Georg von der Gabelentz verbindet bereits Ende des 19. Jahrhunderts in seinem Werk Die Sprachwissenschaft systematisch das "ethische" Gebiet, d. h. die gesellschaftliche Stellung des Redenden und des Angeredeten mit der Wahl des grammatischen Formmittels (1972: 95). Er wies darauf hin, daß im Japanischen, Koreanischen, Javanischen, Baskischen und Tibetanischen und womöglich in weiteren Sprachen die Etikette in die Grammatik besonders tief eingreift. Über hundert Jahre nach dem Erscheinen dieser Forschungsidee zur Etikette ist man bei einigen dieser Sprachen ein gutes Stück vorwärtsgekommen, obwohl noch viele Fragen offen geblieben sind. Eine Forschungsmöglichkeit nach von der Gabelentz bestünde darin, die Sprachen eingehend miteinander zu vergleichen, in denen der Etikette eine besondere Rolle zukommt. Die vorliegende Arbeit schlägt diesen Weg nicht ein, sondern behandelt die Honorativa des Japanischen im impliziten Vergleich zum Deutschen und Englischen, zu Sprachen also, in denen bei synchroner Betrachtungsweise der Höflichkeit keine besondere Qualität zukommt.
Die Vorüberlegungen der Autorin setzen bei Gedanken zum Begriff ,Höflichkeit' aus pragmatischer Sicht ein. Das Kapitel "Der theoretische Versuch: Höflichkeitserwartungen im alltäglichen Kommunikationsverhalten - am Beispiel Japan" umfaßt 273 Seiten. Der zweite Teil trägt den Titel: "Der empirische Versuch: Untersuchungen zu normativen Erwartungshaltungen japanischer Muttersprachler beim höflichen Sprachgebrauch in der (innerbetrieblichen) Alltagskommunikation" (S. 275-404). Das kurze dritte Kapitel beschäftigt sich mit der "Interpretation und Diskussion der Untersuchungsergebnisse" (S. 405-480). Kapitel vier ist der Synthese gewidmet: "Verlogen, taktvoll oder nichts von beidem" (S. 481-485).
Ihre Vorgehensweise begründet die Autorin in einer fundierten Abhandlung zur Theorie der Pragmatik. Sie plädiert dafür, den Fokus der bisherigen Sprach(system)- und Sprechhandlungsbetrachtung von der sprachproduzierenden Seite auf die Rezipientenseite zu verlagern. Trotz dieses mutigen Schrittes bleibt eine wesentliche Frage offen. Ein theoretisch-methodologisches Problem liegt nämlich in der Auffassung von Pragmatik als Pendant zur klassischen Sprachwissenschaft, die sich der Autorin zufolge als strukturgrammatische Systemlinguistik oder metalinguistische, sprachphilosophische Strömung darstellt. Wissenschaftsgeschichtliche Positionierungen sind als Übertreibungen natürlich zugelassen, dennoch wäre hier eine weniger schwarz-weißmalerische Herangehensweise konstruktiver. Besonders klar zeigt sich das Problem in der wissenschaftsgeschichtlich veralteten Zeichendefinition: "Im Zentrum dieser Arbeit steht also das Verhältnis zwischen sprachlichen Zeichen an sich und den diese Zeichen interpretierenden Menschen" (S. 64). Die Autorin sieht demnach die pragmatische Komponente nicht bereits innerhalb des Wortes bei der Zeichenschöpfung, sondern eher in der pragmatischen Komponente der Sprechakttheorie, wo sie eindeutig auf die Äußerung bezogen ist. Dieses etwas verkürzte Zeichenbild müßte in der extremen Form dazu führen, daß man die Möglichkeit einer Beschreibung des sprachlichen Systems der Höflichkeit bestreiten würde, was man bei vernünftiger Arbeitsweise natürlich nicht tun kann. Pragmatiker wie Hermann Parret (1983) und Umberto Eco (1987), um nur zwei zu nennen, haben dieses Problem auf der Grundlage der Peirceschen Semiotik eingehend diskutiert und weitgehend aus der Welt schaffen können. Wenn es nämlich erwiesen ist, daß es eine pragmatische Komponente innerhalb des Wortes im Gegensatz zur pragmatischen Komponente in einer Sprechakttheorie gibt, und dies nicht alleine auf die Äußerung konzentriert wird, so versteht man die Humboldtschen Gedankenführung, wonach bereits auf der Ebene der Einzelwörter und damit auf der Ebene der Langue die Pragmatik auszumachen sei (ZIMMERMANN 1990: 100). Unter diesem Vorzeichen wird es verständlich, daß man auch in dem taxonomisch-dependentiellen Modell der Sprachbeschreibung auf das eigentliche Problem der Beschreibung des Japanischen hinweisen kann (RICKMEYER 1983: 198), nämlich auf die Perspektivierung. Perspektivierung oder im Bühlerschen Sinne die Versetzungen, die Verschmelzung der verschiedenen Ebenen, der Zeigfelder, nämlich die Perspektivierungen des konkreten Zeigfeldes, des Kotextes, des Kontextes; Ebenen, die jeweils mit verschiedenen linguistischen Bereichen verbunden sind. Nach dem Bühlerschen Modell kann nur eine Synthese der empirisch-pragmatischen und der "klassischen" Linguistik erst zu der Beantwortung der im Titel gestellten Frage führen.
