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Siegfried Lenz ist ein ausgezeichneter Schriftsteller. Vor allen Ehrungen - darunter die Ehrendoktorwürde des Fachbereichs Sprachwissenschaften der Universität Hamburg (1976), der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (1988), der Goethe-Preis (1999) und des Weilheimer Literaturpreises (2001), aber vor allem die Ehrenbürgerwürde der Freien und Hansestadt Hamburg (2001) - rangiert wohl die Zuneigung und Treue seiner unzähligen Leser.
Als Lenz' 75. Geburtstag am 17. März 2001 ins Bewusstsein kam, redete Universitätspräsident Lüthje mit dem prominenten Ehemaligen, sprachen beide über Lenz' Verbundenheit mit der Universität. Hier in Hamburg hatte der junge Flüchtling 1945 Wurzeln geschlagen und bis 1948 Philosophie, Literaturwissenschaft und Anglistik studiert. Der Kritiker Marcel Reich-Ranicki schrieb über diese außerordentliche Zeit: "In Hamburg begann er sein Studium, das er mit dem Schwarzhandel finanzierte. Bisweilen vertauschte er die Schauplätze seiner Aktivitäten - an der Universität machte er erstaunliche Geschäfte, und auf den Märkten des Schwarzhandels studierte er das Leben."
Seit 1951 ist Lenz freier Schriftsteller. Seine literarischen Arbeiten machen Furore, nicht zuletzt die Deutschstunde, bewegen die Menschen weit über Deutschland hinaus. Sie lehren die Vergangenheit zu verstehen, ohne belehrend zu sein.
Mit dem Ehrendoktor würdigte die Universität anlässlich des 50. Geburtstages von Lenz 1976 einen Repräsentanten der deutschen Gegenwartsliteratur, der mit seiner literarischen Darstellungskunst die Erfahrungen und Prüfungen deutscher Vergangenheit zur Sprache gebracht habe. Fünfundzwanzig Jahre später nun verneigt sich die Universität vor diesem großen Schriftsteller, der auf die "unterwandernde Kraft der vermittelten Erkenntnisse" vertraut. Mit Beschluss des Akademischen Senats vom 8. März 2001 verleiht sie ihm die Ehrensenatorenwürde.
Siegfried Lenz ist ein Vorbild in der Inkorporation historischer Erfahrung - ein Warner vor der Geschichtslosigkeit. Am Schluss seines Romans Heimatmuseum (1978) heißt es: "Die gehüteten Befunde sind zerfallen, die Spuren gelöscht. Die Vergangenheit hat zurückbekommen, was ihr gehört und was sie uns nur vorübergehend lieh. Schon aber regt sich das Gedächtnis, schon sucht und sammelt Erinnerung in der unsicheren Stille des Niemandslands."
Siegfried Lenz ist aber auch ein Meister der Erinnerung. Mit jedem Buch nimmt er seine Leserinnen und Leser aufs Neue gefangen durch genaue Menschen- und Geschichtsbeobachtung. Im Bild von der "geliehenen Geschichte" wird seine Überzeugung deutlich, dass sich der einzelne dieser Geschichte stellen, sich in ihren Verwerfungen bewähren muss. Seine Menschen sind erfunden und doch wahrhaftig. Historisch präzise beobachtet, zeigen sich an ihnen die Verwerfungen und Versuchungen eines Jahrhunderts der Extreme. Dieses Jahrhundert hat Lenz seinen Stempel aufgedrückt. Der Verlust der Heimat, die Kriegserfahrungen prägen jede Zeile seines Schreibens, zeitigen seine unaufgeregte Einmischung und sein nachdenkliches Engagement.
Das Leben hat aus dem Schriftsteller Lenz einen Wahrheitssucher gemacht, der aus der Erfahrung der Vergangenheit starke Impulse für die Gegenwart gibt. Er erzähle Geschichten, um Erfahrungen aufzuheben und um mithilfe modellierter Erfahrung einerseits zu zeigen, wie es ist, und andererseits anzudeuten, wie es sein könnte, hat Lenz einmal geäußert. In jedem Fall gehe von einer Geschichte die Einladung aus, ein bisschen deutlicher zu leben. Wir wären gut beraten, dieser Einladung zu folgen.
Christa Kern