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»Der freien Wissenschaft eine freie Stätte«

Die alte Dame ESA 1 wurde neunzig – Zur Erinnerung an ihre Geburt


»Mit dem Motto, welches ich über dem Eingang anbringen ließ: "Der Forschung, der Lehre, der Bildung", übergebe ich das Vorlesungsgebäude unseren Behörden für seine Bestimmung; möge es allezeit zum Wohle Hamburgs dienen.«

Von Eckart Krause

Vor 90 Jahren, am 13. Mai 1911 (und zwei Tage vor dem hundertsten Jubiläum seiner Firma G.J.H. Siemers & Co.), übergab der Kaufmann Edmund J. A. Siemers mit diesen Worten unser heutiges Hauptgebäude dem Senat seiner Vaterstadt. In ihrem Namen nahm Bürgermeister Max Predöhl "bewegten Herzens diesen Schatz entgegen. Ich gelobe ihm namens unserer Stadt treue Hege und Pflege, ihm und den in ihm verkörperten Gedanken und Bestrebungen; mit warmem und innigem Danke der Mitbürger an den edelsinnigen Spender für die Ausführung seiner großen Entschließung, die der aufstrebenden hamburgischen Wissenschaft und Forschung zur rechten Zeit das pflegende Heim bereitet."

Die Rede ist von einem Hamburg, das just in diesen Monaten zur zweiten Millionenstadt des Deutschen Reiches avancierte – ein Vierteljahrhundert vor der Eingemeindung der preußischen Nachbarstädte Altona, Wandsbek und Harburg-Wilhelmsburg. Handel, Schifffahrt und, seit dem Zollanschluss, auch die Industrie "boomten". Sichtbar wurde diese Entwicklung im rasant sich wandelnden Stadtbild: Die spätere Mönckebergstraße entstand seit 1909 zwischen Rathaus und dem neuen Hauptbahnhof (1906). Letzterer war Teil einer beeindruckenden Phalanx öffentlicher Gebäude entlang dem entfestigten Wallring – von den neuen Markthallen am Deichtor (1912) über Musikhalle (1904 - 1908) und Justizforum (1879 - 1912) bis zum Bismarckdenkmal (1906) und den St. Pauli Landungsbrücken (1906 - 1910) mit dem neuen Elbtunnel (1911). Auch in ihren Bauten trat die vordemokratische Stadtrepublik selbstbewusst in Erscheinung.

Und "much nearer home"? Als repräsentativer Terminal auch für auswärtige Potentaten dominierte seit 1903 der Dammtorbahnhof das einst beschauliche Umfeld von Moorweide, Botanischem Garten und Kirchhöfen. Der Versorgung der expandierenden Stadt diente seit 1910 der mächtige Wasserturm an der Sternschanze. Kurz zuvor (1902 - 1907) hatte die Reichspost in der Schlüterstraße die »Ordensburg« entstehen lassen, die hinter ihrer neugotischen Fassade als »Fernmeldeamt 1« modernste Kommunikationstechnik aufnahm. Es grenzte an die große Synagoge am Bornplatz (1904 - 1906), neben der im Dezember 1911 die Talmud Tora-Schule am Grindelhof eröffnet wurde. An der Rothenbaumchaussee ging das Völkerkundemuseum seiner Vollendung entgegen, während weiter südlich, zum Entsetzen der großbürgerlichen Anlieger, die in der »Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens« organisierten Hamburger Volksschullehrer sich mit dem »Curio-Haus« ein imposantes Zentrum geschaffen hatten (November 1911).

In der Reihe herausragender Gebäude, geplant und begonnen unmittelbar bevor Fritz Schumacher als neuer Baudirektor das Stadtbild nach seinen Vorstellungen zu formen anhub, konnte sich das neue Vorlesungsgebäude durchaus sehen lassen. Schon durch seine Lage fiel es ins Auge: ein Solitär auf einem eigens umgewidmeten Stück der Moorweide zwischen Dammtorbahnhof und Wilhelm-Gymnasium. Den Hinweis auf diesen exklusiven Standort hatte Werner von Melle gegeben – verbunden mit dem Zweifel, ob der Senat dort eine Bebauung zulassen würde.

