Wer war Martha Muchow ?
Psychologin
*25.9.1892 Hamburg
†29.9.1933 Hamburg |
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Von Walter Thorun
Vor nunmehr 70 Jahren wurde die Fachwelt der Pädagogen und Psychologen
in Hamburg von dem tragischen Tod einer hochgeschätzten Kollegin
erschüttert: Dr. Martha Muchow,Wissenschaftliche Mitarbeiterin am
Psychologischen Institut und Akademischer Rat der Universität Hamburg,
hatte am 29. September 1933 – getrieben von den unerträglichen Zwängen
der NS-Instanzen sowie aus Protest gegen die Entlassung ihres Direktors
Prof.Dr.William Stern – persönlich kapituliert und als letzten Ausweg
den Freitod gewählt.
Dies ist uns heute – 70 Jahre danach – Anlass würdigen Gedenkens.1
Martha Muchow, am 25. September 1892 als erstes von zwei Kindern des
Zollinspektors Johannes Muchow in Hamburg geboren, besuchte von 1899
bis 1912 die Volksschule, die private höhere Mädchenschule in Hamburg
und das städtische Lyzeum und Oberlyzeum in Altona. Ihr um acht Jahre
jüngerer Bruder war Hans Heinrich Muchow2, ein hoch angesehener Experte
jugendkundlicher Forschung, wirkte als Oberstudienrat an einem
hamburgischen Gymnasium.
Martha Muchow bestand nach dem Abitur und einem Jahr Vorbereitungszeit
1913 die Lehramtsprüfung und gelangte zu ersten Berufserfahrungen an
einer höheren Mädchenschule in Tondern. Nachdem sie am 1.April 1919 als
Lehrerin in Hamburg fest angestellt war, besuchte sie – auf der Suche
nach vertiefter wissenschaftlicher Erkenntnis – nebenher die
Veranstaltungen des Psychologischen Laboratoriums am Kolonial Institut
(dem Vorläufer der Universität Hamburg) und wurde 1919 Studentin der
Psychologie, Philosophie, der deutschen Philologie und
Literaturgeschichte an der neugegründeten Hamburger Universität.
Schließlich wurde sie 1920, gefördert durch William Stern, von der
Hamburger Oberschulbehörde zum Zwecke des Studiums vom Schuldienst
beurlaubt, und wissenschaftliche Hilfsarbeiterin am Psychologischen
Laboratorium. Hier übernahm sie u.a. die Funktionen einer
Unterrichtsassistentin. 1923 promovierte sie mit »Studien zur
Psychologie des Erziehers« (summa cum laude).
In ihrer Freizeit beteiligte sie sich an der bündischen Jugendbewegung
im Wandervogel. Nach dem 1.Weltkrieg wirkte sie aktiv mit in Gruppen
der Hamburger Schul- und Sozialreformer, und zwar in der
Volksheimbewegung. Sie war häufig Teilnehmerin internationaler
psychologischpädagogischer Veranstaltungen, u. a. in Genf. »Die
Volksheimbewegung entwickelte sich in den 1920er Jahren zum größten
Jugendverband neben der Sozialistischen Arbeiterjugend in Hamburg.
Entstanden war die Volksheimbewegung 1901 in Anlehnung an die englische
Settlement-Bewegung. Ziel war die Praktizierung kultureller Solidarität
mit Arbeitern in ihren Wohnvierteln. Über die Arbeit der Jugendgruppen
gelangten Vorstellungen und Ideen der Jugendbewegung in die
Volksheimbewegung.«3 Nach diesem Vorbild entwickelten sich 30 Jahre
später in Hamburg die in der Bundesrepublik populär gewordenen »Heime
der offenen Tür« für Jugendliche. Damit im Zusammenhang ist auch das
nach 1945 in Hamburg entstandene sog. »Studentische
Jugendarbeitsprogramm « zu sehen.
