Da die wissenschaftlichen Beiträge früher Nationalökonominnen im deutschsprachigen Raum sowie ihre Rolle im öffentlichen Leben und an den Universitäten bisher wenig erforscht sind, hat sich das Projekt zum Ziel gesetzt, diese Lücke zu schließen. Während für den englischsprachigen Raum mehrere Monographien und Sammelbände vorliegen, besteht hinsichtlich der Aufarbeitung der Leistungen früher deutschsprachiger Nationalökonominnen Nachholbedarf. Das bis 2002 von der DFG geförderte Projekt „Frauen in der Ökonomie“ [1] führte im Hinblick auf deutschsprachige Ökonominnen bisher zu keiner Publikation.
Das Ziel des Projektes ist es, die Theoriegeschichte der Volkswirtschaftslehre im deutschsprachigen Raum gezielt um die Beiträge von Frauen in diesem Bereich zu ergänzen. Hierbei soll aufgedeckt werden, was Wissenschaftlerinnen auf dem Forschungsgebiet der Volkswirtschaftslehre geleistet haben, seit die Nationalökonomie an den deutschen Universitäten etabliert wurde und Frauen regelmäßig zu Studium und Promotion zugelassen wurden.
Das Projekt „Frühe deutschsprachige Nationalökonominnen“, das 2009 mit dem Frauenförderpreis der Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften ausgezeichnet wurde, wird vom Arbeitsbereich Geschichte der Volkswirtschaftslehre durchgeführt. Dieser ist am Fachbereich VWL angesiedelt. Die verschiedenen Projekte am Arbeitsbereich verbindet ein gemeinsames methodisches Grundverständnis, das die Theoriegeschichte einerseits als Teil der Ideengeschichte betrachtet – also nicht nur in Bezug zur Ökonomie setzt, sondern im Kontext z.B. methodologischer Diskussionen, der Entwicklungen in anderen Wissenschaften oder allgemeiner zeitgenössischer Strömungen untersucht. Andererseits wird das Zusammenspiel zwischen Ideengeschichte, Wirtschaftsgeschichte und der Entwicklung von Institutionen untersucht: das zeitgenössische theoretische Vorverständnis prägte die Interpretation wirtschaftlicher Entwicklungen und Ereignisse. Dieses methodische Grundverständnis prägt nicht nur die Forschung, sondern auch die vom Arbeitsbereich durchgeführten Lehrveranstaltungen zur Wirtschafts- und Theoriegeschichte auf den verschiedenen Stufen der wirtschaftswissenschaftlichen Ausbildung.
Ansprechpartnerin ist Ute Lampalzer (ute.lampalzer[at]wiso.uni-hamburg.de).
Ziele des Projekts
· Mit diesem Projekt hochschulbezogener Frauenforschung soll eine Forschungslücke geschlossen werden: eine Aufarbeitung, Einordnung und Bewertung der wissenschaftlichen Beiträge von Nationalökonominnen im deutschsprachigen Raum ist bisher nicht systematisch erfolgt bzw. publiziert.
· Es soll eine Basis für eine neue Sicht auf die Volkswirtschaftslehre geschaffen werden. Es geht darum, die männlich geprägte Theoriegeschichte der Ökonomie um die explizite Analyse der Rolle der Frauen in dieser Wissenschaft zu ergänzen und damit altbekannte Denkmuster zu durchbrechen.
· Damit soll neues Material für die Gender-Diskussion in der Volkswirtschaftslehre erarbeitet werden.
· Es sollen mögliche Ansatzpunkte für zukünftige Forschungsprojekte aufgezeigt werden – Ansatzpunkte, die bisher vernachlässigt wurden bzw. zu Unrecht im Hintergrund standen.
· Es soll ein Anlaufpunkt geschaffen werden, an dem Studentinnen mit entsprechenden Interessen forschen und Studienleistungen erbringen können. Das Angebot der Fakultät an Lehrveranstaltungen, in denen Gender-Gesichtspunkte explizit behandelt werden, soll mit diesem Projekt ergänzt und erweitert werden.
· Es soll herausgestellt werden, inwiefern Frauen der damaligen Zeit eine Vorbildfunktion für heutige Nachwuchswissenschaftlerinnen einnehmen können – sowohl bezüglich der von ihnen entwickelten Theorien als auch in Bezug auf mögliche Wege, sich in der männlich dominierten Wissenschaft durchzusetzen.
