Frei soll die Lehre sein und frei das Lernen: Zur Geschichte der Universität Hamburg
Autor: Prof. Dr. Rainer Nicolaysen
Autor: Prof. Dr. Rainer Nicolaysen
Der nachfolgende Überblick zur Hamburger Universitätsgeschichte ist als „work in progress“ zu verstehen. Er wird künftig auf dieser Website regelmäßig aktualisiert: Neueste Forschung soll fortwährend eingearbeitet, die Darstellung der Universitätsgeschichte seit 1945 erheblich erweitert werden.
Die Universität Hamburg, heute mit rund 38.000 Studierenden in mehr als 90 Studiengängen fünftgrößte Hochschule in der Bundesrepublik, zählt nicht zu den „altehrwürdigen“ Universitäten; sie kann nicht auf eine jahrhundertealte Geschichte zurückblicken, wohl aber auf eine Traditionslinie eigener Art verweisen: am 10. Mai 1919 feierlich eröffnet, ist sie die erste demokratische Universitätsgründung in Deutschland.
Der Aufbruch in die Demokratie von Weimar spiegelte sich in Zielsetzungen der Institution, wie sie der spätere Schulsenator, der Sozialdemokrat Emil Krause, im März 1919 in der Hamburgischen Bürgerschaft umrissen hatte: Demnach sollten zwar auch in Hamburg die Zwecke, denen die Universitäten bisher gedient hätten, weiter gepflegt werden, und insofern sei „eine Universität in der alten Form nötig“. „Aber diese Form muß einen Inhalt bekommen, der dem Geiste der neuen Zeit entspricht. Wir müssen eine Universität haben mit freiester Verfassung und mit freiesten Zulassungsbedingungen.“ Es gehe nicht mehr um eine Universität einzig für Studierende, die sich auf einen Gelehrtenberuf vorbereiten wollten, sondern um eine Hochschule, „die allen Gliedern des Volkes die Möglichkeit gibt, diejenigen Geistesfähigkeiten zu erwerben, die sie für wünschenswert halten“. Zur Umsetzung dieses demokratischen Bildungsanspruchs sollten neben der Universität eine Volkshochschule und neben der Volksschule „volkstümliche Vorlesungskurse“ eingerichtet werden.[2] Nicht ohne Pathos fasste Krause bald darauf in der entscheidenden Bürgerschaftssitzung zusammen: „Frei soll die Lehre sein und frei das Lernen, würdig dem freien Staat Hamburg.“[3]
Die Frage nach Verwirklichung oder Verwerfung jenes der Institution ins Stammbuch geschriebenen demokratischen Charakters durchzieht leitmotivisch die folgenden Annäherungen an die Geschichte der Hamburger Universität im 20. Jahrhundert: eine Entwicklung, der es an Umbrüchen nicht mangelt, worauf einen ersten Hinweis bereits die drei Namen geben, welche die Hochschule in der kurzen Zeit ihrer Existenz geführt hat. Der ihr bei Gründung verliehene Titel „Hamburgische Universität“ sollte mehr als den Standort, nämlich zudem eine – freilich unterschiedlich interpretierte – spezifische Ausprägung der neuen Einrichtung anzeigen. Ihr zweiter – ideologisch aufgeladener – Name „Hansische Universität“, den sie auf Geheiß ihres nationalsozialistischen Rektors, des „Kolonialhistorikers“ Adolf Rein, seit Oktober 1935 trug, steht für die fundamentale Wandlung der Institution in der NS-Zeit, für eine Universität, die als Stätte freier Wissenschaft schon 1933 zu existieren aufgehört hatte. Ihren heutigen Namen erhielt die Hochschule, als sie im November 1945 von der britischen Besatzungsmacht wieder eröffnet wurde: schon angesichts der personellen Kontinuität im Lehrkörper keineswegs eine „Stunde Null“, aber doch ein von vielen empfundener Neuanfang, der in der nüchternen Bezeichnung „Universität Hamburg“ zum Ausdruck kommen sollte. Obgleich nicht mit den Umbrüchen von 1945 oder gar von 1933 zu vergleichen, verliefen auch die vergangenen sechs Jahrzehnte für die Universität nicht ohne tiefe Zäsuren. Der mit dem Hamburger Universitätsgesetz von 1969 vollzogene Wechsel von der „Ordinarienuniversität“ zur „Gruppenuniversität“ erschien manchen ihrer Angehörigen nicht weniger als eine Neugründung der Institution. Den seither größten Strukturwandel erlebt die Universität seit einigen Jahren: nicht in der Richtung, wohl aber im Grad der Veränderung erinnernd an jenen Wandel vor vierzig Jahren.
Wenn im folgenden Überblick zur Geschichte der Hamburger Universität im 20. Jahrhundert gerade für die jüngere Vergangenheit lediglich einige Grundlinien skizziert und erste Hinweise gegeben werden können, ist dies nicht allein der geforderten Komprimierung geschuldet, sondern auch dem Forschungsstand. Denn während die komplexe Vorgeschichte, die in die Gründung der „Hamburgischen Universität“ mündete, als recht gut erforscht gelten kann,[4] zur Entwicklung der Hochschule in der Weimarer Republik zumindest erste wichtige Arbeiten vorliegen [5] und vor allem der Hamburger „Hochschulalltag“ im „Dritten Reich“ in für deutsche Universitäten einmaliger Intensität beleuchtet wurde,[6] ist die „Universität Hamburg“ seit 1945 geschichtswissenschaftlich weitgehend Terra incognita. Eine umfassende Geschichte der Hamburger Universität steht noch aus.[7]
Wenn Hamburg auch bis 1919 keine Universität besaß, so wurde hier doch Wissenschaft betrieben und vermittelt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts überstiegen die Hamburger Forschungs- und Bildungseinrichtungen nach Differenzierungsgrad und Finanzvolumen die Ausstattung einer jeden preußischen Universität, Berlin ausgenommen.[8] Gleichwohl gestaltete sich die Universitätsgründung in der von Kaufmannsinteressen geprägten Hansestadt ausgesprochen schwierig.[9] Bis zur Errichtung der Hamburgischen Universität argumentierten ihre Widersacher vor allem mit den schwer kalkulierbaren Kosten einer solchen Einrichtung; bisweilen wurde auch ganz offen deren Nützlichkeit gerade für Hamburg bezweifelt, und zudem spielte der Gedanke eine Rolle, eine elitäre Professoren- und Studentenschaft könne die soziale Hierarchie der Stadt in Frage stellen.
Ansätze wissenschaftlicher Ausbildung hatte es in Hamburg schon zu Beginn des 16. Jahrhunderts gegeben, als der Reformator Johannes Bugenhagen mit der Schulordnung von 1529 neben der Gelehrtenschule des Johanneums auch ein „Lectorium“ zur Erwachsenenbildung schuf. An die Errichtung einer Universität, damals Privileg geistlicher und weltlicher Fürsten, war für die Stadtrepublik nicht zu denken. Stattdessen beherbergte Hamburg ab 1613 mit dem Akademischen Gymnasium die für eine freie Stadt als angemessen geltende Institution höherer Bildung: Zwei Semester lang konnten hier, analog zu den propädeutischen Philosophischen Fakultäten der Universitäten, Vorlesungen in den artes liberales besucht werden, die damals dem Studium in den „höheren Fakultäten“ der Theologie, Rechtswissenschaft und Medizin vorausgingen. Seinen zeitweise guten Ruf verdankte diese Hamburger „Voruniversität“ Gelehrten wie Joachim Jungius, Rektor von 1628 bis 1657, und im späten 18. Jahrhundert den tätigen Aufklärern Hermann Samuel Reimarus und Johann Georg Büsch.

Mit der Aufklärung und der Differenzierung der Wissenschaften erlangte die Philosophische Fakultät an den Universitäten ihre Gleichberechtigung, verlor aber den Charakter einer höheren „Vorschule“ für die anderen Fakultäten. Die Akademischen Gymnasien wurden damit funktionslos; in Hamburg gab es schon längere Zeit so gut wie keine Studenten mehr, als die obsolete Institution schließlich 1883 – nach 270 Jahren – formell aufgelöst wurde.[10] Die Pflege wissenschaftlicher Bildung hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits auf das aus dem Akademischen Gymnasium heraus 1764 von Büsch begründete, 1837 reformierte und seither staatlich anerkannte Allgemeine Vorlesungswesen verlagert. An der rasanten Entwicklung der Wissenschaften im 19. Jahrhundert nahm Hamburg mit seinen „Wissenschaftlichen Anstalten“ teil: dem Botanischen Garten (1821), der Sternwarte (1833), dem Chemischen Staatslaboratorium (1878), dem Physikalischen Staatslaboratorium (1885), dem Laboratorium für Warenkunde (1885) und dem Institut für Schiffs- und Tropenkrankheiten (1900). Daneben wurden in rascher Folge wichtige Museen gegründet: die Kunsthalle (1869), das Museum für Kunst und Gewerbe (1877), das Völkerkundemuseum (1879) sowie das Museum für Hamburgische Geschichte (1908), welches auf die seit 1839 entstandene Altertumssammlung zurückging.