Damit ist auf den Kontext verwiesen, in welchem die Geschichte des Vorlesungsgebäudes zu lesen ist: als Teil der Bemühungen um die Gründung einer Universität in Hamburg. Diese bedurften dringend eines neuen Impulses. Zwar schien mit der »Hamburgischen Wissenschaftlichen Stiftung« im April 1907 eine weitere Etappe auf dem mühsamen Weg gewonnen worden zu sein; aber deren öffentliche Lobpreisung vermochte kaum die Enttäuschung darüber zu verbergen, dass das ehrgeizige Ziel verfehlt worden war: Das eingeworbene Kapital reichte nicht annähernd aus, um vom Zinsertrag die Mehrkosten einer Universität decken zu können. So blieb es dem 1866 Preußen einverleibten Frankfurt am Main vorbehalten, als erste Stadt erfolgreich den Weg einer kommunalen Stiftungsuniversität zu beschreiten.

Während in Hamburg die Stiftungsmittel, neben der Finanzierung einer Geschichtsprofessur (uni hh 4/1988), vor allem für die Zahlung von Gehaltszuschlägen für die Gewinnung auswärtiger Professoren eingesetzt wurden, überdies 1908 - 1910 auch die große Südsee-Expedition ermöglichten, verlangte das Universitätsprojekt nach einer spektakuläreren Zuwendung. Sie kam von Edmund Siemers. Der Kaufmann und Bürgerschaftsabgeordnete, durch den Import von Petroleum aus den USA und Salpeter aus Chile reich geworden, war bereits als Mäzen aufgetreten: 1899 stiftete er im noch hamburgischen Geesthacht die ärmeren Patienten vorbehaltene Lungenheilstätte »Edmundsthal-Siemerswalde«. In der Hamburgischen Wissenschaftlichen Stiftung war er neben von Melle einer der fünf weiteren Unterzeichner der Stiftungsurkunde.

Dieser Mann, so von Melle in seinen Erinnerungen, habe nur drei Monate später, im Juli 1907, »ganz überraschend« vor ihm gestanden mit der Frage: "Brauchen Sie nicht ein Vorlesungsgebäude ?" Wie es der Zufall so wollte, brauchte von Melle in der Tat eines, und zwar so dringend, dass er auch bereits ein ausgearbeitetes Raumprogramm mitgeben konnte. Es zog die Konsequenzen aus der Tatsache, dass das 1895 durch von Melle reformierte »Allgemeine Vorlesungswesen« vor Erfolg aus allen Nähten platzte: Vor allem in den Winterhalbjahren reichten die Vorlesungsräume nicht aus, die im Johanneum am Speersort, gegenüber in den ehemaligen Professorenhäusern des Akademischen Gymnasiums in der Domstraße, im Wilhelm-Gymnasium, im Schul- und Museumsgebäude Steinthorplatz (heute Museum für Kunst und Gewerbe), im Naturhistorischen Museum Steinthorwall (im Krieg zerstört), in den Physikalischen, Chemischen und Botanischen Staatslaboratorien in der Jungiusstraße, im Mineralogisch-Geologischen Institut Lübekerthor (ebenfalls zerstört) sowie in den ersten geisteswissenschaftlichen »Seminaren« in der Dammthorstraße, der Navigationsschule in St. Pauli, schließlich in acht weiteren Schulen regelmäßig genutzt wurden. Ein Antrag des Senats, etwa an der Stelle, an welcher dann die Musikhalle errichtet wurde, ein diese Bedürfnisse befriedigendes Vorlesungsgebäude zu errichten, war im Oktober 1899 in der Bürgerschaft gescheitert.

