Tiefland-Chontal Sprache und kulturelles Erbe:
Ein Dokumentationsprojekt in Südost-Oaxaca, Mexiko.
Loretta M. O’Connor
Peter C. Kröfges
Die Abteilung Mesoamerikanistik betreut seit Mai 2004 ein dreijähriges Projekt zur Dokumentation von Sprache und Kultur der Tiefland-Chontales von Oaxaca, einer bislang kaum erforschten ethnischen Gruppe in Südmexiko. Dieses Projekt wird durch die Förderinitiative Dokumentation Bedrohter Sprachen (DoBeS) der Volkswagen-Stiftung und durch die UNESCO finanziert. Professor Dr. Ortwin Smailus hat die Projektleitung übernommen. Die Linguistin Loretta M. O’Connor und Mesoamerikanist Peter Kröfges führen die Dokumentationsarbeiten in drei Feldforschungsaufenthalten durch und bearbeiten das zu archivierende Material. Die Dokumentationsziele sind sowohl linguistischer als auch ethnographischer Natur.
Das Oaxaca-Chontal wird in der sogenannten Chontalpa de Oaxaca gesprochen, einem ethnisch definierten Gebiet in den Distrikten von Yautepec und Tehuantepec im Bundesstaat von Oaxaca, Mexiko (siehe Abbildung 1). Die ethnische Bezeichnung “Chontal” stammt aus dem Nahuatl und bezeichnet “Fremde”. Die heutigen Sprecher verwenden diese Bezeichnung aztekischer Chronisten, ohne sich der ursprünglichen Bedeutung bewusst zu sein.

Abbildung 1: Die Verteilung von Hochland- und Tiefland-Chontal Gemeinden in Südost-Oaxaca, Mexiko.
Das Chontal von Oaxaca stellt eine in Mexiko isolierte Sprachfamilie dar und ist in zwei überlebende Sprachen differenziert, dem Tiefland-Chontal (auch Huamelulteco genannt) und dem Hochland-Chontal (auch Tequistlateco genannt). Als indigene Gruppe werden ca. 15.000 Chontales im nationalen Zensus von 1990 gerechnet. 3.600 von ihnen sind als Sprecher des Hochland-Chontal in der Sierra Madre del Sur registriert (inklusive Semi-Sprechern). Das Tiefland-Chontal hingegen wird in der Küstenregion der Municipios von Huamelula und Astata von lediglich etwa 200 Leuten fließend gesprochen. Diese Sprecher sind siebzig Jahre oder älter. Es gibt eine größere Gruppe von Semi-Sprechern, die über einen passiven Wortschatz verfügen und das eine oder andere Wort sagen können. Kinder erlernen es nicht als erste Sprache, und nur selten haben sie Zugang zu den wenigen zweisprachigen Schulen. Somit ist das Tiefland-Chontal stark vom Aussterben bedroht. In den nächsten zwei Dekaden könnte es als lebendige Sprache verschwunden sein. Die momentan noch lebenden Sprechergruppen bieten noch ausreichend Möglichkeiten, eine umfangreiche Sprachdokumentation durchzuführen.
Die Übermittlung traditioneller Subsistenzweisen, Zeremonien und spiritueller Praktiken in der Chontalpa ist zwar Ausdruck lokalen Stolzes und hat sich noch in vielen Zügen erhalten. Wie die Chontal-Sprache jedoch werden auch diese Traditionen von jüngeren Einwohnern als unzeitgemäß erachtet, und sie geraten zunehmend in Vergessenheit. Ebenso betroffen sind die mündlichen Überlieferungen zu lokalem Brauchtum, zur regionalen Geschichte, zu Mythen und Legenden. Aus diesem Grund widmet sich unser Dokumentationsprojekt auch der Erfassung traditioneller Praktiken, Institutionen und mündlicher Überlieferungen, selbst wenn diese meist nur noch auf Spanisch übermittelt werden.