Eine Universität in Hamburg blieb jedoch in weiter Ferne, obgleich es im Laufe des 19. Jahrhunderts durchaus Anläufe von „Universitätsfreunden“ gegeben hatte, das verödende Akademische Gymnasium durch Gründung einer Universität zu erlösen: Eine Wirtschafts- und Handelsmetropole wie Hamburg sei es sich schuldig, auch als Wissenschaftsstandort Profil zu zeigen. Mehrheitsfähig in Senat und Bürgerschaft war jedoch lediglich der Ausbau der bisherigen Einrichtungen, soweit sie gerade nicht als Basis einer künftigen Universität verstanden wurden, sondern als deren – insonderheit praxisbezogene – Alternative.[11]
Entscheidenden Auftrieb erhielt die Universitätsidee erst Ende des 19. Jahrhunderts durch den Juristen Werner von Melle, der seit 1891 als Senatssyndikus, seit 1900 als Senator für das Allgemeine Vorlesungswesen und die Wissenschaftlichen Anstalten zuständig war. Von Melle war nicht nur Befürworter einer Universitätsgründung in Hamburg – er verstand diese geradezu als Lebensaufgabe.[12] Beständig versuchte er, den Kreis der „Universitätsfreunde“ zu vergrößern und die wissenschaftlichen Einrichtungen auszubauen. Insbesondere das von ihm 1895 reorganisierte Vorlesungswesen sollte, systematisch erweitert und durch Verpflichtung namhafter Gastdozenten und Vortragender aufgewertet, zum Vorläufer einer Universität werden.
Ein weiterer Schritt in diese Richtung gelang von Melle, als er 1906 die Errichtung einer ordentlichen Professur für Nationalökonomie durchsetzte, die im folgenden Jahr mit Karl Rathgen, dem späteren ersten Rektor der Hamburgischen Universität, prominent besetzt werden konnte. Finanzielle Unterstützung bei derlei Berufungen bot die 1907 auf Betreiben von Melles gegründete „Hamburgische Wissenschaftliche Stiftung“,[13] die im selben Jahr mit der Errichtung einer Stiftungsprofessur für Geschichte einen in Deutschland bislang unbekannten Weg beschritt.[14] Die Berufung des wie Rathgen aus Heidelberg abgeworbenen Neuzeit-Historikers Erich Marcks galt als spektakulär.[15] Ebenfalls im Jahre 1907 ließ eine andere private Initiative aufhorchen: Nachdem die Bürgerschaft im Jahre 1899 die Errichtung eines eigenen Vorlesungsgebäudes abgelehnt hatte, stiftete nun der Hamburger Kaufmann Edmund Siemers ein adäquates Zentrum für die wissenschaftliche Bildung. Die großzügige Schenkung, seit 1919 Hauptgebäude der Universität, wurde 1911 eingeweiht.[16]
Dort war fortan auch das Kolonialinstitut beheimatet, für das Hamburg 1908 den Zuschlag erhalten hatte. Die im Oktober jenes Jahres eröffnete, vom Reich geförderte Institution sollte Kolonialbeamte ausbilden und konnte sich des Wohlwollens der Hamburger Kaufmannschaft sicher sein, stand sie doch ganz im Zeichen ökonomisch verwertbarer Ergebnisse.[17] Diese von der Bürgerschaft einstimmig beschlossene Gründung ermöglichte indes auch die Schaffung neuer Professuren – für Geographie, Öffentliches Recht sowie für Geschichte und Kultur des Orients – und galt den Universitätsbefürwortern als weiterer Schritt in Richtung Universität. Im folgenden Jahr wurde das Kolonialinstitut durch Professuren für afrikanische Sprachen sowie Sprachen und Geschichte Ostasiens, die ersten ihrer Art in Deutschland, ergänzt.[18] Damit war die Basis für die Auslandsstudien gelegt, die später auch – mit je nach politischem System unterschiedlichen Inhalten – zu einem Markenzeichen der Hamburger Universität werden sollten. Im Juli 1910 bewilligte die Bürgerschaft vier weitere ständige Professuren für das Allgemeine Vorlesungswesen, darunter ein Ordinariat für deutsche Sprachwissenschaft mit Betonung des Niederdeutschen, da es „Ehrenpflicht Hamburgs“ sei, „für die niederdeutsche Sprachforschung etwas zu tun“.[19] Die rasche Besetzung mit Conrad Borchling, der sein Amt am 1. Oktober 1910 antrat, markiert zugleich den Beginn des Deutschen Seminars in Hamburg.[20]
Bei den jeweiligen Bewilligungen wurde in der Hamburgischen Bürgerschaft allerdings stets betont, der Ausbau der wissenschaftlichen Bildung bedeute kein Präjudiz für die Gründung einer Universität. Die Widersacher einer Hamburger Universität schienen immer noch zu dominieren, wie Fritz Schumacher, der spätere Oberbaudirektor, als Neu-Hamburger sogleich wahrnahm: „Als ich 1909 nach Hamburg kam, mußte man in den meisten Kreisen sehr vorsichtig von einer Universität sprechen; sehr einflußreiche Leute sahen in ihr nicht nur etwas Überflüssiges, sondern ein Bleigewicht für die wirtschaftliche Stoßkraft Hamburgs, das alle seine Mittel dem Hafen zuwenden sollte. Daneben spielte als Unterton eine Art Eifersucht mit, denn man fürchtete, dass die geistige Führerschaft des Gemeinwesens von einer selbstbewußten Gelehrtenkaste angefochten werden könnte.“[21]
Immerhin hatte von Melle in seiner Amtszeit die Zuwendungen für die Wissenschaftlichen Anstalten und das Allgemeine Vorlesungswesen zwar mühsam, aber stetig steigern und Schritt für Schritt neue Fakten schaffen können. Im Jahre 1908 umfasste das Vorlesungswesen 150 Veranstaltungen; die Gesamtzahl der Hörerinnen und Hörer hatte im Wintersemester 1905/06 schon über 73.000 betragen. Nahezu alle Arbeitsgebiete einer Universität waren vertreten.[22] Der Senator reüssierte auch weiterhin, zumindest teilweise, bei der Schaffung neuer Professuren für das Allgemeine Vorlesungswesen, scheiterte aber im nun forcierten Bemühen um eine Universitätsgründung. Sein formeller Universitätsantrag, im November 1912 im Senat mehrheitlich befürwortet, wurde am 29. Oktober 1913 in der Bürgerschaft mit 80 zu 73 Stimmen abgelehnt.[23]
Vorausgegangen war auch eine breite öffentliche Diskussion, wie es sie bei Universitätsplanungen in Deutschland noch nicht gegeben hatte. Teils hitzig wurden die bekannten Argumente für und wider eine Universität vorgebracht.[24] Von den Gegnern wurde erneut die „geniale Einseitigkeit“ Hamburgs als Kaufmannsstadt beschworen. Bei der Abwehr der Universitätsvorlage rückten wiederum finanzielle Bedenken in den Mittelpunkt, obgleich von Melles Antrag lediglich eine „Rumpfuniversität“ vorsah: Unter Verzicht auf eine Medizinische und eine Theologische Fakultät sollte die Hamburgische Universität aus einer Juristischen, einer Philosophischen, einer Naturwissenschaftlichen und – als Besonderheit – aus einer Kolonialwissenschaftlichen Fakultät bestehen.[25] Ressentiments gegen eine Universität waren jedoch nicht nur in der Kaufmannschaft verbreitet, sondern auch unter Angehörigen des Bildungsbürgertums, die ihr Sozialprestige in der Stadt gefährdet sahen. Selbst einige der in den bestehenden Hamburger Einrichtungen tätigen Professoren lehnten die Gründung einer Universität ab, weil sie ihren Status quo einem regulären Universitätsbetrieb samt Mehrbelastung durch Lehr- und Prüfungstätigkeit vorzogen.
Aus ganz anderen Gründen votierten die – wegen des undemokratischen Wahlrechts in der Bürgerschaft freilich einflusslosen – Sozialdemokraten im Jahre 1913 noch gegen eine Universitätsgründung: Unter den gegebenen Machtverhältnissen werde eine solche Hochschule nur das Bildungsprivileg weniger perpetuieren, nicht aber Bildungschancen für alle eröffnen.[26] Um Letzteres zu erreichen, strebte die SPD eine Reform des gesamten Bildungssystems an und forderte für eine Hamburger Universität, deren Errichtung sie nicht prinzipiell ablehnte, vor allem eine Öffnung des Zugangs und die Ausbildung der Volksschullehrer. Von Melle, so schreibt der sich damals ebenfalls für die Universität engagierende Landgerichtsdirektor Gustav Schiefler, habe „in seinem Patrizierdünkel“ diesen Wünschen nicht Rechnung tragen wollen; ihn treffe die Schuld, dass die sozialdemokratische Partei ins Lager der Universitätsgegner abgeschwenkt sei.[27]
Den ablehnenden Beschluss der Bürgerschaft erachtete Schiefler wie andere „Universitätsfreunde“ als Armutszeugnis für die Stadt, vor allem für deren konservative Kreise: „das hamburgische Bürgertum dieser Epoche hat durch ihn mit eigener Hand in aller Öffentlichkeit den Stempel unter seine Unfähigkeit zu einer weitsichtigen Kulturpolitik gedrückt“.[28] Tatsächlich war dieses Scheitern für die Handelsmetropole, die kurz vor dem Ersten Weltkrieg zur zweiten Millionenstadt in Deutschland avancierte, nicht gerade ein Ausweis von Weitblick und Weltläufigkeit.