Als 1926 die Hamburger Universität die Ausbildung der künftigen
Volksschullehrer übernahm, fiel dem Psychologischen Institut ein neuer
Aufgabenbereich zu. Martha Muchow wirkte mit bei der Einführung und
Ausgestaltung des sozialpädagogischen Praktikums für die Absolventen
des Lehrerstudiums. Zugleich widmete sie sich engagiert der Lebenswelt
des Kindes in der Großstadt, u. a. der Hortbedürftigkeit in den
Volksschulen dichtbevölkerter Stadtteile sowie der pädagogischen
Gestaltung in den Kindergärten und Kindertagesstätten. Hinzu kamen –
seit 1927 – Lehraufträge am Hamburger Fröbelseminar, sie pflegte engen
Kontakt zu Kreisen der Fröbelbewegung. Mit ihrer Ernennung zum
Akademischen Rat (1930) verband sich die Umbenennung des
Psychologischen Laboratoriums in »Psychologisches Institut«. Im Winter
1930/31 unternahm sie eine viermonatige Reise in die USA, um
amerikanische Methoden psychologischer Forschung zu studieren; zugleich
hielt sie Vorträge über die psychologische Arbeit in Deutschland. Durch
ihre Beziehung zu dem von Elisabeth Rotten geleiteten internationalen
»Bund zur Erneuerung der Erziehung«4 wirkte sie weit über Hamburg
und Deutschland hinaus und wurde insbesondere in Frankreich, Dänemark,
Schweden und Finnland bekannt. Im Oktober 1931
referierte sie vor der deutschen Sektion jenes Bundes über »Die
Lebenswelt des Kindes unserer Zeit und die Erziehung«. Sie erklärte,
»wie durch die Eigenart der technifizierten, mechanisierten
Großstadtwelt eine ganz andere Kindeswelt zustande kommt«.
Ihre Freundin aus der Hamburger Fröbelbewegung, Elfriede Strnad,
berichtete 1933, wie sehr Martha Muchow beunruhigt war, die
Hilflosigkeit der sogenannten geistigführenden Kreise der politischen
Entwicklung gegenüber zu erleben. »In bebender Erregung erlebte sie die
Machtergreifung durch den Nationalsozialismus… täglich kommen
verzweifelte Menschen zu Martha Muchow, der immer Hilfsbereiten und
Teilnehmenden: politisch Verfolgte, Verfemte und
Geächtete,…Erschütterung durch Selbstmorde im nächsten
Bekanntenkreis.«5
Im April 1933 wurde Professor William Stern aus seinem Institut
ausgesperrt. Martha Muchow stand zunächst in der Leitung allein, wurde
dann am 25. September veranlasst, das Psychologische Institut an den
von den Nationalsozialisten gestellten Erziehungswissenschaftler Gustav
Deuchler verwaltungsmäßig zu übergeben und selbst das Institut zu
verlassen und in den Schuldienst zurück zu gehen.
Ihr jüngerer Bruder, Hans Heinrich Muchow, hinterließ uns hierzu
folgenden Bericht: »Nach dem erzwungenen Weggang William Sterns sah
sich meine Schwester vielfachen persönlichen Verleumdungen ausgesetzt.
