E.H. (Hrsg.) (2002). Sozialpsychologie wirtschaftlicher Prozesse. (256-288). Lengerich. Pabst. [pdf]
Die Steuerreform und der Konsumanreiz: Eine wirtschaftspsychologische Betrachtung von Erich H. Witte und Julia Scheffer, publiziert in: Wirtschaftspsychologie, 2004, 6(1), 93-99. [pdf]
Mehrwertsteuererhöhung: Eine wirtschaftspsychologische Analyse ihrer Wirkung von Erich H. Witte, Niels van Quaquebeke und Christina Mölders, publiziert in: Wirtschaftspsychologie, 3, 115-128. [pdf]
Einkommensteuergesetz: Begründung der vorhandenen Ausnahmetatbestände ethisch bedenklich von Erich H. Witte und Christina Mölders, Hamburger Forschungsbericht zur Sozialpsychologie (HAFOS) 69, 2006. [pdf] , publiziert in: Wirtschaftspsychologie, 2007, 3, 65-81.
Gerechtigkeit durch Sonderbehandlung? Wie Bürger Ausnahmeregelungen im Einkommensteuergesetz bewerten von Erich H. Witte, Christina Mölders und Niels van Quaquebeke, Hamburger Forschungsberichte zur Sozialpsychologie (HAFOS) 86, 2008. [pdf]
Gerechte Einkommensteuerhöhe: Das Verhältnis von Erwartung, Wunsch und Wirklichkeit von Erich H. Witte, Christina Mölders und Oliver Peytsch, Hamburger Forschungsberichte zur Sozialpsychologie (HAFOS) 87, 2008. [pdf]
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