Erst mit der Republik wurde schließlich auch der Weg frei für eine Universität in Hamburg. Zwar brachte die alte, nach Klassenwahlrecht gewählte Bürgerschaft in ihrer letzten Sitzung, einer Sondersitzung am 18. März 1919, noch einmal einen Gesetzentwurf zur Universitätsgründung bei Stimmengleichheit zu Fall,[29] doch stand zu diesem Zeitpunkt die Zusammensetzung des neuen Landesparlamentes schon fest. Aus den ersten demokratischen Wahlen am 16. März war die SPD mit absoluter Stimmenmehrheit hervorgegangen. In der dritten Sitzung der neu gewählten Bürgerschaft am 28. März 1919 wurde – fast unverändert – der zehn Tage zuvor gescheiterte Entwurf nun von der SPD erneut eingebracht und mit großer Mehrheit als „Notgesetz“ verabschiedet.[30] Das nur sieben Paragraphen umfassende „Vorläufige Gesetz betreffend die Hamburgische Universität und die Volkshochschule“ [31] wurde am 31. März ausgefertigt und besaß sogar rückwirkende Kraft bis zum 6. Januar 1919. Dank der Privatinitiative einiger Professoren war an diesem Tag ein umfangreiches Programm mit „Notkursen“ vor allem für Kriegsheimkehrer ins Leben gerufen worden, womit im Vorlesungsgebäude faktisch der Universitätsbetrieb bereits begonnen hatte.[32]
Das Gründungsdokument der Universität regelte die Überführung der bestehenden Fächergruppen in vier Fakultäten und deren Ausweitung durch vierzehn ordentliche und neun außerordentliche Professuren. Neben der Rechts- und Staatswissenschaftlichen, der Philosophischen und der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät wurde nun doch eine Medizinische Fakultät geschaffen. Sie konnte auf den großen Hamburger Krankenhäusern aufbauen, insbesondere auf dem 1889 eröffneten Allgemeinen Krankenhaus Eppendorf, das erst 1934 offiziell zum Universitäts-Krankenhaus wurde.[33] Neue Bauten waren für die Universität nicht vorgesehen; das Gesetz verpflichtete sie im Gegenteil zu größter Sparsamkeit, solange die finanzielle Lage des Staates dies erfordere.
Als erste durch ein parlamentarisches Gesetz geschaffene Universität in Deutschland war die Hamburgische Universität eine Errungenschaft der „neuen Zeit“. Erst die Sozialdemokraten hatten der Institution zum Durchbruch verholfen, und zwar, wie die eingangs zitierten Worte Emil Krauses dokumentieren, ausdrücklich als Reformuniversität. Zugleich aber war die Gründung auch der Abschluss jahrzehntelangen Ringens vor allem bürgerlicher „Universitätsfreunde“. Materiell drückte sich diese Vorgeschichte in dem geschilderten System Hamburger Wissenschaftsinstitutionen aus, ohne das die Universität im Jahre 1919 gar nicht hätte starten können. Als Motor jener Bemühungen ehrte sie Werner von Melle im Jahre 1921 mit dem ungewöhnlichen Titel eines „Rector magnificus honoris causa“. Angesichts dieser „doppelten Gründungsidee“ [34] der Hamburgischen Universität blieb fraglich, ob sich ihre Ausgestaltung eher an den Reformideen der Sozialdemokraten oder an traditionellen Universitätsvorstellungen orientieren würde.
Aufbruchstimmung und hohe Erwartungen prägten den Festakt in der Musikhalle, mit dem die Hamburgische Universität am 10. Mai 1919 offiziell eröffnet wurde; Reformansprüche aber wurden schon hier allenfalls eingeschränkt artikuliert. Grundsätzlich sollte sich die Neugründung, wie die Hauptredner Werner von Melle und Karl Rathgen erkennen ließen, im Gleichklang mit ihren „älteren Schwestern“ entwickeln. Als Besonderheit für die Universität „in dem ersten See- und Welthandelsplatz Deutschlands“ hob von Melle die Auslandskunde hervor, für die er ein „Erstgeburtsrecht“ Hamburgs reklamierte, das nicht aufgegeben werden dürfe.[35] Rathgen betonte, wie „bodenständig“ die Universität aus den einheimischen Einrichtungen, den wissenschaftlichen Anstalten und Museen, dem Kolonialinstitut und dem Vorlesungswesen erwachsen sei – Bodenständigkeit solle ihr Spezifikum auch bleiben.[36]
Diese Akzentsetzungen waren bezeichnend für eine Institution, die weder personell noch institutionell bei null begann. Dabei unterschied sich ihr Lehrkörper in Sozialprofil und Altersaufbau nicht von den älteren deutschen Universitäten, an deren Vorbild sich die Mehrheit der Hamburger Professoren orientierte. Schon kurz nach der Gründung wurde deutlich, wie unversöhnlich Rektor und Universitätssenat den Reformplänen der Hamburger Regierungsparteien SPD und DDP gegenüberstanden. Im Sommer 1919 versuchte der Universitätssenat die im „Notgesetz“ vorgesehene Zulassung von seminaristisch ausgebildeten Volksschullehrerinnen und -lehrern zu unterlaufen; im Jahr darauf wurde die ebenfalls dort festgeschriebene Verpflichtung der Professoren, an der mit gleichem Gesetz errichteten Volkshochschule mitzuarbeiten, ausgehebelt, und besonders deutlich zeigte die Diskussion über das schließlich am 4. Februar 1921 in Kraft tretende „richtige“ Hochschulgesetz, mit welch heftigen Abwehrreaktionen der Universitätsgremien zu rechnen war, wenn es um Ansätze einer Demokratisierung der Hochschule ging.[37]
Wichtigster Streitpunkt in der Auseinandersetzung war dabei die Errichtung einer „Hochschulbehörde“. Sie sollte als kollegiales Aufsichtsorgan für die Universität fungieren, wogegen diese einen wahren Sturmlauf inszenierte. Nicht von einem einzelnen Regierungsmitglied beaufsichtigt zu werden, sondern von einem sechzehnköpfigen Gremium, darunter sechs von der Bürgerschaft gewählten Personen, wurde als „Politisierung“ gebrandmarkt. Rathgens Nachfolger im Rektoramt, der Völkerkundler Georg Thilenius, scheute sich nicht, in einem Rundbrief an die Rektoren aller deutschen Universitäten Unterstützung für die angeblich von „ernsthafter Deklassierung“ bedrohte Hamburgische Universität einzufordern und damit das Ansehen seiner Institution zu beschädigen.[38] „Eine derartige Torheit“, so kommentierte der SPD-Bürgerschaftsabgeordnete Andreas Knack, „hätte ich den Herren von der Universität hier nicht zugetraut.“[39]
Knack verfocht in den Debatten zum Hochschulgesetz erneut das sozialdemokratische Ziel einer „Volksuniversität im wahrsten und edelsten Sinne des Wortes“.[40] Hamburg sollte im notwendigen Demokratisierungsprozess der deutschen Hochschulen eine Vorreiterrolle spielen. Doch stießen derlei Bestrebungen, wie Knack ernüchtert konstatierte, an Grenzen in der Institution selbst: Bei Gründung der Universität habe er noch geglaubt, es werde ein Leichtes sein, sich mit ihren Vertretern über „eine freiheitliche, dem Geiste der neuen Zeit entsprechende Universitätsverfassung“ zu einigen – „aber das gerade Gegenteil“ sei der Fall.[41] Trotz der Widerstände wurde zwar die Errichtung der Hochschulbehörde im Gesetz verankert, andere Reformvorstellungen jedoch mussten schon im Vorfeld aufgegeben werden: So war eine bescheidene Vertretung von Studierenden mit Sitz und Stimme im Universitätssenat nicht nur von Professoren entrüstet zurückgewiesen, sondern auch von der Studentenschaft abgelehnt worden.[42] Die meisten Mitglieder der Universität wollten nicht durch Reformen, sondern gerade durch möglichst große Übereinstimmung mit dem traditionellen Hochschulwesen den Wert ihrer Institution begründen. Symbolhaft verdichtete sich diese Haltung im Kampf der Professoren um die Talare, die in Hamburg 1927 eingeführt wurden, um fortan auch hier das im Lehrkörper verbreitete Bedürfnis nach sozialer Abgrenzung zu befriedigen.[43]