Die Diffamierungen zielten auf ihre Mitarbeit am »jüdischen Institut«,
wo doch »alles verschwägert und versippt« sei. Als ich in einer
Unterredung mit dem neuen nationalsozialistischen Institutsdirektor
Deuchler diese Verleumdung und deren mögliche Quellen ansprach, tat
dieser Herr ganz unwissend. – Nachdem meine Schwester das Institut an
Deuchler übergeben hatte, hat sie ganz schnell gehandelt. Wir erhielten
noch einen Anruf von Professor Stern. Im letzten Gespräch, das er mit
meiner Schwester geführt hat, hatte sie bereits Andeutungen in dieser
Richtung gemacht. Als wir zu ihrer Wohnung fuhren und schließlich die
Tür aufbrechen ließen, lag sie zusammengebrochen beim Gasherd und hatte
sich die Pulsadern aufgeschnitten.«6 Die Ärzte hatten vergeblich
versucht, Martha Muchow ins Leben zurück zu holen. Nach zwei Tagen
Krankenhausaufenthalt verstarb sie am 27. September 1933 im Alter von
41 Jahren.
Martha Muchow hielt enge Verbindung zu den Praxisfeldern öffentlicher
Jugendhilfe. Sie stand der Arbeit des Jugendamtes durch praktische
Hilfe in den Gefährdetengruppen und durch Arbeitsgemeinschaften mit den
Fachkräften (Kindergärtnerinnen, Jugendleiterinnen, Sozialarbeiterinnen
und Sozialarbeiter) sehr nahe. Die Gestaltung des Kindergartens und der
sozialpädagogischen Ausbildung waren ihr besondere Anliegen. Die von
ihr erkannte »Straßensozialisation« großstädtischer Kinder eröffnet uns
auch heute noch nachhaltige Perspektiven, nicht zuletzt auch im
Seitenblick auf das gesellschaftliche – und lebensraumtypologische –
Phänomen der »Straßenkinder« in Deutschlands Metropolen. Das Lebenswerk
dieser großartigen Frau ist nicht mit ihr ins Grab gesunken. Es lebt
und wirkt fort. »Martha und Hans Heinrich Muchows wissenschaftliche
Arbeiten sind Teil der deutschen Kindes- und Entwicklungspsychologie,
die sich seit der Jahrhundertwende in bemerkenswerter Weise
herausgebildet hatte. Insbesondere Martha Muchows wissenschaftliche
Biografie ist unauflöslich mit der Geschichte des Psychologischen
Laboratoriums verbunden, das unter der Leitung William Sterns seit dem
Ersten Weltkrieg zu einem der Zentren psychologischer Kindes- und
Jugendforschung geworden war.«
*1 Die nachfolgenden Angaben verdanken wir der 1998 von Jürgen
Zinnecker herausgegebenen Neuausgabe des zuerst 1935 in Hamburg
erschienenen Buches: »Martha Muchow, Hans Heinrich Muchow – Der
Lebensraum des Großstadtkindes«, Weinheim und München.
*2 Hans Heinrich Muchow war in den 50er und 60er Jahren ein
vieldiskutierter Autor zur Psychologie und Geschichte der deutschen
Jugend. Als Taschenbuchbände erlebten »Sexualreife und Sozialstruktur
der Jugend« (1959) und »Jugend und Zeitgeist« (1962) hohe Auflagen.
Hans Heinrich Muchow definiert die beiden Arbeiten zur
»epoachaltypologischen Jugendpsychologie« als Erfüllung des
wissenschaftlichen Vermächtnisses seiner Schwester. (Zinnecker, a.
a.O., S. 28)
*3 a. a.O., S. 31
*4 Der »Internationale Arbeitskreis für Erneuerung der Erziehung« trat
mit seiner 3. Internationalen Pädagogischen Konferenz im August 1925 in
Heidelberg in Erscheinung; Grundsatz war das pädagogische Ziel, »das
Kind bereit zu machen, der Überlegenheit des Geistes über das
Stoffliche und der Verwirklichung dieses Geistes im täglichen Leben zu
dienen. Man müsse bestrebt sein, die geistige Kraft im Kinde zu wahren
und zu erhöhen.«
*5 Zinnecker, a. a.O., S. 156
*6 Zinnecker, a. a.O., S.6
Literatur
Zinnecker, Jürgen (Hrsg.): Martha Muchow, Hans Heinrich Muchow – Der
Lebensraum des Großstadtkindes. Neuausgabe mit biographischem Kalender
und Bibliographie Martha Muchow.Weinheim u. München 1998
Berger, Manfred: Martha Muchow (1892–1933), in: Berger,M.: Frauen in
der Geschichte des Kindergartens. Ein Handbuch. Frankfurt a. M. 1995,
S. 146–150
(aus "Martha Muchow (1892–1933) – Opfer ihrer Überzeugung", in:
"Hamburgische Notizen der Patriotischen Gesellschaft von
1765",Mai-August 2003 ) - mit freundlicher Genehmigung