Abbildung 2: Chontal Interview-Gruppe, San Pedro Huamelula.
Die als Video-, Audio, und Textdateien gesammelten Daten sollen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden: sowohl den gegenwärtigen und zukünftigen Generationen von Chontales, als auch anderen Interessierten und dem Fachpublikum. Unsere konkreten Ziele sind folgende Produkte:
Wörterbücher
Das Ziel ist ein Wörterbuch Chontal-Spanisch-Englisch mit rund 5,000 Einträgen zu erstellen. Dies könnte zum Beispiel in der zweisprachigen Erziehung als Unterrichtsmaterial zur Verfügung stehen. Hinzu kommt eine Serie von themenspezifischen Wortlisten, die sich besonders zur schnellen Reproduktion und Distribution eignen.
Grammatikalische Abhandlungen
Eine umfassende Grammatik soll in linguistischer Notation die sprachwissenschaftlichen Grundlagen des Chontal darlegen und auch zur Klärung der genetischen Affiliation des Chontal dienen. O’Connor hat bereits die Grundzüge der Chontal-Grammatik umrissen.
Elektronische Archivierung durch DoBeS am Max-Planck-Institut, Nijmegen, Holland.
Hier werden die physischen Medien der Dokumentation zentral verwaltet und die langfristige Zugangsmöglichkeit gewährleistet. Dazu gehört die erneute Digitalisierung verschiedener Medientypen (digitale und analoge Video- und Audiodateien, Text- und Tabellendateien, Papierdrucke). Zu den eigentlichen Sprachaufnahmen kommen Narrationen, Poesie, Lieder, Witze, Floskeln und Redewendungen, Rituale und Konversation.
Synthese und Datensammlung zur Siedlungsgeschichte in der Chontalpa
Für ein tieferes und umfassenderes Verständnis des kulturellen Erbes der Chontalpa werden Informationen zusammengetragen, die auf die materiellen Hinterlassenschaften vorspanischer und historischer Siedlungen verweisen. Dazu gehören archäologische Befunde, heilige Stätten und Grenzmarkierungen in den Municipios von Huamelula und Astata. Die Kartierung dieser Befunde und die Dokumentation der lokalen Überlieferungen und Deutungen sollen der allmählichen Zerstörung durch Siedlungsauswuchs, Straßenbau und Vandalismus entgegenwirken oder zumindest als Kulturerbe aufzeichnen.
Chontal-Terminologien zu landwirtschaftlichen und ökologischen Themen
Diese Wortlisten umfassen Ausdrucksformen und Klassifikationssysteme zu solchen Themen wie Landwirtschaft, Jagd und Fischfang, Ethnobotanik und Ethnomedizin, Bodennutzung, materielle Kultur und meteorologische Kenntnisse.
Sammlung mythisch-historischer Erzählungen
Wir zeichnen autochthone Sichtweisen und Erklärungsmodelle zur vergangenen und gegenwärtigen Lebenswelt der Chontales auf. Diese ergänzen und kontrastieren unsere akademisch geprägten kulturkundlichen Rekonstruktionen.
Dokumentation traditioneller Praktiken und Institutionen.
Rituelle, soziale und wirtschaftliche Aktivitäten mögen die Chontal-Sprache zu unterschiedlichen Maßen einbeziehen. Unsere Dokumentation erlaubt Einsichten, inwieweit gegenwärtige Praktiken in autochthonen Handlungsmustern verwurzelt sind.

Abbildung 3: Akteure der Danza de los Pichilingues, am Festtag von San Pedro Huamelula.
Das Tiefland-Chontal Dokumentationsprojekt ist ein kollaboratives Unterfangen, welches auch lokale Interessensgruppen einbezieht: Sprachspezialisten, zweisprachiges Schulpersonal und Schüler, das örtliche Comité Cultural Chontal, sowie ein interessiertes Publikum.
Wir hoffen, dass sich die jüngere Generation – besonders die Auszubildenden für das zweisprachige Lehramt – für die selbstständige Durchführung von Sprachdokumentation, Datenverarbeitung und Untersuchung begeistern kann. Zwar werden wir nicht direkt an der Erstellung zweisprachigen Schulmaterials arbeiten. Jedoch werden wir alle unsere Materialien den Interessierten vor Ort zur Verfügung stellen, und uns um die Möglichkeit kümmern, auf lokaler Ebene Sammlungen von z.B. Erzählungen, Liedern und Gedichten in Chontal und Spanisch zu veröffentlichen.
Das Tiefland-Chontal Dokumentationsprojekt ist ein kollaboratives Unterfangen, welches auch lokale Interessensgruppen einbezieht: Sprachspezialisten, zweisprachiges Schulpersonal und Schüler, das örtliche Comité Cultural Chontal, sowie ein interessiertes Publikum.
Wir hoffen, dass sich die jüngere Generation – besonders die Auszubildenden für das zweisprachige Lehramt – für die selbstständige Durchführung von Sprachdokumentation, Datenverarbeitung und Untersuchung begeistern kann. Zwar werden wir nicht direkt an der Erstellung zweisprachigen Schulmaterials arbeiten. Jedoch werden wir alle unsere Materialien den Interessierten vor Ort zur Verfügung stellen, und uns um die Möglichkeit kümmern, auf lokaler Ebene Sammlungen von z.B. Erzählungen, Liedern und Gedichten in Chontal und Spanisch zu veröffentlichen.