Unter den 23 deutschen Universitäten nahm die Alma Mater hamburgensis mithin keine grundsätzliche Sonderstellung ein; doch galt sie bald als vergleichsweise fortschrittlich.[44] Dies lag in erster Linie an der Berufung herausragender liberaler Gelehrter, die maßgeblich das Bild der jungen Universität prägten und ihre frühe Blütezeit begründeten: neben dem Psychologen William Stern, der schon seit 1916 in Hamburg lehrte und entscheidend am Zustandekommen der „Universitätskurse“ Anfang 1919 mitgewirkt hatte, vor allem der Philosoph Ernst Cassirer, der Kunsthistoriker Erwin Panofsky, der Strafrechtler Moritz Liepmann, der Jurist Albrecht Mendelssohn Bartholdy sowie der Physiko-Chemiker und spätere Nobelpreisträger Otto Stern. Mit dem Völkerrechtler Rudolf Laun und dem 1925 berufenen Sozialökonomen Eduard Heimann gab es unter den Hamburger Ordinarien auch zwei Wissenschaftler, die Mitglied der SPD waren. Laun wurde für die Amtsjahre 1924/25 und 1925/26 zum Rektor der Universität gewählt; ihm folgten mit dem Nationalökonomen Heinrich Sieveking (1928/29) und Ernst Cassirer (1929/30) zwei weitere Befürworter der Republik in diesem Amt. Rückblickend urteilte Toni Cassirer, die Witwe des Philosophen, die Hamburgische Universität sei – ähnlich der Neugründung in Frankfurt am Main – „noch nicht so verstaubt und reaktionär wie die übrigen Bildungsanstalten Deutschlands“ gewesen.[45]

Für eine relative „Fortschrittlichkeit“ der Hamburgischen Universität sprechen weitere Indizien: Der Anteil jüdischer Mitglieder am Lehrkörper war, wie an anderen Großstadtuniversitäten, vergleichsweise hoch. Der Prozentsatz studierender Frauen lag in Hamburg stets über dem Reichsdurchschnitt (1932: 25,7 Prozent gegenüber 18,5 Prozent), ebenso der – allerdings sehr geringe – Anteil von Arbeiterkindern unter den Studierenden (1930/31: 6,8 Prozent gegenüber 3,2 Prozent).[46] Eine Pionierrolle spielte die Hamburgische Universität mit der Ende 1926 in der Bürgerschaft beschlossenen Integration der Volksschullehrerausbildung in die Universität: ein für deren soziale Öffnung fundamentaler Schritt, der außer in Hamburg nur in Thüringen (1922), Sachsen (1923) und Braunschweig (1927) vollzogen wurde.[47]
Die skizzierte Liberalität war beachtlich, wirkte allerdings nicht identitätsstiftend für die gesamte Universität; vielmehr wurde in der Bewertung jener Zeichen der „neuen Zeit“ die Spaltung der Universitätsmitglieder in zwei Lager besonders sichtbar. Wie die Gesellschaft in der Weimarer Republik insgesamt zerrissen war in Befürworter und Gegner der Demokratie, so gab es auch an der Hamburgischen Universität ein spannungsgeladenes Nebeneinander und ein vor allem in der zweiten Hälfte der Republik zunehmendes Gegeneinander von demokratischen und restaurativen Kräften, wobei Letztere deutlich in der Mehrheit waren.
Auch in Hamburg fühlten sich die meisten Hochschullehrer den aus dem Kaiserreich überkommenen Werten verpflichtet und standen der ersten deutschen Demokratie skeptisch bis offen ablehnend gegenüber. Begriffe wie „Parteien“, „Parlamentarismus“ und „Politik“ galten vielen als negative Reizworte. Wer sich für die Republik engagierte, stieg angeblich in die Niederungen der Politik hinab, während sich sogar aktive Republikgegner ihrem professoralen Selbstverständnis nach als „unpolitisch“ bezeichneten. Bestandteil der antidemokratischen Grundhaltung war häufig ein teils offener, teils latenter Antisemitismus, der schon bei Gründung der Universität zu beobachten war: Als im Sommersemester 1919 auf einer Studentenvollversammlung Flugblätter rechtsextremer Vereinigungen verteilt wurden, die zum Boykott jüdischer Professoren aufforderten, versagte der Universitätssenat dem angegriffenen William Stern seine Unterstützung.[48] Nicht einmal von den antisemitischen Tiraden, mit denen der Geograph Siegfried Passarge in den folgenden Jahren die Atmosphäre vergiftete, wollten sich die Universitätsgremien distanzieren.[49]
Bei den Studierenden dominierten ebenfalls antirepublikanische und nationalistische Positionen, die vor allem durch die Korporationen vertreten wurden. Allerdings war deren Dominanz in Hamburg nicht so deutlich wie an anderen deutschen Universitäten. Zeitweise konnten die republikanischen und sozialistischen Studentengruppen bei AStA-Wahlen um die vierzig Prozent der Stimmen (1927 und 1928) auf sich vereinen – ein bemerkenswertes Potenzial, das dennoch die Hegemonie der Korporationen nicht ernsthaft zu gefährden vermochte. Konkurrenz bekamen diese dann ab 1928 vom Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund, der auch in Hamburg bereits 1931 zum eindeutigen Sieger der AStA-Wahlen aufstieg.[50]

Trotz politischer Polarisierung und ökonomisch ständig angespannter Lage wies die neue Hamburger „Arbeitsuniversität“ [51] eine imponierende Leistungsbilanz auf. Die Zahl der Studierenden (ohne Gasthörer), die im Eröffnungssemester 1.729 betragen hatte, stieg schon bis 1923 auf über 4.500 und pendelte sich Anfang der 1930er Jahre auf etwa 3.700 ein; die Anzahl der Lehrenden verdoppelte sich im gleichen Zeitraum von 145 auf knapp 300, dabei stieg die Zahl der ordentlichen Professoren von 39 auf 69.[52] In allen Fakultäten gab es Fachrichtungen, mit denen sich die junge Universität rasch überregionales, zum Teil internationales Ansehen erwarb: Dazu zählten Philosophie und Kunstgeschichte, Psychologie und Pädagogik, Physik und Mathematik, Völkerrecht, Kriminologie und Sozialökonomie, Neurologie und Chirurgie. Die Förderung der Auslandskunde, als besondere Aufgabe im Hochschulgesetz von 1921 festgeschrieben, zeigte sich nicht nur im breiten Spektrum der Sprach- und Kulturwissenschaften, sondern zum Beispiel auch bei der Erforschung von Weltwirtschaft und Überseehandel, bei der Tropenmedizin oder bei dem ersten deutschen Lehrstuhl für Internationales Privatrecht und Auslandsrecht. Dessen Inhaber Albrecht Mendelssohn Bartholdy war zugleich Direktor des 1923 gegründeten Instituts für Auswärtige Politik, das ebenfalls internationale Beachtung fand: als eines der ersten Forschungsinstitute der Welt zur Untersuchung internationaler Beziehungen und Friedensbedingungen.[53] Bahnbrechend für die Entwicklung der Kulturwissenschaften bis heute wirkten die Sammlungen und interdisziplinären Forschungen der von Aby Warburg begründeten Kulturwissenschaftlichen Bibliothek Warburg. Diese private „Problembibliothek“, Zentrum gelebter Geistigkeit und Liberalität, war durch Gelehrte wie Cassirer und Panofsky eng mit der Universität verbunden. Warburg selbst war dort – bis zu seinem Tod 1929 – Honorarprofessor; in gleicher Position wirkte sein Nachfolger als Direktor der „KBW“, Fritz Saxl, ab 1931.[54] Demokratisches Verständnis und Weltoffenheit kennzeichneten Teile der Hamburgischen Universität in beeindruckendem Maße – ein Merkmal, das aber stets umkämpft und gefährdet blieb. Als 1930 die Demontage der Republik endgültig betrieben wurde und die Weltwirtschaftskrise die Rahmenbedingungen dramatisch verschärfte, wuchsen auch an der nun von Schließung bedrohten Hamburgischen Universität die antirepublikanischen Ressentiments. Im Jahr zuvor war, wie erwähnt, mit Ernst Cassirer noch einer der engagierten Demokraten zum Rektor gewählt worden – zugleich einer der ersten jüdischen Universitätsrektoren in Deutschland –, doch seine einjährige Amtszeit geriet bereits zur Zerreißprobe, als er eine Feier zur Würdigung der Weimarer Reichsverfassung im Juli 1930 nur gegen erbitterten Widerstand durchsetzen konnte.[55] Sie blieb auch die einzige ihrer Art, denn nach Cassirer wurden nur noch republikfeindliche Rektoren gewählt.
Insbesondere das Rektorat des Meteorologen Albert Wigand, eines Bismarck-Verehrers und Hitler-Sympathisanten, bewirkte 1931/32 einen radikalen Rechtsruck. Mit dem NS-Studentenbund, der seit 1931 den AStA-Vorsitzenden stellte, übte der Rektor demonstrativen Schulterschluss. Die von den NS-Studenten geforderten Vorlesungen über Wehrwissenschaft setzte er bereits für das Wintersemester 1932/33 auf den Lehrplan der Universität. Regelmäßig brachte Wigand seine Hoffnung auf eine baldige „Wende“ zum Ausdruck, ohne auf breiten Widerspruch zu stoßen. Warnungen gegen diese Entwicklung, wie sie öffentlich von Albrecht Mendelssohn Bartholdy [56] und intern von dem Anglisten Emil Wolff [57] vorgebracht wurden, blieben die Ausnahme und fanden kaum Widerhall.