Bisherige Ergebnisse der Projektarbeit
Es ist eine Datenbank erstellt worden, in der Informationen zu (wissenschaftlichen) Lebensläufen und Werken der frühen deutschsprachigen Nationalökonominnen umfangreich erfasst sind. Aufgrund der bisherigen Recherchen wurden 17 Wissenschaftlerinnen ermittelt, bei denen eine detaillierte Erforschung ihrer Beiträge besonders interessant und lohnenswert erscheint. Die Ergebnisse von Literaturrecherchen zu diesen Wissenschaftlerinnen sind digital in eine Literaturdatenbank eingepflegt und zum Teil kopiert und in Papierform in Ordnern zusammengestellt worden. Aus dieser Grundlage sind bereits vier Diplomarbeiten und eine Bachelorarbeit hervorgegangen:
1. Lorenzen, Sünje (2007): Der Beginn des wirtschaftswissenschaftlichen Frauenstudiums in Deutschland. Welchen Beitrag leisteten Frauen Anfang des 20. Jahrhunderts zu den Wirtschaftswissenschaften?
2. Graf, Nicole (2007): Die Anfänge wissenschaftlicher Karrieren von Nationalökonominnen an deutschen Hochschulen – am Beispiel der Haushaltsökonomin und Konsumtheoretikerin Charlotte von Reichenau (1890-1952).
3. Lampalzer-Smith, Ute (2008): Marguerite Kuczynski (1904-1998). Wirtschaftswissenschaftliches Arbeiten in verschiedenen Ländern und Zeiten: Ihr Weg. Von den „Goldenen Zwanzigern“ in den USA bis zum „realen Sozialismus“ in der DDR.
Zum Inhalt: Archivrecherche, Zeitzeugeninterviews
4. Freing, Teresa (2009): Elisabeth Liefmann-Keil (1908-1975) – Pionierin einer „Ökonomischen Theorie der Sozialpolitik“.
Bachelorarbeit:
1. Sellckau, Sabine (2010): Alice Salomon - eine Ökonomin der Historischen Schule?Außerdem hat im Rahmen des Projektes im Wintersemester 2009/10 ein Seminar stattgefunden, so dass dieses Forschungsgebiet für einen breiteren
StudentInnenkreis zugänglich wurde und eine Verankerung in der Lehre gefunden hat:
· Thema des Seminars: „Ökonominnen und ihr Wirken in theoriegeschichtlicher Perspektive 1850-1950“
Aus der Seminarankündigung: Gegliedert nach verschiedenen Zeitabschnitten werden im Seminar die Beiträge verschiedener Ökonominnen vorgestellt. Dabei soll der Bogen von den wirtschaftswissenschaftlichen Beiträgen kurz nach der Zulassung von Frauen zu Studium und Promotion bis zu Beiträgen aus der Nachkriegszeit gespannt werden. Ökonominnen aus dem deutschen und dem britischen Sprachraum werden dabei im Mittelpunkt stehen. Neben bekannteren Namen wie Rosa Luxemburg und Beatrice Webb werden die SeminarteilnehmerInnen sich mit weniger bekannten Persönlichkeiten beschäftigen. Ziel des Seminars ist es herauszuarbeiten, wo die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der behandelten Beiträge deutscher und britischer Ökonominnen liegen. Hier soll unter anderem mit einfließen, inwiefern zum Beispiel auch soziologische Aspekte bzw. die Entwicklung der Frauenbewegung die Arbeit der Forscherinnen beeinflusst haben.
Weitere Planung
Als zentraler Bestandteil des Projektes werden für die nächsten zwei Jahre folgende Publikationsprojekte verfolgt:
· Die Veröffentlichung eines Sammelbands zum Thema „Frühe Nationalökonominnen im deutschsprachigen Raum“, 2011 in der Reihe Beiträge zur Geschichte der deutschsprachigen Ökonomie (Metropolis).
· Eine Erweiterung des A Biographical Dictionary of Women Economists (Edward Elgar, 1. Auflage 2000) um Nationalökonominnen aus dem deutschen Sprachraum.
[1] Es erschien bisher lediglich folgende Publikation: Gronert, Anka (2001): Frauen in der Ökonomie. Die Anfänge in England. Marburg: Metropolis.