Konnte die jetzige Initiative sich somit als schlichte Fortführung einer seit langem dokumentierten Notwendigkeit darstellen, so deuten das »Timing« und ihre Umstände auf den größeren Kontext. In perfektem Gleichklang machte sich Siemers von Melles Anregung für den Standort zu eigen, indem er als erste Vorbedingung formulierte, dass "der Staat bereit ist, den erforderlichen Bauplatz auf der Moorweide an der Grindelallee in einer für den jetzigen Bedarf und eine für später vorzubehaltende Erweiterung [!] ausreichenden Größe für diesen Zweck unentgeltlich und lastenfrei zur Verfügung zu stellen. Die Hergabe gerade dieses Platzes macht der Schenkgeber zur unumstößlichen Bedingung der Schenkung, da ihm der Platz neben seiner hervorragend günstigen Lage um deswillen für ein derartiges Gebäude ganz besonders geeignet erscheint, weil ein dort errichtetes monumentales Gebäude einen großen Teil der Bevölkerung täglich an die idealen Aufgaben, denen es zu dienen bestimmt ist, erinnern wird".

Nur kurz versuchte Bürgermeister Mönckeberg, den Stifter auf alternative Bauplätze hinzuweisen. Das Geschenk war von einer Dimension, dass die Entschiedenheit des Mäzens respektiert werden musste. Am 27. September 1907 wurde von Melles »Antrag, betreffend Ausweisung eines Bauplatzes für das Vorlesungsgebäude«vom Senat gutgeheißen. Als Berichterstatter vertrat von Melle ihn am 2. Oktober vor der Bürgerschaft, ergänzt um die Mitteilung, dass der Senat beschlossen habe, "dem an dem zukünftigen Vorlesungsgebäude vorbeiführenden Teil der Grindelallee den Namen Edmund Siemers-Allee zu geben". Auch damals war die Benennung einer Straße nach einer Person zu deren Lebzeiten eine ganz besondere Ausnahme.

Siemers Foto: Der »Schenkgeber«: der Hamburger Kaufmann und Mäzen Edmund Julius Arnold Siemers (1840 -1918), »der Nabob von Gnaden des amerikanischen Öls und mit dem Öl des Gemeinsinns gesalbt, der in den amerikanischen Milliardären seit Jahrzehnten lebendig ist« (Gustav Schiefler).

Als Sprecher aller Fraktionen sprach Dr. Eduard Westphal den Dank der Bürgerschaft aus und schloß mit dem Wunsch: »Möge das Portal des an der Edmund Siemers-Allee – wie wir eben gehört haben – belegenen Hauses die Überschrift – wenn auch nicht äußerlich und in Buchstaben, so doch dem Geiste nach – tragen und verdienen: Der freien Wissenschaft eine freie Stätte. (Bravo !) Eine Stätte, die alles unfreie Denken, alles Leere und Nichte, allen Schein, alles nur Konventionelle aus ihren Mauern bannt.« In der Rückschau ergänzte von Melle: »Mit einem kurzen, gerührten Dankeswort des selbst der Bürgerschaft angehörenden Edmund Siemers endete die Beratung, worauf der Senatsantrag mit einem Dankesvotum für den Schenker einstimmig angenommen wurde. Als sich bei der Abstimmung das ganze Haus, freudig erregt, wie ein Mann erhob, in der Mitte der mit seinem dichten weißen Haar aus den Reihen der Kollegen hervorleuchtende Edmund Siemers, auf den aller Augen gerichtet waren, da hatte ich den lebhaften Eindruck eines außergewöhnlich schönen geistigen Erlebnisses. Mit Recht sagte ein Berichterstatter: "Es war ein großer Moment, dessen tiefer Bedeutung für die Zukunft Hamburgs sich niemand entziehen konnte".«

Zügig wurde das endgültige Bauprogramm ausgearbeitet. Stifter und Senat waren sich einig, dass für das Gebäude ein beschränkter Wettbewerb ausgeschrieben werden sollte. Anfang November begaben sich vier Mitglieder des künftigen Preisgerichts, darunter Siemers und von Melle, auf eine Informationsreise nach Köln, Frankfurt und Karlsruhe. Sehr »hanseatisch« kamen sie überein, dass sie »ein nach jeder Richtung hin praktisch eingerichtetes Gebäude zu erhalten wünschten, bei dem im Innern wie im Äußern jeder sich nicht aus der Natur des Baues ergebende unnötige, geschweige denn aufdringliche oder überladene Schmuck im Hinblick auf die zu wahrende schlichte Würde des Hauses vermieden werden sollte«.