Innerhalb weniger Monate des Jahres 1933 veränderte sich das Gesicht der Hamburgischen Universität grundlegend.[58] Wie an anderen deutschen Universitäten wurden in Hamburg die „nichtarischen“ und politisch „unerwünschten“ Mitglieder des Lehrkörpers auf der Grundlage des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933 entlassen oder zwangsweise in den Ruhestand versetzt. Schon Ende des Jahres war auch eine neue Hochschulreform unter Führung des späteren Rektors Adolf Rein weitgehend abgeschlossen. Mit dem „Gesetz über die Neuordnung der Universität“, das am 21. Januar 1934 in Kraft trat, wurde die auf Selbstverwaltung basierende Universitätsverfassung zugunsten des „Führerprinzips“ abgeschafft.[59] Stolz präsentierte Rein die Hamburgische Universität als „erste nationalsozialistische Hochschule in Deutschland“. Trotz der dramatischen Entwicklung blieben Protesthandlungen aus.

Zelebriert wurde diese Haltung, als sich die Hamburgische Universität am 1. Mai 1933 in einer Festveranstaltung zu Hitler als ihrem Führer bekannte. Dort pries der Mediziner und Nicht-„Parteigenosse“ Ludolph Brauer als Prorektor die „große deutsche nationale Erhebung“ und verkündete: „Wir bekennen uns zu unserem kraftvollen Reichskanzler Adolf Hitler [...]. Wir haben des Mannes, der uns von der deutschen Zwietracht erlösen sollte, sehnsüchtig geharrt. Nun ist er erstanden. Freudig wollen wir ihm dienen.“ Der deutsch-nationale Brauer betonte die Wichtigkeit von Vaterlandsliebe, Opferbereitschaft, Wehrhaftigkeit und Ehre, bevor er resümierte: „In diesen hohen Idealen werden unsere deutschen Universitäten zu allen Zeiten dastehen, weil es Deutsche sind, die an ihnen walten.“[61]
Ausgrenzung und Entrechtung jener Kollegen, die nun nicht mehr als „Deutsche“ gelten sollten, waren inzwischen an der Tagesordnung. Bereits kurz nach Inkrafttreten des „Berufsbeamtengesetzes“ hatte der NS-Studentenbund, der wie an anderen Universitäten als Antriebskraft der „Gleichschaltung“ wirkte,[62] ein Vorlesungsverbot für sechs Professoren gefordert, weil sie „Juden“ und zwei von ihnen zudem „Marxisten“ – gemeint waren Sozialdemokraten – seien [63] Bei ihren Kollegen fanden die Angegriffenen – Eduard Heimann, Theodor Plaut, Richard Salomon, William Stern, Erwin Panofsky und Walter A. Berendsohn – keine offen bekundete Solidarität.[64] Auch die bald einsetzende Flut von Entlassungen wurde meist als unvermeidbar hingenommen, bisweilen nicht einmal als Unrecht empfunden. Die Universitätsgremien wickelten die entsprechenden „Vorgänge“ bürokratisch-„korrekt“ und nicht selten eilfertig ab. Gleiches galt später für den Entzug der Doktorgrade.[65]
In manchen Instituten fand ein wahrer Kahlschlag statt: im Kunsthistorischen wie im Sozialökonomischen Seminar, im Psychologischen Institut wie im Institut für Physikalische Chemie. Ganze Forschungszweige wurden beseitigt und Kontinuitätslinien abgeschnitten: ein irreversibler Substanzverlust. Es ist symptomatisch für die fundamentale Veränderung der Hamburgischen Universität, dass Ernst Cassirers Lehrstuhl für Philosophie in ein neues Ordinariat für Rassenbiologie umgewidmet wurde und die ordentliche Professur für Kunstgeschichte, die Erwin Panofsky innegehabt hatte, im selben Jahr der Schaffung eines Ordinariats für Kolonial- und Überseegeschichte diente, mit welchem sich Adolf Rein selbst beschenkte. Auch der Kulturwissenschaftlichen Bibliothek Warburg drohte der Zugriff der Nationalsozialisten, welcher im Dezember 1933 durch Transfer der Institution nach London verhindert werden konnte. Das Institut für Auswärtige Politik hingegen wurde 1934 unter die kommissarische Leitung Adolf Reins gestellt, drei Jahre später nach Berlin verlegt und dort mit dem „Deutschen Institut für Außenpolitische Forschung“ unter dessen Namen vereinigt, um fortan Hitlers Angriffspolitik propagandistisch zu unterstützen.
Insgesamt waren mehr als neunzig Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die der Hamburger Universität oder ihrem engen Umfeld angehörten, meist aus „rassischen“, zu etwa zwanzig Prozent aus anderen politischen Gründen, zum Teil nach Denunziation, von Entlassungen betroffen.[66] Fast alle der als „Nichtarier“ entlassenen Hochschullehrerinnen und -lehrer flohen in ein schwieriges Exil und konnten nur so ihr Leben retten. Der Professorin für Niederdeutsche Philologie Agathe Lasch – sie war 1923 erste Professorin der Hamburgischen Universität geworden – gelang die Flucht nicht mehr: Sie wurde 1942 in den Tod deportiert.[67] Martha Muchow, Ernst Delbanco, Gerhard Lassar und Kurt Perels begingen Selbstmord.[68] Singulär für die Hamburger Universität war das Verhalten der Juristin Magdalene Schoch, die nicht bereit war, sich „gleichzuschalten“ und den Vorgaben eines inhumanen Regimes zu entsprechen. Zunehmender Isolierung und Gefährdung begegnete sie 1937 mit Kündigung und Emigration in die USA. Angesichts der drückenden Verhältnisse handelte es sich um keine „freiwillige“ Entscheidung, aber um eine beeindruckend autonome.[69]
Die Ausgrenzung jüdischer Studierender erfolgte seit dem Frühjahr 1933 schrittweise, bis den letzten im November 1938, kurz nach der Reichspogromnacht, auf Anordnung des Reichserziehungsministers endgültig der Besuch der Universität untersagt wurde. In Hamburg waren davon noch neun Studenten betroffen. Bereits 1933 waren 29 Hamburger Studentinnen und Studenten wegen „kommunistischer Betätigung“ vom Studium ausgeschlossen worden.[70]
Im rasanten Wandlungsprozess der Hamburgischen Universität spielte Adolf Rein eine Schlüsselrolle.[71] Bereits in seiner im Januar 1933 veröffentlichten Broschüre „Die Idee der politischen Universität“ hatte der Historiker das Ende der philosophisch-humanistischen Universität gefordert [72] und bald darauf erklärt, Wissenschaft in Deutschland müsse in völkische „Willenschaft“ überführt werden.[73] Ab Mai 1933 trieb Rein als zuständiger Referent in der Hochschulbehörde die Universitätsreform voran, bis er sich im Oktober 1934 nach Etablierung des „Führerprinzips“ zum ersten „Führer-Rektor“ ernennen ließ. Ein Jahr später sorgte er für die Umbenennung der „Hamburgischen Universität“ in „Hansische Universität“. Der neue Name sollte einerseits auf die „blutmäßige“ Verwurzelung der Universität im norddeutschen Raum verweisen, andererseits auf ihr „wagemutiges“ Ausgreifen über die Weltmeere.[74] Gern betonte Rein, die Hamburger Hochschule sei die einzige deutsche Universität im Nordseeraum und damit „Grenzuniversität“, womit sie einen „unmittelbaren deutschen Auftrag“ habe und „in einem entscheidenden Frontabschnitt des deutschen Gesamtlebens stehe“.[75] „Alle Hochschularbeit“, heißt es 1935, „kann nur dem einen Gedanken dienen, Deutschland aus seiner Erniedrigung herauszuführen dadurch, daß ein neues Deutschland gebaut wird, das nationalsozialistische Deutschland unter der Führung von Adolf Hitler.“[76] Die Hansische Universität zählte schließlich nicht, wie der bis 1938 amtierende Rektor anstrebte, zu den wenigen „Vorzeige-Hochschulen“ im NS-Staat; allerdings ging es in Hamburg auch nicht „liberaler“ zu als andernorts, wie nach 1945 gern behauptet wurde.

Die Hamburger Universität war im „Dritten Reich“ nicht in all ihren Bereichen gleichermaßen nationalsozialistisch „durchdrungen“; jedoch gab es auch keinen, der vom Wandel unberührt blieb. Von „Normalität“ an der Universität konnte keine Rede sein, wie nicht nur die im Alltag überall sichtbaren Zeichen zeigten: die Hakenkreuze auf Fahnen, Medaillen und Dokumenten, die Uniformen, Parteiabzeichen und NS-Lieder, der „deutsche Gruß“ oder das gemeinsame Hören der „Führerrede“ im Rundfunk.