Die Autorin versucht auch selbst die Erkenntnisse der sprachwissenschaftlichen Beschreibungstradition bestimmter soziativischer Ausdruckmittel mit den entsprechenden interaktionssoziologischen Realitäten zu verbinden. Die Aufgabe lautet also: "Wie finde ich die sprachliche Form, die in einer bestimmten Situation und gegenüber bestimmten Interaktionspartnern von den an der Kommunikation direkt oder indirekt Beteiligten wohl am angemessensten empfunden wird?" (S. 10) Für die projektive Ermittlung des pragmatischen Normgefüge durch Akzeptanz sind eigentlich alle Ebenen der Kommunikationshandlung, d. h. das sprachliche, das soziokulturelle, das situative und das psychophysische Bedingungsgefüge relevant. Innerhalb dieser Reorientierung an der neuen Aufarbeitung der Höflichkeit nimmt die Kategorie "Alltagsgespräch" eine zentrale Position ein: Alltagsgespräch ist eine konkrete sprachliche Interaktionseinheit, deren Beteiligte einem kommunikativen Netz angehören, deren Situation den Kommunikationsteilnehmern vertraut ist. In diesen weitgefaßten Rahmen wäre eine multimediale und diskursanalytische Korpusermittlung das Ideale, wovon hier nur einige Aspekte realisiert werden konnten. Die Autorin konzentriert sich weniger auf den idealen Kommunikationsrahmen, sondern fokussiert den Faktor Höflichkeit in interkultureller Sicht als Zivilisationsprodukt, als Kooperationsprinzip und als eine metakommunikative Gesamtstrategie zur Gesichtswahrung. Die japanischen Höflichkeitsstrategien werden anhand von Brown / Levinson und Grice positiv wie negativ aufgelistet. Wenn man hier im allgemeinen Konsens über Japan als high-context-culture sprechen kann und die Herausbildung des japanischen Höflichkeitssystems historisch im eliasschen Zivilisationsprozeß in einer Entwicklung sieht, dann zeigt sich eine enorme Forschungslücke. Es fehlt in dieser Beziehung an vergleichenden kulturgeschichtlichen Studien zwischen China, Korea und Japan, um die Parameter genauer zu verstehen, die den sog. Makrorahmen japanischer Höflichkeitsformen historisch ergeben. In der Dissertation rekurriert die Autorin auf die japanisch-amerikanische Fachliteratur zur japanischen Persönlichkeit und ihrer Ästhetik im Alltag. Als ein idealtypischer gesellschaftlicher Kontext werden Unternehmen ausgewählt, um zu einem Resümee über die verschiedenen Sozialisationsbedingungen in Japan und Deutschland zu gelangen. Fritzsche nimmt in ihrer Bezugnahme auf den deutschen Sozialisationsrahmen eine starke Vereinfachung vor, indem sie die Unterschiede in Ost und West kurzerhand ausläßt.
In den Kapiteln 1.3.2. "Die Soziativität der japanischen Sprache - eine Systembetrachtung" und 1.3.3. "Der Einfluß des Mikrorahmens - situationelle Normen für die Ausdruckswahl" gibt sie eine umfassende und hervorragende Beschreibung der sprachlichen Mittel, die für die Untersuchung relevant sind. Sie faßt die neuere Forschungsgeschichte über die japanische Höflichkeitssprache und über das normative Bewußtsein sowohl innerhalb und außerhalb Japans kompetent zusammen. Die Souveränität dieses Teils zeigt unter anderem auch, daß sie ihre Untersuchungen in einer engen Zusammenarbeit mit japanischen Kollegen in einer lebendigen Diskussion durchgeführt hat. Die Abhandlung der Fragen über Geschlechterrollen und deren Veränderung sowie die Sprachverwendungsmodi zeigt den Werte- und Rollenwandel im (post)modernen Japan. Anhand von soziologischen Trends sollte man im modernen Sprachgebrauch eine allmähliche Annäherung der Höflichkeitserwartungen gegenüber Männern und Frauen erwarten.