Am 14. Dezember 1907 wurde das Preisausschreiben erlassen. An dem Wettbewerb konnten sich alle in Hamburg ansässigen oder geborenen Architekten beteiligen. Die Kosten für die Realisierung des detaillierten Bauprogramms durften den Betrag von einer Million (Gold-)Mark nicht überschreiten. Dafür war ein Gebäude "in vornehmen monumentalen Formen" zu errichten, welches u.a. zwei große, fünf mittlere und fünf kleine Hörsäle, "Garderobe für 1100 Personen", zwei Sitzungszimmer, Dozenten-, Sekretär- und Vorzimmer, "fünf Seminare, bestehend aus je zwei Räumen", "Bureauräume", schließlich Lehrmittelräume und "vier Dienstwohnungen für Unterbeamte" enthalten sollte. Bereits in seiner Schenkung hatte der Stifter bestimmt, dass im Gebäude auch die Verwaltung der Hamburgischen Wissenschaftlichen Stiftung sowie die "Sektion für die Wissenschaftlichen Anstalten" der Oberschulbehörde unterzubringen seien.

Bis zum Ende der Bewerbungsfrist am 1. Mai 1908 gingen 86 Entwürfe ein. Das zehnköpfige Preisgericht, zur Hälfte mit renommierten auswärtigen Architekten besetzt, entschied sich am 18. und 19. Mai 1908 einstimmig für den Entwurf mit dem Kennwort »Licht«. "Erwartungsvoll", so von Melle, "öffneten wir den beigefügten Briefumschlag, der die Namen Hermann Distel und August Grubitz enthielt. Keiner von uns, auch nicht der Baudirektor, wußte etwas von den nunmehr Preisgekrönten. Sie waren erst seit drei Jahren in Hamburg [... ]."

Das Votum, nachzuvollziehen im Vergleich der prämierten Beiträge, wurde wie folgt begründet: "Der Entwurf ist die hervorragendste Arbeit des Wettbewerbs, sowohl in Bezug auf die Zweckmäßigkeit und die Raumbildung, wie auf die Gruppierung der Baumassen. Die zwei größten Hörsäle liegen im Schwerpunkt der Grundrißfigur übereinander und sind durch den Kuppelbau auch als Hauptmotiv hervorgehoben. Die Unterbringung der übrigen Hörsäle in den Kreuzarmen sichert diesen eine einwandfreie, zweiseitige Beleuchtung aus den vier je 15 zu 15 Meter großen Lichthöfen zu. Die örtlichen Bodenverhältnisse sind geschickt ausgenutzt und die Ansicht nach der Edmund Siemers-Allee durch eine einstöckige offene Vorhalle wirkungsvoll gegliedert. Auch die Anordnung der langgestreckten geschlossenen Wandelhalle am Eingang, die Übersichtlichkeit der Treppenhäuser, Verbindungsräume und Kleiderablagen ist zu loben. Die verschiedene Höhenentwicklung der einzelnen Gebäudetrakte und die damit verbundene Versetzung der Dachtraufen geben eine wohlgelungene malerische Bauanlage, die bei einem verhältnismäßig bescheidenen Aufwand von architektonischen Mitteln dem Gebäude ein charakteristisches und monumentales Äußeres verleiht. Der ganze Baugedanke ist groß und hoheitsvoll gelöst, das Gebäude wird einen mächtigen Eindruck machen. Die Möglichkeit einer zukünftigen Erweiterung ist gewahrt; die Anlage wird vor wie nach der Erweiterung einen geschlossenen Charakter aufweisen."

Luftbild Foto: Im Grundriss wie in der Hauptfassade, so Katarina Baark 1983 in ihrer kunsthistorischen Magisterarbeit über das Vorlesungsgebäude, an den süddeutschen barocken Schloßbau (vor allem Bruchsaal) angelehnt: Luftbild der "Universität" aus den späten 20er/frühen 30er Jahren mit dem 1922 aufgestellten Wißman-Denkmal vor der Ostseite.