Auch die Universität hatte jetzt einen „Führer“. Von der Landesunterrichtsbehörde eingesetzt, ernannte er seinerseits die Dekane der Fakultäten und bestimmte in allen Angelegenheiten, die bislang dem Universitätssenat zur Entscheidung vorgelegen hatten. Einen gravierenden Einschnitt bedeutete die Errichtung der „Dozentenschaft“, die dann weitgehend vom 1935 gegründeten Nationalsozialistischen Deutschen Dozentenbund abgelöst wurde. Mit ihm verfügte die NSDAP über ein Kontrollinstrument in den Universitäten, mit dem sie auf Berufungsverfahren einwirken, den wissenschaftlichen Nachwuchs in „Dozentenlagern“ ideologisch schulen und Entscheidungen über die Erteilung der Lehrbefugnis mitbestimmen konnte.[77]
Drastisch veränderte sich die Hamburger Universität in der Größe und Zusammensetzung von Lehrkörper und Studentenschaft.[78] Die Zahl der Lehrenden sank infolge der Entlassungen um gut sechzehn Prozent. Die Gegner des Nationalsozialismus waren zu einem sehr kleinen Kreis geschrumpft, während die Zahl der NSDAP-Mitglieder trotz zwischenzeitlicher Aufnahmesperren der Partei stark anstieg und insgesamt 280 Professoren, Privatdozenten und Assistenten, mithin 64,8 Prozent der von 1933 bis 1945 in Hamburg tätigen Hochschullehrer, umfasste.[79] Damit waren nahezu zwei Drittel des Lehrkörpers zwar nicht zu begeisterten Nationalsozialisten geworden, aber die Zahl zeigt doch die hohe Bereitschaft, eine Parteimitgliedschaft anzustreben oder zumindest in Kauf zu nehmen – ein Entschluss, der stark von der Generationszugehörigkeit und vom akademischen Status abhing: „Parteigenossen“ wurden eher die jüngeren, noch nicht etablierten Lehrenden, wobei sich Karriereinteressen häufig mit der Begeisterung für den „nationalen Aufbruch“ vermischten.[80]
Die Zahl der in Hamburg Studierenden sank, politisch gewollt, beträchtlich. Waren im Wintersemester 1932/33 noch 3.594 Studentinnen und Studenten eingeschrieben, so reduzierte sich ihre Zahl bis zum Sommer 1939 – dem letzten Vorkriegssemester – auf 1.385. Das studentische Alltagsleben veränderte sich im „Dritten Reich“ erheblich: Vor dem Studium wurden Arbeitsdienst und – ab 1935 – Wehrdienst bzw. „Frauendienst“ obligatorisch; an der Universität selbst warteten dann zahlreiche Verpflichtungen wie politische Schulungslager und organisierte Sportaktivitäten, die neben dem oft vernachlässigten „eigentlichen“ Studium bewältigt werden mussten und im Regelfall nicht die Einsatzbereitschaft der Studenten erhöhten, sondern ihre Lustlosigkeit. Dennoch hatte der NS-Studentenbund schließlich im Sommersemester 1939 jeden zweiten Hamburger Studierenden als Mitglied gewinnen können.[81]
Auch in Forschung und Lehre gab es einschneidende Änderungen, wenngleich – je nach Fachgebiet und Fachvertretern – in unterschiedlichem Maße. Besonders offensichtlich schlug sich der nationalsozialistische Anspruch einer völkisch-rassistischen und zweckgebundenen Wissenschaft zunächst in der Errichtung von Professuren für Rassenbiologie, für Kriegsgeschichte und Wehrwissenschaft sowie für Vor- und Frühgeschichte nieder, die durch Lehrgebiete wie Kampfgaskunde, Militärstrafrecht, Rohstoffkunde der Kolonien und Kolonialrecht ergänzt wurden. Doch auch quer durch die gesamte Universität lassen sich Beispiele unterschiedlich weiter ideologischer Anpassung beschreiben: in der Germanistik wie in der Soziologie, in den Wirtschaftswissenschaften wie in der Medizin. Eine flächendeckende „nationalsozialistische Wissenschaft“, was immer das für die einzelnen Fächer hätte sein sollen, wurde nicht etabliert, aber Zugeständnisse und Annäherungen an die NS-Ideologie waren keine Seltenheit. Weit größer noch war die Bereitschaft, traditionelle Forschung und Ausbildung auf die Bedürfnisse des NS-Staates umzustellen. Es bedurfte keiner ausdrücklichen Anerkennung nationalsozialistischer Ideen, um für das NS-Regime nützlich zu sein, wie etwa die tatkräftig vorangetriebene Forschung von Physikern und Chemikern belegt. In system- und speziell kriegswichtige Forschung waren auch in Hamburg immer größere Teile der Wissenschaft involviert, wobei Formen der Selbstindienstnahme vielfältig und verbreitet waren.[82]
Gleichwohl rühmten sich nach 1945 nicht wenige Professoren, eine völlige Politisierung der Universität abgewehrt und ihre wissenschaftlichen Standards nie aufgegeben zu haben. Tatsächlich zeigten die Hochschullehrer Beharrungsvermögen, wenn es darum ging, Reste ihrer überkommenen Privilegien, etwa desjenigen der Selbstrekrutierung, in der Praxis zu verteidigen.[83] Diese Selbstbehauptungsbemühungen wurzelten in der Regel aber nicht in einer grundsätzlichen Ablehnung des Nationalsozialismus, sondern in dem Bestreben, eigene Rechte zu sichern und den wissenschaftlichen Standard zu halten, was in vielen Fällen gelang.
Mit den militärischen Erfolgen der ersten Kriegsjahre erreichte die Zustimmung zum „Dritten Reich“ auch an der Hansischen Universität ihren Höhepunkt. Damit einher gingen hoch fliegende Pläne für die Hochschule selbst, die zum Zentrum der deutschen Kolonialwissenschaften aufsteigen und beim Ausbau Hamburgs zu einer von fünf „Führerstädten“ an prominenter Stelle am Elbufer platziert werden sollte.[84] „Am Ende dieses Krieges werden wir wieder Kolonien haben“, meldete der „Hamburger Anzeiger“ im Mai 1941, „und unsere Universität ist in erster Linie dazu ausersehen, die Fachleute auszubilden, die wir in unserem künftigen Kolonialbesitz brauchen!“[85]

Der Kriegsverlauf verwandelte Begeisterung in verbissenes Durchhalten. Als sich die Hansische Universität im Mai 1944 anlässlich ihres 25-jährigen Bestehens feierte, als gäbe es keinerlei Auflösungserscheinung,[86] befand sie sich bereits in desolatem Zustand: Teile der Universität waren zerstört, ein regulärer Lehr- und Forschungsbetrieb fand kaum noch statt.[87] Doch trotz aller Ernüchterung rückten ihre Mitglieder in der Mehrzahl nicht grundsätzlich von ihren Positionen ab. Diejenigen, die auf Befreiung hofften, die eine militärische Niederlage Deutschlands wünschten, weil das NS-Regime nur auf diese Weise zu beseitigen war, blieben bis zum Schluss eine isolierte Minderheit.[88]
Zu den wenigen Regimegegnern im Hamburger Lehrkörper zählten neben den späteren Nachkriegsrektoren Emil Wolff, Rudolf Laun und Bruno Snell etwa der Pädiater Rudolf Degkwitz und der Pädagoge Wilhelm Flitner, die in unterschiedlichen Formen von Resistenz Zeichen setzten. Der einzige überindividuelle Widerstand an der Hamburger Universität kam von Studenten der „Hamburger Weißen Rose“.[89] Acht Mitglieder der später unter diesem Namen zusammengefassten Kreise nicht nur studentischer Regimegegner verloren ihr Leben, hingerichtet oder in Gefängnissen oder KZ-Haft gestorben – unter ihnen die Studierenden Reinhold Meyer, Hans Leipelt, Margaretha Rothe und Friedrich Geussenhainer. An sie erinnert seit 1971 eine Gedenktafel im Auditorium maximum.[90] Zu ihrer „Wiederentdeckung“ hatte es eines Vierteljahrhunderts bedurft.
