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"Langsam ändert sich etwas"


Dr. Helene Götschel und Dorit Heinsohn sind die Gewinnerinnen des fünften Frauenförderpreises der Universität Hamburg. Den mit 20.000 Mark dotierten Preis erhielten die beiden Wissenschaftlerinnen für ihr herausragendes Engagement auf dem Gebiet der "feministischen Naturwissenschaftsforschung".

Dr. Helene Götschel promovierte nach dem Abschluß ihres Physikstudiums in der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Dorit Heinsohn arbeitet zurzeit an ihrer Dissertation zum Thema "Thermo- und Geschlechterdynamik um 1900"

Sie sind keine bloßen Natur- oder Sozialwissenschaftlerinnen. Sie sind beides: "Man müsste uns eigentlich Interdisziplinärinnen nennen," lacht die diplomierte Physikerin Dr. Helene Götschel. Denn das Thema, mit dem sie und ihre Kollegin sich beschäftigen, ist keinem Fachbereich speziell zugeordnet. Die feministische Naturwissenschaftsforschung untersucht den Zusammenhang zwischen naturwissenschaftlicher Forschung und der sozialen Komponente "Geschlecht". Hierbei stellt sie auch die Frage, warum so wenige Frauen naturwissenschaftlich-technische Prozesse mitgestalten.

Seit fünf Jahren setzen sich die beiden Preisträgerinnen nun schon durch vielfältige Aktivitäten für die Integration dieses neuen Forschungsfeldes in die Naturwissenschaften ein. Hierzu zählten unter anderem diverse Lehraufträge und zwei Ringvorlesungen 1998 und 1999 als Einführung für Studierende und Lehrende in das Thema feministische Naturwissenschaftsforschung. Außerdem organisierten die zwei ein Symposium zum Thema "Frauenforschung und Frauenförderung in Naturwissenschaften, Informatik und Mathematik". Sie ermöglichten Nachwuchswissenschaftlerinnen die Präsentation ihrer Forschungsergebnisse und unterstützten die Frauenbeauftragten der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fachbereiche bei ihrer inhaltlichen Arbeit. Besonders wichtig war ihr Engagement in Bezug auf die Entwicklung feministischer Lehrinhalte für naturwissenschaftliche Studiengänge: dieses ermöglichte erst die Einbeziehung der Naturwissenschaften in den geplanten Studiengang "Gender Studies", der die Bedeutung des Geschlechts für Gesellschaft, Kultur und Wissenschaft thematisiert.

Uni hh sprach mit den beiden Wissenschaftlerinnen über Frauenforschung, die Bedeutung des Förderpreises und die aktuelle Situation an der Universität:

Frau Dr. Götschel, Frau Heinsohn, für Ihr langjähriges Engagement auf dem Gebiet der feministischen Naturwissenschaftsforschung wurden Sie kürzlich mit dem Frauenförderpreis der Universität Hamburg geehrt. Wie wichtig war diese Auszeichnung für Sie?

Helene Götschel: Ganz wichtig!

Dorit Heinsohn: Total wichtig, ja. Letztendlich ist diese Ehrung eine große Anerkennung für unsere Arbeit. Man könnte sagen, das ist bloß ein akademisches Ritual, aber ich habe danach wirklich gedacht: "Toll, jetzt wurde mein Engagement gewürdigt." Und mit dem Preisgeld kann man natürlich weiter arbeiten. In dem Sinne sind 20.000 Mark eine Komponente, die diesen Preis sehr hochwertig macht.

Helene Götschel: Wir hoffen, das dadurch unsere, für manche Fachbereiche verrückt klingenden, Ideen ein Gütesiegel bekommen. Dann besteht vielleicht mehr Bereitschaft, sich mit dem Thema "Frauenforschung" auseinander zu setzen. Es hat uns zum Beispiel sehr gefreut, dass auch Vertreter aus der Physik, der Chemie und der Mathematik bei der Preisverleihung anwesend waren.

Dorit Heinsohn: Es war für uns sehr wichtig, dass unser Engagement von der naturwissenschaftlichen Seite auch honoriert wurde. Ich war richtig gerührt, muss ich sagen. Das war ein wichtiger Tag in meinem Leben.

Und was machen Sie jetzt mit dem Preisgeld?

Helene Götschel: Solange es noch kein abgesichertes Programm für Gender-Forschung in Hamburg gibt, wollen wir das Geld für Lehraufträge oder Werkverträge zum Organisieren von Tagungen nutzen.

Dorit Heinsohn: Es geht weiter in die Richtung feministische Naturwissenschaftsforschung.

Wie sind Sie überhaupt zu diesem recht exotischen Thema gekommen?