Heute, nach der Erfahrung brutaler gebauter Monumentalität, empfindet der Architekturhistoriker Ralf Lange den durch das CCH und seinen Hotelturm relativierten Bau als »trotz seiner Größe denn auch eher pavillionartig und durch den süddeutsch gestimmten Barrock der ebenfalls ortsuntypischen Rauhputzfassaden nahezu beschwingt«. Und »achtersinnig« fragte 1989 »unser« Hermann Hipp, ob es etwa an dieser Verweigerung gegenüber der damals sich verfestigenden Allgegenwart des Backsteins läge, »dass – wie manche meinen – die Universität in Hamburg bis heute ein Fremdkörper geblieben ist«.

Nach Ausstellung der Entwürfe in der Kunsthalle erteilte Edmund Siemers als Bauherr am 13. Juni 1908 den definitiven Auftrag an die Architekten. In den folgenden Monaten wurden zwischen allen Beteiligten die Details festgelegt. Als technische Herausforderung erwies sich ein Kanal quer über den Bauplatz, der die Telefonkabel für die ganze Innenstadt enthielt. Probebohrungen bestätigten überdies die durch den Namen "Moorweide" naheliegende Vermutung, dass die Gründung des Gebäudes aufwendig sein würde. Im Senat schließlich tauchte die Anregung auf, den Bau aus der Mitte des Grundstück so weit zum Wilhelm-Gymnasium hin zu verschieben, dass zum Dammtor Platz für ein anderes "Staatsgebäude" gewonnen werden könnte. Der lebhafte Protest von Melles konnte diesen Angriff abwehren, »nachdem noch von anderer Seite darauf hingewiesen war, dass der vor kurzem verstorbene Bürgermeister Mönckeberg schon im vorigen Jahr gesagt habe: "Die Wiese ist nun einmal von Melle verfallen."«

Am 12. März 1909, dem 69. Geburtstag des Stifters, begannen mit dem ersten Spatenstich die Erdarbeiten. An seinem 70. Geburtstag wurde der Kuppelbau gerichtet, nachdem eine dreimonatige Unterbrechung der Arbeiten durch Streik und Aussperrung wieder aufgeholt worden war. Inzwischen war durch Gesetz vom 6. April 1908 das Hamburgische Kolonialinstitut gegründet worden, das zum Wintersemester 1908/09 seinen Betrieb aufnahm. Dieses sollte ebenso in das Vorlesungsgebäude integriert werden wie erfolgte Erweiterungen des Vorlesungswesens. Konkret waren statt fünf nunmehr elf Seminare unterzubringen, von denen die meisten außerdem »durch Hinzufügung eines dritten Raumes für wissenschaftliche Hilfsarbeiter« erweitert werden sollten. »Endlich wurden noch fünf Räume von verschiedenener Größe der Zentralstelle des Kolonialinstituts zur Verfügung gestellt.« Auch diese Herausforderung ließ sich, u.a. durch Ausnutzung des Unter- und Mansardgeschosses sowie die Vertiefung des hinteren Risalits, erfüllen. Die Mehrkosten genehmigte der »Bauherr mit schnellem Entschlusse«, wenn auch dadurch die Gesamtkosten um 50 Prozent auf etwa 1,5 Millionen Mark stiegen.

Vor diesem Hintergrund spielt die Anekdote, welche Kurt Hartwig Siemers, Enkel des Stifters und aus eigenem Recht zum 50. Jubiläum der Gebäudeübergabe zum Ehrensenator unserer Universität ernannt, zur Feier seines eigenen 70. Geburtstages mitgeteilt hat: Seine besondere Verbindung zur Universität habe für den 1907 Geborenen bereits sehr früh begonnen, »und zwar damit, dass meine Mutter mich im Kinderwagen über die Moorweide schob, und da wurden die ersten Grundfesten für das Vorlesungsgebäude der späteren Universität gerammt. Dieses Geräusch erschreckte mich. Ich heulte, und meine Mutter soll zu mir gesagt haben: "Mein Junge, wein' man nicht, hier wird nur Dein Erbteil verpufft."«