Nach der kampflosen Besetzung Hamburgs durch britische Truppen am 3. Mai 1945 wurde die Hansische Universität zunächst geschlossen, aber schon ein halbes Jahr später als „Universität Hamburg“ feierlich wiedereröffnet.[91] Die programmatische Eröffnungsrede des Rektors Emil Wolff stand ganz im Zeichen des Versuchs, möglichst bruchlos an die Zeit vor 1933 anzuknüpfen, an ein der „europäischen Tradition“ verpflichtetes Wissenschaftsverständnis, das Wolff selbst in der Tat repräsentierte.[92] Die zwölf Jahre nationalsozialistischer Herrschaft deutete der Rektor als Einbruch der Politik in die akademische Welt, als Ausnahme-Situation für die Universität, und verband damit das Angebot an alle, die sich im „Dritten Reich“ nicht extrem exponiert hatten, an der Rückkehr zur „Normalität“ teilzunehmen. Diese Interpretation beförderte die korporative Geschlossenheit der Professoren, vermied jedoch eine inneruniversitäre Auseinandersetzung über die eigene Rolle im „Dritten Reich“.[93]
Die personelle Kontinuität an der Universität Hamburg war groß. Die von den Besatzungsbehörden rigoros begonnenen Entnazifizierungsbemühungen blieben bald stecken. Nach Übergabe der Verantwortlichkeit in deutsche Hände wurden immer mehr Belastete zu „Mitläufern“, die dann als Lehrende an die Universität zurückkehrten oder ihr als Emeriti wieder angehörten.[94] Selbst der im Sommer 1945 suspendierte Adolf Rein konnte bis 1949 die Anerkennung voller Pensionsbezüge durchsetzen. Im Jahre 1953 hielt er erstmals wieder einen Vortrag in der Universität – im zweitgrößten Hörsaal sprach er über „das Machtproblem in der Geschichtsschreibung“.[95] Die Hamburger Professoren unterschieden sich nicht grundsätzlich von ihren Kollegen an anderen deutschen Universitäten, die sich in der Mehrzahl nicht selbstkritisch mit ihrer Rolle im „Dritten Reich“ auseinandersetzten, sondern eine „durchaus lautstarke akademische Vergangenheitspolitik“ betrieben, „in der sich die politische Rehabilitation und die wissenschaftliche Umwidmung der eigenen Arbeit gegenseitig verstärkten“.[96]

Von den exilierten Hochschullehrerinnen und -lehrern kehrten nur wenige nach Hamburg zurück.[97] Eine generelle Einladung seitens der Universität gab es nicht, lediglich vereinzelte Bemühungen.[98] Die Universitätsgremien verhielten sich in der Regel abwartend, bisweilen abblockend, wie etwa bei Siegfried Landshut, dem ehemaligen Assistenten Eduard Heimanns, der 1951 schließlich doch den ersten Hamburger Lehrstuhl für die „Wissenschaft von der Politik“ erhielt.[99] Neben dem Psychologen Curt Bondy, dem Anglisten Ludwig Borinski und dem Zoologen Curt Kosswig zählte Landshut zu den noch langjährig an der Universität Hamburg lehrenden Remigranten. Im Falle Walter A. Berendsohns verhinderte die Philosophische Fakultät in den 1950er Jahren hartnäckig die Rückkehr des politisch denkenden Germanisten und Exilforschers.[100] Angesichts eines umfassenden Verdrängungsprozesses auch in den Universitäten galten Remigranten als potenzielle Störfaktoren, die, wollten sie nicht erneute Ausgrenzung erfahren, über Vertreibung und Exilerfahrung besser schwiegen.
Trotz gewollter personeller wie programmatischer Kontinuitäten, ungeachtet des Festhaltens der Ordinarien an elitärem Selbstverständnis, Privilegien und Ritualen, veränderte sich die Universität Hamburg in den eben nicht nur „bleiernen“ fünfziger Jahren erheblich – abzulesen bereits an den rapide steigenden Studentenzahlen. Im ersten Nachkriegssemester waren unter schwierigen Bedingungen 3.051 Studierende aufgenommen worden; 1950 betrug die Zahl bereits 4.506, um dann binnen eines Jahrzehnts auf 12.674 anzuwachsen, sich mithin fast zu verdreifachen.[101] Die Zahl der Lehrkörpermitglieder stieg in diesen zehn Jahren von 375 auf 620, darunter die der Ordinarien von 74 auf 117.[102] Die Anzahl der Fakultäten hatte sich schon im Jahre 1954 auf sechs erhöht, als eine Theologische Fakultät eröffnet worden war [103] und sich die Rechts- und Staatswissenschaftliche in eine Rechtswissenschaftliche und eine gewichtige Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät geteilt hatte. Den Wachstumszahlen sollte das im letzten Drittel der Dekade begonnene Bauprogramm, das größte in der Geschichte der Universität, entsprechen, welches unter anderem die Schaffung des heutigen Campus am Von-Melle-Park mit Auditorium maximum und Philosophenturm einschloss. Dennoch blieb die räumliche Kapazität bei Fertigstellung der Projekte schon wieder hinter dem Bedarf zurück. Raumnot erwies sich als Dauerthema der Universität von ihrer Gründung bis heute. Eine stürmische Entwicklung fand auch in den Wissenschaften selbst statt: Ausbau und Differenzierung aller Fächer ließen zunehmend die Notwendigkeit modernisierter Forschungsorganisation und intensiver – auch interdisziplinärer – Zusammenarbeit deutlich werden.

Dabei spielte in der seit dem letzten Drittel der 1950er Jahre verstärkt auch öffentlich geführten Diskussion über Wissenschaft und Forschung der Rückstand der Bundesrepublik im internationalen Vergleich eine zentrale Rolle. Der Pädagoge Georg Picht warnte Anfang 1964 eindringlich vor einer „deutschen Bildungskatastrophe“ und prognostizierte mangelnde Konkurrenzfähigkeit der Bundesrepublik, sofern sie ihre Bildungsreserven nicht zu nutzen verstehe.[104] Einen weiteren Horizont der bildungspolitischen Debatte in den „dynamischen“ 1960er Jahren [105] eröffnete die Forderung nach sozialer Chancengleichheit, wie sie insbesondere Ralf Dahrendorf in seinem Buch „Bildung ist Bürgerrecht“ von 1965 vertrat. Der damalige Konstanzer und vormals Hamburger Soziologe kennzeichnete Bildung als soziales Grundrecht und notwendige Bedingung einer funktionierenden und gelebten Demokratie.[106] Nach der institutionellen Demokratisierung der Bundesrepublik in den 1950er Jahren galt es jetzt, „in einem zweiten Gründungsakt“ Liberalisierung und Demokratisierung der Gesellschaft nachzuholen [107] – nicht zuletzt an den Universitäten.

Die auch in Hamburg verbreitete Aufbruchstimmung vor allem der jüngeren Generation fand am 9. November 1967 in einem symbolträchtigen Akt besonderen Ausdruck: Bei der alljährlichen Feier zum Rektorwechsel entrollten zwei Studenten vor den ins Auditorium maximum einziehenden Professoren ein Transparent mit der Aufschrift „Unter den Talaren – Muff von tausend Jahren“, womit nicht nur ein Slogan der westdeutschen Studentenbewegung geboren, sondern auch die „heiße Phase“ hochschulpolitischer Auseinandersetzung an der Universität Hamburg eingeläutet wurde. Für die Mehrzahl der Professoren war die studentische Aktion eine ungeheure Provokation, obgleich nicht einmal alle die Anspielung auf das „Tausendjährige Reich“ wahrnahmen. Aufhalten ließ sich das Engagement für eine „Demokratisierung der Hochschulen“ freilich nicht – zumal eine grundsätzliche Hochschulreform nicht nur von der in Fahrt gekommenen Studentenbewegung gefordert wurde, sondern auch vom stark angewachsenen akademischen „Mittelbau“, den nach Mitbestimmungsrechten strebenden Dozenten, Assistenten und wissenschaftlichen Mitarbeitern. Die Ordinarien, die bislang fast allein über die Entscheidungsmacht in der Universität verfügt hatten, gerieten nun zunehmend in die Defensive. Die Talare, in den 1920er Jahren als Statussymbol erkämpft, hatten ausgedient: Bei besagter Feier wurden sie das letzte Mal in Hamburg getragen.
Die intensive Diskussion über die Modernisierung des Hochschulwesens mündete in Hamburg in ein am 25. April 1969 von der Bürgerschaft verabschiedetes Universitätsgesetz,[108] das mit den Strukturen der Ordinarienuniversität brach und als erstes Hochschulreformgesetz der Bundesrepublik Geschichte schrieb. Nie war die Hamburger Universität der Einlösung ihres demokratischen Gründungsauftrags von 1919 näher gekommen als jetzt – fünfzig Jahre nach ihrer Errichtung.
Die akademische Selbstverwaltung oblag nicht mehr maßgeblich den Ordinarien, sondern wurde auf alle Gruppen innerhalb der Universität verteilt. Mitwirkungsrechte im Akademischen Senat und im Konzil hatten fortan Professoren, Dozenten, Assistenten, Studierende sowie das seit 1972 auch stimmberechtigte Technische und Verwaltungspersonal. Gleiches galt für die Gremien der zunächst fünfzehn Fachbereiche, welche die Fakultäten ersetzten. Revolutionär war die Möglichkeit, dass die Gruppe der Professoren überstimmt werden konnte – eine Regelung, die allerdings mit dem am 1. Januar 1979 in Kraft tretenden Hamburgischen Hochschulgesetz, in Anpassung an die bundesrechtlichen Bestimmungen des ersten Hochschulrahmengesetzes von 1976, endgültig kassiert wurde. Eine zentrale Neuerung war 1969 zudem die Einführung einer Präsidialverfassung: Der bislang von den Ordinarien aus ihrem Kreis auf ein Jahr bestimmte ehrenamtliche Rektor wurde ersetzt durch einen mit mehrjähriger Amtszeit ausgestatteten, vom Konzil gewählten professionellen Präsidenten, der kein Professor sein musste. Als am 12. Dezember 1969 mit dem Vorsitzenden der Bundesassistentenkonferenz (BAK), dem 37-jährigen Bonner Theologen Dr. Peter Fischer-Appelt, tatsächlich ein wissenschaftlicher Assistent die Wahl gewann, rief dies bundesweite Beachtung hervor. Das gegen die Stimmen der Professoren zustande gekommene Votum bestätigte in der Universität, was der neue Bundeskanzler Willy Brandt in seiner Regierungserklärung vom 28. Oktober als „Programm“ für die westdeutsche Gesellschaft angekündigt hatte – „Wir wollen mehr Demokratie wagen“.

