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Einstieg in die Gebärdensprache

Uni-Wissenschaftler entwickelten ersten multimedialen CD-ROM-Kurs


Gebärden sichtbar gemacht: Ausschnitt aus dem Dialog Lektion 5 des CD-ROM-Lehrgangs

"Gibst Du mir die Gabel rüber?" "Ja!". "Schmecken die Spaghetti gut?" "Es geht so." Eine Szene neulich beim Italiener? Nein, eine Unterhaltung auf dem Computerbildschirm zwischen zwei Gehörlosen: "Lektion 5 - In der Kantine". Links auf dem Bildschirm formt ein junger Mann die Zeichen für "Spaghetti" und "Gabel", rechts erscheint die geschriebene Übersetzung. "Die Firma - Deutsche Gebärdensprache Do It Yourself" ist der erste multimediale CD-ROM-Kurs für die Deutsche Gebärdensprache. Sie wurde in Zusammenarbeit von gehörlosen und hörenden WissenschaftlerInnen im Institut für Gebärdenspra-che der Universität entwickelt. Wer die Sätze und Videos aller elf Kapitel studiert, wiederholt und Grammatik lernt, eignet sich gute Grundkenntnisse an, um mit Gehörlosen kommunizieren zu können.

Die Studierenden haben Professor Dr. Rolf Schulmeister einen schnellen Lernerfolg attestiert. Die multimediale Disk, die auf PC oder Macintosh läuft, gehörte beim Medida Prix 2000, dem Preis für Mediendidaktik, zu den zehn besten Projekten. Zwar ersetzt sie kein Seminar und stellt auch nicht die Präsenz-Universität in Frage, "sie unterstützt aber das selbständige Entdecken, Erlernen und Üben der Gebärdensprache", sagt der Hochschullehrer.

Die Idee zur CD-ROM gab eine griechische Version, bei der Schulmeister erkannte, wie sinnvoll der Einsatz von Multimedia gerade für die Gebärdensprache sein kann. Das ursprüngliche Konzept wurde adaptiert und weiterentwickelt. Nun liegt ein Programm vor, das nicht nur für Studierende der Fächer Gebärdensprachen und Gebärdensprachdolmetschen geeignet ist. Es eignet sich zum Beispiel auch für Menschen, die mit Gehörlosen in einem Betrieb zusammenarbeiten. "Eigentlich richtet es sich an alle, die mit gehörlosen Personen zu tun haben und die einen leichten Zugang zur faszinierenden Welt der Gebärdensprache finden möchten. Es hilft, die durch die Sprache gesetzte Barriere zwischen Hörenden und Gehörlosen zu überwinden" so Schulmeister.

Das Programm ist für das Lernen der Gebärdensprache und als Konzept für den Fremdsprachenunterricht wegweisend und innovativ. Aus wissenschaftlicher Perspektive sind drei Punkte wichtig: Erstens haben die Lektionen ein didaktisches Format, das mehr ist als das bloße Üben von einzelnen Gebärden, wie es normalerweise von Lexika oder Vokabeltrainern angeboten wird. Zweitens basiert das Konzept des CD-ROM-Programms auf den Ergebnissen der modernen linguistischen Forschung zur Struktur und zu den Funktionen der Gebärdensprache. Dennoch ist es auch für Laien geeignet: bei grammatischen Erklärungen wird auf allzu viele Fach-begriffe verzichtet. Und drittens findet das Lernen durch Kommunikation in einem au-thentischen Kontext statt, was der Disk auch den Titel "Die Firma" gegeben hat: Per Gebärdensprache unterhalten sich zum Beispiel Menschen, die in einer Baukonstruk-tionsfirma am Schreibtisch arbeiten oder zusammen in die Kantine gehen. Rolf Schulmeister: "Durch dieses realistische Szenario unterscheidet sich das Programm von vielen anderen Fremdsprachenprogrammen, die nur der Methodik des Programmierten Unterrichts folgen oder sich häufig, wenn sie Dialoge beinhalten, an den minimalen kommunikativen Bedürfnissen von Touristen orientieren."

BenutzerInnenfreundlichkeit war eines der Ziele der EntwicklerInnen um Rolf Schulmeister. Deshalb sind alle wichtigen Funktionen zur Bedienung des Programms über eine Menüleiste am unteren Rand des Bildschirms zu erreichen, egal, an welcher Lektion die Lernenden gerade sitzen. Das Programm beginnt mit dem Einführungskapitel, das ein kleines elektronisches Buch enthält. Mit vielen Abbildungen erfahren die Lernenden, was Gebärdensprache bedeutet, lernen etwas über ihre historische Fakten, über die Bedeutung der Gehörlosengemeinschaft oder die Erziehung der Gehörlosen und erfahren Wissenswertes über Wege der Rehabilitation. Außerdem werden die BenutzerInnen auf den Umgang mit dem Lernprogramm vorbereitet.

In der ersten Lektion sind Mimik und Körperbewegung das Thema. Es geht noch nicht um konventionalisierte Gebärden der Deutschen Gebärdensprache, sondern darum, deutlich zu machen, was man allein mit Mimik und Körperbewegung bereits ausdrücken kann. So unterscheidet sich diese Lektion deutlich von den folgenden zehn. Zunächst können BenutzerInnen visuell und kinetisch den eigenen Körper ent-decken, ihre Ausdrucksfähigkeit erproben und damit die visuelle Wahrnehmung, das Erkennen von Gesichts- und Körperbewegungen, verbessern. Ein Naserümpfen oder ein Kussmund erhalten jedoch erst dann eine Bedeutung, wenn dazu auch die Hände geformt werden.

Grundlage der Lektionen 2 bis 10 sind Situationen, in denen zwei oder mehr Personen sich mit Hilfe der Gebärden unterhalten. Links auf dem Computerbildschirm sind die Szenen abgebildet, rechts die Übersetzung der Dialoge. Dabei handelt es sich um die ganz gewöhnliche Alltagskommunikation in einer betrieblichen Umgebung:"Gibst Du mir die Gabel rüber?". Den Szenen oder Dialogen folgen jeweils ein bis drei Seiten mit Erklärungen der grammatischen Elemente aus dem aktuellen Dialog der jeweiligen Lektion. Damit es einprägsamer ist, erklären in der Regel zusätzliche Filmbeispiele die Grammatik. Generelle Gesichtspunkte zur Gebärdensprache werden in einem weiteren Teil durch Bemerkungen zur Kommunikation erläutert, die sich auf die sozialen Implikationen der Gebärdensprachkommunikation beziehen. Und schließlich gehören zu jeder Lektion zwei Übungen und ein Verzeichnis mit Vokabeln.

Die elfte und letzte Lektion beinhaltet weder grammatische Erklärungen noch Bemer-kungen oder Übungen. Vielmehr dient das Kapitel dazu, bereits Gelerntes zu vertiefen oder aufzufrischen, wenn zum Beispiel grammatischen Themen in einem neuen gebärdensprachlichen Kontext gezeigt werden. Und schließlich kommt auch "Die Firma" nicht ohne Wörterbuch aus. Es kann von der ersten Programmseite mit dem Inhaltsverzeichnis aus aufgerufen werden und zeigt mit etwa 650 Gebärden noch weitaus mehr als "Gabel" und "Spaghetti".

uni hh

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unihh - Heft 2, 2001
Universität Hamburg, 14. Mai 2001. Impressum.

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