Im April 1911 wurden die Bauarbeiten abgenommen. Wohl bei der Übergabefeier, mit der diese Rückschau begonnen hat, erhielt Werner von Melle einen vergoldeten Schlüssel, der, zusammen mit einer Notiz des Senators, jetzt zu den Schätzen der Hamburger Bibliothek für Universitätsgeschichte gehört. Am Nachmittag überreichte der Präsident der Bürgerschaft im Rathaus Herrn Siemers eine »von Künstlerhand mit liebender Hingebung geschriebene Adresse«, in welcher ihm gedankt wurde »für alles, was Sie in einem langen, arbeitsreichen, aber auch erfolgreichen Leben zum Wohle Ihrer Vaterstadt geleistet und geschaffen haben«. Und am Abend veranstaltete der Senat ein Festmahl, bei welchem Edmund Siemers die sehr selten vergebene Hamburgische Ehrendenkmünze in Gold verliehen wurde.

Einen Tag vor diesem Festtag, am 12. Mai 1911, war in einer internen Feier im Foyer des Neubaus eine Marmorbüste von Edmund Siemers enthüllt worden. Das Werk des Bildhauers Wilhelm Krumm war ein Geschenk von über fünfzig Freunden des Geehrten, unter ihnen Bürgermeister Predöhl, Bürgerschaftspräsident Engel, Senator von Melle, aber auch Albert Ballin, Max und Moritz Warburg sowie mehrere der Hamburger Professoren. Präsentiert wurde die Arbeit auf einem Hermensockel vor einem Pfeiler gegenüber dem Haupteingang. Dort fand 1936 auch die Feierstunde zum 25. Geburtstag des Hauses statt. Erst 1958 wurde sie, der frisch aufgestellten Büste von Melles gegenüber, über dem Treppenaufgang vom Innenhof angeordnet – der Inaugurator universitatis und der Stifter ihres Hauses Auge in Auge als »spannende« Fassung des Entrees.

Zur Erinnerung an diese Ereignisse ließ Siemers eine hundertseitige Festschrift drucken, die in Texten, Bildern und Plänen Entstehungs- und Baugeschichte sowie die Einweihungsfeierlichkeiten mit ihren Reden dokumentiert. Sie vermittelt einen guten Eindruck nicht nur vom »Zeitgeist«, sondern auch von dem, was seither durch Zerstörung und Umbau verlorengegangen ist. In seinen »persönlichen Erinnerungen« an »Dreißig Jahre Hamburger Wissenschaft« druckt von Melle Anerkennungsschreiben ab, die ihn hierzu erreichten. Andere, an Edmund Siemers gerichtete, konnten durch Vermittlung von Heimo Reinitzer vor einigen Jahren als Autographen für die Hamburger Bibliothek für Universitätsgeschichte erworben werden; sie stammen u.a. von Albert Ballin, Max Warburg, den Professoren Thilenius (Museum für Völkerkunde) und Weygandt (Staatskrankenanstalt Friedrichsberg) sowie vom Reichs-Marine-Amt in Berlin.

Am Tag, als dort nach Deutschlands missglücktem »Griff nach der Weltmacht« Philipp Scheidemann die Republik ausrief – und damit, wenn auch für manche erst 1945 erkennbar, das Ende aller deutschen Kolonialaspirationen besiegelte –, erlag Albert Ballin einer Überdosis Schlaftabletten in seiner Villa in der Feldbrunnenstraße (in deren Dienstbotenetage der Chronist vor dreißig Jahren seine Tätigkeit als Fachbereichsplaner aufnahm). Noch im selben November 1918 starb Edmund J. A. Siemers ebenfalls in Hamburg. Er konnte nicht mehr erleben, wie – als Kind der demokratisch gewendeten Revolution – Hamburg endlich seine Universität erhielt und das Vorlesungsgebäude, ganz selbstverständlich, in Anschriften wie auf Ansichtspostkarten das wurde, als was es von Anfang an konzipiert war: »Die Universität«.


Foto E. Siemers: Hamburger Bibliothek für Universitätsgeschichte
Foto Luftbild der Universität: Die Hanseatische Universität (1937)/LMZ
uni hh - Heft 3, 2001
Universität Hamburg, 28. August 2001. Impressum.

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