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Inhalt:

Wer war Martha Muchow ?


Psychologin

*25.9.1892 Hamburg
†29.9.1933 Hamburg

Martha Muchow


von Frau Prof. Dr. Hannelore Faulstich-Wieland
aus der Laudatio zur Einweihung der Martha-Muchow-Bibliothek (Jan. '07)

Martha Muchow wurde am 25.9.1892 als erstes Kind des Zollinspektors Johannes Muchow in Hamburg geboren. Ihr jüngerer Bruder Hans Heinrich kam 1900 zur Welt. Die Geschwister hatten bis zu Marthas Tod ein sehr enges Verhältnis, Hans Heinrich versuchte denn auch bis zu seinem Lebensende, das „Vermächtnis“ seiner Schwester vor allem durch die Herausgabe ihrer Werke zu erfüllen.
Von 1899 bis 1912 besuchte Martha Muchow zunächst die Volksschule, danach eine private höhere Mädchenschule in Hamburg, das städtische Lyzeum in Altona und schließlich das dortige städtische Oberlyzeum, wo sie Ostern 1912 ihr Abitur machte. Nach einem Jahr Vorbereitungszeit legte sie 1913 die Lehramtsprüfung ab und erwarb zweieinhalb Jahre lang erste Berufserfahrungen an einer höheren Mädchenschule in Tondern.

Von Herbst 1915 an arbeitete sie an Hamburger Volksschulen, „wo sie zuerst kleine Jungen, dann große Mädchen im 9. Schuljahr unterrichtet“ (Strnad 1949, S. 7). Parallel besuchte sie in ihrer Freizeit Veranstaltungen des Psychologischen Laboratoriums. Dieses war eine Abteilung des Seminars für Philosophie im „Allgemeinen Vorlesungswesen“, einer der Vorgängereinrichtungen der Universität Hamburg und wurde bis 1915 von Ernst Meumann und nach dessen Tod ab 1916 von William Stern geleitet. Martha Muchow beteiligte sich als Lehrerin in dieser Zeit an Aufgaben des Laboratoriums, wie zum Beispiel an der Ausarbeitung eines Beobachtungsbogens für die Auslese „begabter Volksschüler“. Ihr Interesse an wissenschaftlicher Arbeit zeigte sich auch darin, dass sie bereits 1918 erste Artikel veröffentlichte, so z.B. einen Beitrag über „die hauptsächlichsten Methoden der wissenschaftlichen Jugendkunde“ in der Preußischen Volksschullehrerinnen-Zeitung.
Konsequenterweise wurde sie mit der Neugründung der Hamburger Universität 1919 eine der ersten Studentinnen der Psychologie, Philosophie, der deutschen Philologie und Literaturgeschichte. „Ich hörte insbesondere die Vorlesungen der Herren Stern, Cassirer, Petsch, Borchling und Görland“ wird sie in dem biographischen Kalender zum Wiederabdruck ihrer Studie zum Lebensraum des Großstadtkindes (Muchow/Muchow 1998, S. 153) zitiert.

Im Herbst 1920 erreichte William Stern ihre Beurlaubung aus dem Schuldienst, um sie als „wissenschaftliche Hilfsarbeiterin am Psychologischen Laboratorium“ beschäftigen zu können. Dort übernahm sie vor allem Aufgaben einer „Unterrichtsassistentin“. 1923 schloss sie ihr Studium mit einer summa cum laude bewerteten Promotion über „Studien zur Psychologie des Erziehers“ ab. Für die Tätigkeit am Psychologischen Laboratorium erwirkte William Stern immer wieder eine Verlängerung der Beurlaubung vom Schuldienst. Einige Schwerpunkte ihrer dortigen Arbeit:
1924 beschäftigte sie sich mit psychologischen Untersuchungen über die Wirkung des Seeklimas auf Schulkinder – dazu wurden Tbc-gefährdete Hamburger Arbeiterkinder begleitet, die zur Kur in die Kinderheilstätte auf Wyk geschickt worden waren.
Im Dezember 1926 wurde die Ausbildung der künftigen Volksschullehrer der Hamburger Universität überantwortet. In diesem Rahmen übernahm Martha Muchow die Einführung eines sozial-pädagogischen Praktikums für die Lehramtsstudierenden. Forschungsmäßig begann sie gemeinsam mit Heinz Werner eine Studie über magische Verhaltensweisen bei Kindern und Jugendlichen und entwickelte einen Fragebogen zu „persönlichen Bräuchen“ – eine noch immer anregende Studie, die leider nicht zu Ende geführt werden konnte.
Sie betreute die von William Stern angeregte Untersuchungsreihe „Kind und Familie“, aus der eine Reihe von psychologischen Dissertationen – vor allem von Frauen (Strnad 1949, S. 9f.) – hervorgingen.