Die Reaktionen auf den Wandel der Universität reichten von Verbitterung und persönlicher Verletztheit auf der einen bis zu wahrer Reform-Euphorie auf der anderen Seite. Zum 50. Jahrestag der Universität Hamburg am 10. Mai 1969, nur wenige Tage nach Inkrafttreten des Universitätsgesetzes, blieb eine „akademische Feier im traditionellen Rahmen“ aus, weil eine solche, wie Rektor Werner Ehrlicher erklärte, in der „gegenwärtig in Gruppen zerfallende[n] Universität“ „weder möglich noch angebracht“ sei.[109] Die Gräben, die sich innerhalb der Universität aufgetan hatten, waren bisweilen tief, erwiesen sich in der Folgezeit aber nicht als unüberbrückbar. In den 1970er Jahren hatte die Universität Hamburg bald den Ruf, „eine der ruhigsten und arbeitsintensivsten Hochschulen in der Bundesrepublik“ zu sein,[110] was nicht zuletzt an dem jungen Präsidenten lag, der sich von Beginn an als Repräsentant der gesamten Universität verstand und als solcher hohe Achtung erlangte. Mehrmals wiedergewählt, blieb Fischer-Appelt 21 Jahre lang im Amt; 1991 löste ihn der bis dahin als Kanzler der Universität Oldenburg amtierende Jurist Dr. Jürgen Lüthje ab, der bis September 2006 die Position des Präsidenten innehatte. Die 1970er Jahre waren geprägt von Reformen der Studien- und Prüfungsordnungen, von der Etablierung neuer Lehr-, Arbeits- und Umgangsformen, vom „Einüben“ einer auf breiter Diskussion beruhenden Entscheidungsfindung auf allen Ebenen. Auch die Auseinandersetzung der Universität Hamburg mit ihrer Geschichte im „Dritten Reich“ begann jetzt überhaupt erst[111] und setzte dann in den 1980er Jahren mit einem breit angelegten interdisziplinären Forschungsprojekt, einem von der Universität getragenen Vorhaben, Maßstäbe.[112]
Die Hamburger Reformuniversität verzeichnete ein enormes Wachstum: bei Studierenden und Lehrenden, in den Studienfächern wie auch beim Ausbau intensiver internationaler Zusammenarbeit. Die Expansion gerade bei den Studentenzahlen war politisch gewollt; sie entsprach der demokratischen Maxime eines „Bürgerrechts auf Bildung“, dessen Einlösung jedoch bei chronischer Unterfinanzierung seit den frühen 1980er Jahren immer problematischer wurde. Statt die erforderlichen Mittel bereitzustellen, verlangten die Bundesländer von den Universitäten, eine „Überlast auf Zeit“ zu tragen, d. h. weit über ihre finanzielle Ausstattung hinaus Lehre und Forschung zu gewährleisten – der Beginn eines anhaltenden „Ausnahmezustandes“. Verschärft wurde dieser in den 1990er Jahren durch massive Stellenstreichungen und die erkennbare Tendenz von Staat und Politik, sich von ihrer Verantwortung für eine adäquate Ausstattung der „Massenuniversitäten“ vollends zurückzuziehen. Angesichts der vor allem durch das Spar-Postulat hervorgerufenen Defizite wurde in der Öffentlichkeit zumeist wenig beachtet, welche Leistungen die Universitäten und ihre Mitglieder mit erhöhtem Engagement dennoch erbrachten. Auch die Universität Hamburg musste und muss an sie wie grundsätzlich an ihre wissenschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung stets aufs Neue erinnern – nicht zuletzt in der eigenen Stadt. Nur allzu oft entstand der Eindruck, die Universität, eine der größten deutschen Hochschulen und immerhin Landesuniversität des Stadtstaates Hamburg, werde von diesem „eher als Fremdkörper denn als Vorzeigeobjekt behandelt“.[113]
Die Geschichte der Hamburger Universität von 1945 bis in die Gegenwart ist weitgehend noch zu erforschen; insbesondere Entstehung und Gestaltung der „Reformuniversität“ harren kritischer Würdigung. Auch ihr Ende wird dann zu analysieren sein. Denn der vor allem seit Umsetzung der „Bologna-Beschlüsse“ von 1999 stattfindende Paradigmenwechsel in der deutschen Hochschulpolitik bedeutet die Abkehr von nahezu allem, was (west-)deutsche Universitäten seit den 1970er Jahren charakterisiert hat. Wie andere deutsche Hochschulen befindet sich die Universität Hamburg derzeit noch in einem grundlegenden Wandlungsprozess.
Dazu zählt die Einsetzung eines auch mit universitätsfernen Vertretern besetzten neunköpfigen Hochschulrats, dem nun die „strategische Steuerung der Hochschule“ und die Wahl des Präsidenten bzw. der Präsidentin obliegt. Veränderungen gibt es darüber hinaus auf allen Ebenen: Die zuletzt achtzehn Fachbereiche wurden 2005 wieder zu sechs Fakultäten umgestaltet, die Studienabschlüsse Bachelor und Master eingeführt, Studiengebühren beschlossen. Effizienz, Exzellenz und Wettbewerbsfähigkeit prägen die Zielvorgaben aktueller Hochschulpläne. Von den Entscheidungsstrukturen an der Spitze der Universität bis hin zur Atmosphäre in der einzelnen Lehrveranstaltung vollziehen sich Veränderungen, deren Konsequenzen noch nicht abzusehen sind.
Wie nur selten zuvor in den Fokus auch der überregionalen Presse geriet die Universität Hamburg während der Präsidentschaft der Stuttgarter Professorin für Raumtransporttechnologie Dr. Monika Auweter-Kurtz seit November 2006.[114] Nach heftiger Kritik von Lehrenden und Studierenden – nicht zuletzt am autoritären Führungsstil der Präsidentin – endete deren Amtszeit durch Auflösungsvertrag weit vorgezogen bereits am 8. Juli 2009. In dieses zweieinhalbjährige Zwischenspiel fielen seit Sommer 2008 von der Präsidentin unterstützte Überlegungen der Wissenschaftssenatorin Herlind Gundelach, die Universität auf den Kleinen Grasbrook zu verlagern – und damit auch die historisch gewachsenen identitären Bezüge zum urbanen Umfeld am Grindel, dem ehemaligen jüdischen Viertel, aufzulösen. Im Sommer 2010 wurde dieses Projekt aufgegeben; stattdessen soll die Universität Hamburg am bisherigen Standort in Eimsbüttel saniert und erweitert werden.

Seit dem 1. März 2010 amtiert als vierter Präsident in der Geschichte der Universität Hamburg der Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Dieter Lenzen, zuvor Präsident der Freien Universität Berlin.[115] Lenzen betont, die Universität Hamburg sei bisher völlig unterschätzt worden; in vielen Bereichen könne sie schon jetzt als exzellent gelten. Allerdings müsse die Hochschule auch eine Finanzierung erhalten, die sie dauerhaft konkurrenzfähig mache.[116]
Im Zuge all dieser Wandlungsprozesse wird erst die Praxis zeigen, in welcher Weise die Losung der Hamburger Alma mater Bestand haben wird. Diese kündet von einer für die Universität unauflöslichen Trias. Eingemeißelt über dem Hauptportal, seit Oktober 2010 zudem Teil des Universitätslogos, erinnert jene von Edmund Siemers formulierte Widmung an die täglich einzulösende Aufgabe der Universität: „Der Forschung – Der Lehre – Der Bildung“.
Stand: 10. November 2010
Die zugrundeliegende Printfassung des Textes ist im DOBU-Verlag erschienen und kann über den Buchhandel bezogen werden: Rainer Nicolaysen: „Frei soll die Lehre sein und frei das Lernen“. Zur Geschichte der Universität Hamburg. Hamburg 2008 (ISBN 3-934632-32-7).
Weiterführende Informationen zum Thema sowie alle genannten Publikationen sind verfügbar in der Hamburger Bibliothek für Universitätsgeschichte (HBfUG) und der aus ihr hervorgegangenen Arbeitsstelle für Universitätsgeschichte im Hauptgebäude der Universität Hamburg, Edmund-Siemers-Allee 1 (Raum 39).