Das Kapitel zwei. Der empirische Versuch protokolliert die Arbeitshypothesen, den Arbeitsprozeß und die Ergebnisse der Untersuchungen. Das konkrete Thema: Untersuchungen zu normativen Erwartungshaltungen japanischer Muttersprachler beim höflichen Sprachgebrauch in der (innerbetrieblichen) Alltagskommunikation ist nun natürlich gerade insofern ein besonders interessantes Kapitel, als die empirische Untersuchung der Höflichkeitssprache wie kaum eine andere Seite der japanischen Sprache an der spezifischen Schaltsstelle der sprachlichen Struktur und der jeweiligen pragmatischen Einzelfaktoren ansetzen und insofern von vornherein als "ununtersuchbar" gelten können. Hier setzt die Autorin sehr mutig auf ihre Erfahrung in empirischen Untersuchungen. Die Darstellung der Methodik setzt daher ein mit einer sehr gekonnten Erörterung der einschlägigen Fragen und Methoden zum empirischen Zentralproblem der Operationalisierung, der Probandenauswahl, zur Durchführung der Hauptstudie und zu den Auswertungsverfahren. Fritzsche macht hier vor allem deutlich, welche Möglichkeiten sie ergriffen hat, auf welchen Grundlagen ihre 39 Hypothesen beruhen und wo sie auch aus Sachzwängen die Grenzen in dem Material und in den untersuchten Korrelationen ziehen mußte. Ihre Forschungshypothesen betreffen Fragen wie den Höflichkeitsunterschied zwischen Männern und Frauen in verschiedenen Konstellationen, den Unterschied zwischen verschiedenen Altersstufen und Rängen, die regionalen Verschiedenheiten und die Ideale des guten Stils.
Nach Fritzsches Hypothese zeigt sich, daß Sprecher der auslandserfahrenen Bildungsschicht einem großen Konservativismus unterworfen sind, was natürlich für diejenigen, die das Japanische erlernen, weitreichende Konsequenzen nach sich zieht. Innerhalb der Reorientierung an alten Erkenntnissen hat die "moderne, horizontale Höflichkeit" eine zentrale Position inne. Laut dieser Studie erwachsen die Erneuerungstendenzen aus einem sich wandelnden Selbstverständis junger Frauen aus kleineren mittelständischen Unternehmen, wodurch das Senioritätsprinzip nicht einmal zum Schein aufrechterhalten wird.
Zu dem empirischen Teil der Fritzschen Arbeit zusammenfassend läßt sich sagen, daß die Verfasserin eine sehr überzeugende Beschreibung der Untersuchungen in der Planung und in ihrer Umsetzung gelingt. Nicht nur werden die Perspektiven des Forschers und der Probanden klar und deutlich unterteilt, sondern es werden auch die hauptsächlichen Fragen und Antworten an anschaulichen Beispielen, Erläuterungen und Tabellen aufgezeigt. Die solchermaßen gründlich erarbeiteten empirischen Grundlagen wurden in Zusammenarbeit mit japanischen Kollegen und Forschungsinstitutionen konzipiert, erprobt und ausgeführt. Da sich das breiteste Spektrum an morphosyntaktischen Nuancierungen im japanischen Höflichkeitssystem im illokutiven Akt des Bittens zeigt, wagt sie sich mit einem mutigen Schritt an diese verbale Mehrgleisigkeit. Sie zeigt hier, daß man mit Hilfe von geeigneten Forschungshypothesen und Untersuchungen bereits durch diese Situation zu einer plausiblen Bewertung der verschiedenen Alters-, Geschlechts- und Statusfaktoren kommen kann. Die Einzelfälle werden in einer subtilen Betrachtung vergleichend und kritisch dargestellt. In Ergänzung zu der kontrastiven Studie von Matoba, die sich u. a. auf die Entwicklung der Illokution des Bittens bei japanischen und deutschen Kindern konzentriert hat, wurde hier ein Forschungsfeld grundlegend erarbeitet. Die Fortführung dieses Forschungsfeldes könnte weitere illokutionäre Akte umfassen: Absagen, Entschuldigen, eine Absicht erklären, einen Wunsch äußern etc. ließen sich auf Normgerechtigkeit und Diskursstrategie prüfen.