Dorit Heinsohn: Während meines Chemiestudiums habe ich an einem Projekt mitgearbeitet, bei dem man erforschen wollte, warum Mädchen sich weniger für Naturwissenschaften interessieren als Jungs. Dabei ist mir aufgefallen, dass es falsch ist, die Mädchen zum Problem zu machen. Meiner Meinung nach sollte es einen Perspektivenwechsel geben: Was ist eigentlich mit den Naturwissenschaften nicht in Ordnung? Was muss da geändert werden? Ein feministischer und damit sozialer Blick auf die Naturwissenschaften könnte sie für Mädchen, und ich denke auch für viele Jungs, interessanter machen.

Helene Götschel: Ich war bei meinem Physikstudium eine von nur wenigen Frauen. Da passierte es dann, dass Profs mich gefragt haben, ob ich Physik überhaupt ernsthaft studiere oder ob ich nur einen Mann suche. Solche Sprüche sind gefallen. Außerdem habe ich mich darüber geärgert, dass man im Studium meistens nur Formeln berechnen musste, ohne zu fragen, welche Vorstellungen oder Denkansätze dahinter stecken. Das wurde bei uns überhaupt nicht diskutiert.

Und wie ging es dann weiter?

Helene Götschel: Am Ende meines Physikstudiums habe ich überlegt, in welcher Disziplin ich die Fragen, die ich zum Thema Frauen- und Geschlechterforschung entwickelt hatte, bearbeiten kann. Am Fachbereich Physik war das leider nicht möglich. Darum habe ich mich entschlossen, in der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte zu promovieren. Auf einer internationalen sozialwissenschaftlichen Tagung habe ich dann Frauen kennen gelernt, die wie ich an interdisziplinären Fragestellungen arbeiteten. Gemeinsam haben wir den überregionalen Arbeitskreis "Feministische Naturwissenschaftsforschung und -kritik" gegründet. Das fing 1993 an. Den Arbeitskreis gibt es bis heute.

Wird man mit Engagement auf so einem feministischen Gebiet eigentlich belächelt?

Dorit Heinsohn: Davon darf man sich nicht abhängig machen. Außerdem sind wir in einer politischen Situation, in der die Integration von Geschlechterforschung gesetzlich schon festgeschrieben ist. Frauenforschung ist eine etablierte Disziplin. Wenn das Massachusetts Institute of Technology ein Programm für "Women's Studies" anbietet, kann man eigentlich nicht mehr darüber lachen.

Helene Götschel: Das passiert natürlich trotzdem, dass wir belächelt werden. Aber das sagt viel aus, über die Personen die lächeln und über deren Geisteszustand. Die können wir eher bedauern, als dass sie uns schlechte Laune bereiten. Aber es kommt schon vor, dass Leute aus den Naturwissenschaften sich einfach nicht mit dem Gebiet auseinander setzen. Das wird dann als unwichtiges Thema einfach ignoriert. Man läuft immer ein bisschen gegen eine Betonmauer.

Ist sexuelle Diskriminierung in den Naturwissenschaften denn heute noch ein aktuelles Thema?

Helene Götschel: Es passieren ganz subtile Sachen. Ich hatte zum Beispiel ein Gespräch mit einem Professor aus der Physik, der meinte, Frauen seien einfach nicht genial genug. Solche Leute gibt es heute tatsächlich noch. Das merkt man vielleicht als Studentin nicht sofort, wenn der Professor vorne steht und seine Vorlesung hält. Der macht jetzt keinen Spruch mehr, dass der ganze Hörsaal lacht. Aber er hat das natürlich im Kopf. Und dann steht eine Frau plötzlich da, und keiner hat eine Diplomarbeit für sie, und sie weiß gar nicht genau woran das liegt.

Dorit Heinsohn: Es ist nicht leicht, als Studentin über dieses Thema zu sprechen. Wenn man sagt: "Der hat mich schlecht behandelt", ist man auf jeden Fall sofort in der Opferrolle. Und wer will das schon? Diese Problematik wird über Gender Studies thematisierbar, ohne diese Opferrolle einzunehmen. Sich die Situation wissenschaftlich anzugucken, ist eine Form mit Diskriminierung umzugehen.

Würden Sie sagen, dass sich in der Zeit, in der Sie sich engagiert haben, etwas an der Verschlossenheit der Naturwissenschaften gegenüber dem Thema Frauenforschung geändert hat?

Dorit Heinsohn: Ja, das würde ich schon sagen. Das sind kleine Schritte aber ich sehe, dass wir etwas bewirkt haben. Das motiviert mich auch, weiter zu machen.

Helene Götschel: Ich würde sagen: ja und nein. Leider kommt die Anerkennung für unsere Arbeit fast ausschließlich von der geisteswissenschaftlichen Seite. Ich würde mir wünschen, dass die Naturwissenschaften jetzt bei der Einrichtung von "Gender Studies" mehr Interesse zeigen. Das wird schon, aber man braucht viel Geduld. Änderungsprozesse an der Uni dauern ihre Zeit.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch für uni hh führte Alexandra Fuchs.


unihh - Heft 4, 2001
Universität Hamburg, 16. November 2001. Impressum.

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