Martha Muchow leitete auch die Praktika der Studierenden auf dem Gebiet der Kinder- und Jugendpsychologie an. In diesem Rahmen fanden u. a. teilnehmende Beobachtungen zum Lebensraum von Großstadtkindern statt. Elfriede Strnad, die 1949 eine Würdigung des Wirkens von Martha Muchow für die sozialpädagogische Arbeit vorgenommen hat, zitiert zwei ehemalige Studentinnen mit ihren Erinnerungen an Martha Muchow: „Sie war die Seele des Institutes und hat für viele die Forschungsstätte zur geistigen Heimat gemacht“ schrieb Hanna Grüters-Kühn 1934 in der Zeitschrift „Die Frau“. „Schon die erste Bekanntschaft mit ihr war manchem Anfänger ein verheißungsvolles Erlebnis. – Man kam als junge Studentin nach Hamburg, betrat ihr Dienstzimmer, um sich zu den Praktika und Übungen anzumelden: da stand sie vor uns, eine kraftvolle blonde Gestalt von hohem Wuchs, die in markiger klarer Sprache nur das, was unbedingt zur Sache gehörte, mit uns verhandelte. Der Klang ihrer Stimme war bis in die leisesten Schwingungen hinein von wundervoller Reinheit, Ehrlichkeit und geistiger Durchformtheit; so war sie selbst, so war die Atmosphäre überall, wo sie weilte“ (zit. nach Strnad 1949, S. 10).
Und Brigitte von Pflugk äußerte schon im November 1933 in der Zeitschrift „Kindergarten“: „Man wurde selbst mehr, wenn man mit ihr sprach; uns gingen im Gespräch neue Blickrichtungen, neue Zusammenhänge auf. ... Sie hat uns vorgelebt, dass psychologisches Wissen nur Sinn hat, wenn es erweitert wird zu tieferer menschlicher Einsicht; wie diese Einsicht zu menschlicher Güte und Verstehen werden muss. Und wir erlebten, spürten, wie Güte und Verstehen sich im Wirken zeigte, an uns selbst, an anderen. Wir sahen ein, dass diese menschliche Einsicht erarbeitet werden muss, auch wissenschaftlich. – Zu solcher Haltung sollten wir gebildet werden“ (zit. nach ebd., S. 10f.).

Neben ihren engeren dienstlichen Aufgaben engagierte sich Martha Muchow gemeinsam mit ihrem Bruder Hans Heinrich in der Jugendbewegung, vor allem in der Volksheimbewegung. Dieser neben der Sozialistischen Arbeiterjugend in den 1920er Jahren größte Jugendverband organisierte kulturelle Veranstaltungen und öffnete die Räume seiner fünf „Niederlassungen“ in Hamburg den Kindern und Jugendlichen des jeweiligen Viertels. Eine dieser Niederlassungen befand sich in der Maschnerstrasse in Barmbek in der Nähe der damaligen Familienwohnung der Muchows. Man kann die Hamburger Volksheime als Vorläufer-Institution der heutigen Jugendzentren ansehen (vgl. Zinnecker 1998, S. 31).
Martha Muchow bemühte sich auch um ihre eigene Fortbildung, so z.B. durch Teilnahme an einem internationalen psychologisch-pädagogischen Ferienkurs am Institut Rousseau in Genf, an dem sie Vorlesungen von Jean Piaget und Edouard Claparede hörte. In der Gesellschaft für Freunde des Vaterländischen Schul- und Erziehungswesens arbeitete sie an verschiedenen Arbeitsgemeinschaften und Ausschüssen mit, z.B. über Probleme der Zeugnisreform oder über die Hortbedürftigkeit von Volksschulkindern. Sie war auch beteiligt an der Ausarbeitung von Plänen zur Errichtung von Tagesheimen für Großstadtkinder. Dieser Kontext führte sie zu einem stärkeren Engagement in der Kindergartenbewegung. Sie wurde ständige Mitarbeiterin im „Kindergarten“, das war die „Zeitschrift des Deutschen Fröbel-Verbandes, des Deutschen Verbandes für Schulkinderpflege und der Berufsorganisation der Kindergärtnerinnen, Hortnerinnen und Jugendleiterinnen e.V.“. Ab 1927 übernahm sie auch den Psychologieunterricht im neu eingerichteten Jugendleiterinnen-Lehrgang des Hamburger Fröbelseminars. Am 18.3.1930 wurde Martha Muchow zur Wissenschaftlichen Rätin – bzw. war damals nur die männliche Bezeichnung üblich, also zum Wissenschaftlichen Rat ernannt. Im gleichen Jahr zog das Psychologische Laboratorium in den „Pferdestall“ am Bornplatz (jetzt Allendeplatz) um und wurde zugleich umbenannt in Psychologisches Institut.