Aus der Spannung zwischen Japanologie und der empirischen Sprachsoziologie resultieren die Fragen der Arbeit. Nach der Beurteilung der soziologischen Seite sind also auch die japanologisch-philologischen Fragen zu stellen. Dies vor allem im Interesse der Transparenz des Faches für Linguisten ohne und mit Japanisch-Kenntnissen. Betrachten wir dabei vor allem die Transkription, die Terminologie und die Übersetzung der Beispielsätze:
Man wünscht sich für das Fach Japanologie den paradiesischen Zustand einer einheitlichen Transkription. Daß dies nicht der Fall ist, kann einerseits als Chaos, andererseits als kreative Chance bewertet werden. Die Autorin gibt ihre Kriterien für eine konsequente eigene Transkription, wobei die Forschungsfragen sich auch in der Wahl widerspiegeln. Ihr Interesse für die gesprochene Sprache manifestiert sich z.B. in der angemessenen Entscheidung, längere Sequenzen, die von anderen mit Wortabstand oder Bindestrich geschrieben werden, den Sprechpausen entsprechend zusammenzuschreiben. Nicht ganz klar ist wiederum die Entscheidung für die Markierung der Themapartikel: "Die Transkription des themenkennzeichnenden oder kontrastiven joshi ha erfolgt in der angegebenen Weise, um das joshi, das in der Kana-Schreibung durch ha (a-dan der ha-gyoo) repräsentiert wird, von der homophonen Postpartikel wa aus der wa-Reihe der ,250-Laute-Tafel' abzugrenzen." (S. 488). Die neue Entität der Themapartikel in der Transkription ist eher überflüssig, wenn man sich nicht auf Topikalisierung im Japanischen spezialisieren will. Eine Interferenz aus der japanischen Schrift ist, wenn die Büchertitel klein geschrieben werden. Nach den Regeln der Buchstabenschrift sind die Anfangsbuchstaben eines Titels groß zu schreiben.
Bereits in diesem kurzen Satz über die Transkription sind wieder um japanische sprachwissenschaftliche Termini enthalten, die für nicht japanologische Linguisten unverständlich bleiben. Was ist ein joshi oder ga-gyô? Da das Buch wegen des großen Umfanges nicht mit einem Index versehen ist, wäre hier ein Hinweis nötig gewesen, wo man so etwas nachschlagen kann. Dabei hätte die Erwähnung der Lewinschen Grammatik genügt, in der nicht nur die deutschen Entsprechungen der japanischen linguistischen Termini praktisch zu finden sind, sondern auch Beispiele und forschungsgeschichtliche Angaben, womit auch ein Nicht-Japanologe arbeiten kann.
Ebenso geht die Autorin bei japanischen Beispielen eher von einer Kennerperspektive aus, von eingeweihten Japanischsprechenden. Einige der Beispiele werden mit einer deutschen Entsprechung versehen, einige wiederum nicht. Aus technischen Gründen ist es verständlich, daß die ständige Wiederholung einzelner Sätze, wie Omachi kudasaimasendeshooka? "Würden Sie bitte auf mich warten?" mit den 12 Höflichkeitsvarianten das Buch unnötig vergrößert hätte. Dennoch wäre hier ein Index nicht unnützlich gewesen. Hier geht eine parallele Untersuchung, die von Matoba Kazuma durchgeführt wurde so vor, daß er die deutschen Entsprechungen bis zu seinen Schlußfolgerungen jeweils angibt.
In dem letzten Kapitel erörtert die Autorin ihre kulturwissenschaftliche Botschaft unter dem Titel: "Verlogen, taktvoll oder nichts von beidem?" Hier sieht sie berechtigterweise vor allem Bedarf an der Einbeziehung kultursoziologischer Erkenntnisse in die Geisteswissenschaften. Gleichzeitig kann die Begriffsbestimmung der Höflichkeit als eine weiterzuführende Diskussion postuliert werden. Wenn man sich bei der Untersuchung der Höflichkeit nicht mehr alleine auf das Japanische konzentrieren, sondern die kontrastive Analyse des Gebrauchs der Höflichkeitssprache intendieren würde, müßte man die Kommunikationssituation und die Annahmen der Sprecher und der Hörer neu behandeln. Zu diesem Problem möchte ich auf die Tatsache hinweisen, daß auch die Übersetzungsanalyse Japanisch-Deutsch sehr lohnend wäre. Vergleicht man das japanische Original und die deutsche Übersetzung von Endô Shûsakus Roman Fukai kawa (deutsch von Otto PUTZ: Wiedergeburt am Ganges), so finden wir im deutschen Text Phänomene, die die unübersetzbare Höflichkeit des Deutschen im Vergleich zum Japanischen beweisen könnten:
"Tanoshiki ryokô shite itadakimasu tame ni, sôjôin no Enami kara go-ryokôchû no chûijikô wo môshiagemasu."
("Angenehme Reise tun-bekommen (ehrerbietig) damit, Reisebegleiter Enami von Reise (ehrerbietig)-während Gen Punkte zur Beachtung Akk sagen (bescheiden)." (Endô 1974, 44).
Dies hört sich in der Übersetzung von Putz folgendermaßen an:
"Damit Sie ungestörten Genuß an Ihrer Reise haben, wird Sie Herr Enami, Ihr Reisebegleiter, auf einige Punkte hinweisen, die sie unterwegs beachten sollten. Bitte nehmen Sie die ausgeteilten Informationsblätter zur Hand."
In der deutschen Übersetzung wird der Reisebegleiter zu Herrn Enami befördert, was ja im Japanischen deswegen schwer möglich ist, weil der Reiseveranstalter und der Reiseleiter einen inneren Kreis bilden, in dem die Anrede mit Herr sinnlos ist. Die "Punkte zur Beachtung" werden explizit zu Imperativ, "Sie sollten die beachten" und die Bitte wird geäußert, daß "man die ausgeteilten Informationsblätter zur Hand nehme". Im Japanischen fehlen sowohl das Ausschmücken des Reiseleiters, als die Übernahme der Handlungsperspektive der Reisenden; man bleibt in dem Kontext des Veranstalters, der in einer "Geben-Nehmen-Relation" in einem bescheidenen Ton eine angenehme Reise wünscht, und nicht schon am Anfang mögliche Störungen antizipiert. Welche Handlungsweise man interkulturell für höflicher erachten möchte, kann hier nicht beantwortet werden; daß man jedoch eventuell verschiedene Perspektivierungen und Interaktionshandlungen vornimmt und dadurch zu verschiedenen pragmatischen Ebenen kommt, macht die interkulturelle Frage nach der Höflichkeit nach wie vor spannend.
Literatur
BÜHLER, Karina: "Japanische Honorativa im Vergleich. Eine komparative Analyse des sprachlichen Höflichkeitsverhaltens in japanischen Romanen und deren englischen und deutschen Übersetzungen". Magisterarbeit: Tübingen 1998.
ECO, Umberto: "Semantics, pragmatics and text semiotics", in: VERSCHUEREN, J. / BERTUCELLI-PAPI, M. (eds.): The Pragmatic Perspective. Selected Papers from the 1985 International Pragmatics Conference. Amsterdam: Benjamins 1987, 695-715.
ENDÔ Shûsaku: Fukai kawa. Tôkyô: Kôdansha 1994.
ENDÔ, Shûsaku: Wiedergeburt am Ganges. Otto PUTZ (Übers.). Berlin: Volk und Welt 1997.
GABELENTZ, Georg v.: Die Sprachwissenschaft, ihre Aufgaben, Methoden und bisherigen Ergebnisse. ed. NARR, G. / PETERSEN, U. Tübingen: Narr (11891) 1972.
JUHÁSZ, János (1985): "Zum Wandel der verbalen Höflichkeit im Deutschen", in: JUHÁSZ, János: Die sprachliche Norm. Budapest: Eötvös-Loránd-Universität 1985, 235-247.
LEWIN, Bruno: Abriss der Japanischen Grammatik auf der Grundlage der klassischen Schriftsprache. Wiesbaden: Harrassowitz 1990.
MATOBA, Kazuma: Referenzperspektiven in Sprechakten. Ihre Funktion und Entwicklung in der deutschen und japanischen Sprache. Frankfurt: Lang 1997.
PARRET, Hermann: Semiotics and Pragmatics. An Evaluative Comparison of Conceptual Frameworks. Amsterdam: Benjamins 1983.
RICKMEYER, Jens: Morphosyntax der japanischen Gegenwartssprache. Heidelberg: Groos 1983a.
RICKMEYER, Jens: "Wie schwierig ist die japanische Sprache? Ein Vergleich mit dem Deutschen", in: BJOAF, 1983, 187-202.
ZIMMERMANN, Klaus: "Der semiotische Status der Anredepronomen", in: KODIKAS / CODE. Ars Semeiotica, 1/2 (1983) 89-106.
Viktoria Eschbach-Szabo, Tübingen