Ab dem Winter 1930 lässt sich einerseits eine internationale Anerkennung von Muchows Arbeit finden: So erhielt sie eine Einladung zu einer viermonatigen Reise in die USA, um dort sowohl amerikanische Methoden psychologischer Forschung zu studieren, wie auch selbst in verschiedenen Städten Vorträge über die Arbeit in Deutschland zu halten. 1931 war sie maßgeblich an den Vorbereitungen und Durchführungen des 12. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Psychologie in Hamburg beteiligt und erhielt dafür viel Anerkennung und Vertrauen. Durch Beziehungen zum „Bund zur Erneuerung der Erziehung“ konnte sie an Tagungen in der Schweiz, in Frankreich, Dänemark, Schweden und Finnland teilnehmen.
Andererseits vermerkt Elfriede Strnad bei Martha Muchow schon deutlich vor 1933 eine tiefe Beunruhigung: „Sie hat nie dazu geneigt, eine Schuld zu verschleiern, und sie quält sich selbst mit Vorwürfen des Versagens, wenn sie die Hilflosigkeit der sogenannten geistig-führenden Kreise der politischen Entwicklung gegenüber beobachtet. – In bebender Erregung erlebt sie die Machtergreifung durch den Nationalsozialismus“ (Strnad 1949, S. 17). Persönlich ist sie offenbar stark involviert in Hilfestellungen für andere Menschen, politisch Verfolgte wandten sich – so Strnad (ebd., S. 18) – täglich an sie.

Die Faschisten agierten ausgesprochen schnell gegen das Psychologische Institut, vor allem gegen William Stern und Heinz Werner. Beide wurden als Juden auf Grund des Berufsverbotsgesetzes „Zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7.4.1933 fristlos ihrer Ämter enthoben. Sie durften mit sofortiger Wirkung das Institut nicht mehr betreten. Martha Muchow hatte faktisch die Leitung des Instituts, wurde jedoch ebenfalls heftigen Diffamierungen ausgesetzt, zum einen weil das Psychologische Institut als „jüdisches Institut“ diskriminiert wurde, zum anderen, weil sie selbst als Nicht-Jüdin wegen ihres Engagements in der Jugendbewegung als Marxistin abgestempelt wurde. In einem Brief an die Hochschulbehörde vom 10.7.33 über die noch verbliebenen Mitglieder des Instituts heißt es zu Martha Muchow:
„Fräulein Dr. Muchow, die engste Vertraute von Prof. Stern, die ihn auch heute täglich besucht und mit ihm alle Pläne ausarbeitet, ist die Gefährlichste von allen dreien. Sie war aktivstes Mitglied des marxistischen ‚Weltbundes für Erneuerung der Erziehung‘, hat auf internationalen Tagungen, z.B. Genf, in seinem Sinne gewirkt, und war von Oberschulrat Götze in dessen letztem Amtsjahr beauftragt, das hamburgische Schulwesen ‚psychologisch‘ im marxistischen Sinne zu durchdringen. Ihr pädagogisch-psychologischer Einfluss ist unheilvoll und einer deutschen Staatsauffassung direkt zu wider laufend“ (Moser 1991, S. 497).
Privat machte Martha Muchow der Tod ihrer Mutter am 9. April 1933 schwer zu schaffen – diese erlag einem Schlaganfall wenige Tage nachdem sie traurig geäußert hatte, „dass man in dieser ungerechten Welt gar nicht mehr leben möchte“ (Strnad 1949, S. 17) Am 25.9.1933, also an Martha Muchows 41. Geburtstag, wurde das Institut verwaltungsmäßig an den nationalsozialistischen Erziehungswissenschaftler Gustav Deuchler, der neben Wilhelm Flitner der zweite Ordinarius für Pädagogik war, übergeben, der sie damit zugleich zurück in den Schuldienst entließ. Zwei Tage nach dieser Entlassung unternahm Martha Muchow am 27.9.33 einen Selbstmordversuch, dem sie am 29.9.33 erlag.
Hans Heinrich Muchow schilderte 1978 im Gespräch mit Jürgen Zinnecker dieses Ende: „‘Nachdem meine Schwester das Institut an Deuchler übergeben hatte, hat sie ganz schnell gehandelt. Wir erhielten noch einen Anruf von Professor Stern. Im letzten Gespräch, das er mit meiner Schwester geführt hat, hatte sie bereits Andeutungen in diese Richtung gemacht. Als wir zu ihrer Wohnung fuhren und schließlich die Tür aufbrechen ließen, lag sie zusammengebrochen beim Gasherd und hatte sich die Pulsadern aufgeschnitten.‘ Als Heinrich Muchow am Begräbnistag die nationalsozialistische Fahne nicht hissen wollte, wurde er vom Blockwart dazu gezwungen. Und: ‚Professor Stern durfte am Grab meiner Schwester nicht sprechen‘“ (Zinnecker 1998, S. 30).



 

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