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»Lehrqualität ist ein Konglomerat«

Soziologie-Professor Rolf von Lüde über eine neu entwickelte Evaluationsmethode


[Prof. Rolf v. Lüde]

Prof. Rolf v. Lüde
»Exzellentes wissenschaftliches Verfahren, das die Universität auch in anderen Fachbereichen einsetzen sollte« jubelte die Tageszeitung DIE WELT, als sie über ein neues Verfahren zur Evaluation von Lehre berichtete, das in einem Soziologie-Praktikum unter Leitung der Professoren Dr. Rolf von Lüde und Dr. Klaus Heinemann unter Mitarbeit von Dipl.Soz. Sandra Mittag und Dr. Markus Friederici entwickelt wurde. »uni hh« fragte Prof. Lüde nach Art und Anwendung des Instrumentariums.

Ist mangelhafte Lehre an den Universitäten tatsächlich so verbreitet, wie oft behauptet wird?

Ich halte das für einen der großen Binsen-Irrtümer, dass mangelhafte Lehre der Standard an den Universitäten sei. Wenn man Studierende fragt, dann gibt es Einzelaspekte, die negativ bewertet werden, aber wenn man einen Eindruck davon zu bekommen versucht, wie Lehre generell an der Universität bewertet wird, gibt es im Regelfall positive Rückmeldungen. Viel von dem, was an sogenannter mangelhafter Lehre stattfindet, ist nicht auf die Dozentin oder den Dozenten bezogen, sondern hat mit Rahmenbedingungen zu tun, auf die die jeweils Lehrenden keinen Einfluss haben. Beispielsweise damit, dass Räume zu klein und schlecht belüftet sind oder dass es zwischen Studierenden und Lehrenden divergierende Erwartungshaltungen gibt, etwa wenn die Studierenden erwarten, dass es gleich zu Anfang ein Skript gibt, der Dozierende aus didaktischen Gründen aber kein Skript verteilen will, weil er die Studierenden an das Lesen der Literatur heranführen will.

Kann man unter dieser Voraussetzung überhaupt »gute Lehre« eindeutig definieren?

Wenn ich die Studierenden frage, dann ergibt sich eine ganze Reihe von Merkmalen, die deutlich machen, was aus studentischer Sicht gute Lehre ist. Daneben gibt es die Perspektive von Lehrenden, die sich hiervon unterscheidet. Ein Beispiel: Weil die meisten Studierenden neben dem Studium ihren Lebensunterhalt verdienen müssen, erwarten viele von ihnen, dass die Universität in ihrem Studienangebot, etwa in der Form von Blockunterricht, darauf Rücksicht nimmt. Wenn wir ein zu fragmentiertes Lehrangebot anbieten, dann entspricht dies aus studentischer Sicht nicht den Kriterien guter Lehre.

Dennoch gibt es Methoden und Instrumente, die vorgeben, Lehrqualität messen zu können. Was ist von diesen Verfahren zu halten?

Es gibt international eine Reihe etablierter Verfahren, besonders in den angelsächsischen Ländern. Man muss sie aber vor dem Hintergrund eben der angelsächsischen Studienorganisation sehen, vor allem der sehr viel besseren Betreuungsverhältnisse. Wenn man versucht, ein Instrument für Deutschland zu entwickeln, dann sind die hiesigen zum Teil drastischen materiellen Einschränkungen zu berücksichtigen. Wenn sie fragen: Wie war die Lehrveranstaltung? - dann bekommen sie möglicherweise die Antwort: miserabel. Wenn sie genauer nachfragen, dann bekommen sie gesagt: Der Dozent war prima, aber als ich morgens in den Raum gekommen bin und keinen Stuhl mehr fand und die Luft völlig verbraucht war, da konnte man von mir keine Aufmerksamkeit erwarten. Deswegen muß man, wenn man die Qualität einer Lehrveranstaltung beurteilen will, einen ganzen Set von Qualitätsmaßstäben entwickeln, die alle in dieses Konglomerat von Lehrqualität mit einfließen.

Wie sind Sie bei der Entwicklung eines solchen Sets vorgegangen?

Die Initiative dazu ging von Studierenden aus. Wir haben in unserem Studiengang das sogenannte Empirische Praktikum, um Studierende an eigenes empirischen Arbeiten heranzuführen. Es kam von den Studierenden der Vorschlag, die Lehrziele des Eps in einem Kontext zu verwirklichen, der auf sie selbst und die Lehrenden bezogen ist. Ziel war die Erstellung eines Instruments, eines Fragebogens, zur Evaluation von Lehrveranstaltungen, in diesem Falle von Vorlesungen, und zwar unter Einbeziehung von Urteilen und Erfahrungen derer, die an der Lehrveranstaltung beteiligt und von ihr betroffen sind. Entsprechend bildeten sich innerhalb des zweisemestrigen Praktikums mit rund 40 Teilnehmern einzelne Arbeitsgruppen. Die eine Gruppe hat eine Befragung von Studierenden in Lehrveranstaltungen der Soziologie und Psychologie veranstaltet, um Auskunft darüber zu erhalten, nach welchen Kriterien Studierende Vorlesungen beurteilen und welche Bedeutung Vorlesungen im Studium besitzen. Weiter wurden, von einer anderen Gruppe, Dozenten aus eben diesen Lehrveranstaltungen nach ihren Vorstellungen über gute Lehre und ihre Erwartungen an die Studierenden gefragt. Wichtig war weiter das Urteil ehemaliger Studierender der Soziologie und Psychologie, die danach befragt wurden, wie sie den Ertrag ihres Studiums unter der Perspektive ihrer beruflichen Erfahrung beurteilen - denn gute Lehre hört nicht am Ende der Veranstaltung auf. Außerdem wurde bei denen, die das Leitbild der Universität entwickelt haben und bei denen, die es umsetzen, ermittelt, welche Lehrkonzepte aus diesem Leitbild ableitbar sind.

Und wie haben Sie die von Ihnen eingangs in ihrer Bedeutung so betonten Randbedingungen, die Lehrqualität mitbestimmen, methodisch einbezogen?

Es gab eine Gruppe, die Beobachtungen in den Lehrveranstaltungen gemacht hat: Wie sind die Interaktionsformen, wird miteinander geredet oder redet nur einer? Gähnen die Studierenden? Wie ist das Raumklima ? - zum Beispiel morgens um Acht im Winter, es regnet draußen, wir sitzen in einem zu kleinen Raum, die Garderobe dünstet aus: Da haben sie eine Atmosphäre, die jeder Interaktion in kürzester Zeit zuwider läuft.

Das Ziel bestand darin, einen Fragebogen als Instrument zu entwickeln, mit dem sich Lehrveranstaltungen untersuchen und bewerten lassen. Liegt dieser Fragebogen jetzt vor?

Alles, was wir im Rahmen des Empirischen Praktikums erarbeitet haben - Befragungen von Studierenden, Lehrenden, Absolventen, eigene Beobachtungen - hatte tatsächlich den ausschließlichen Zweck, einen Fragebogen zu entwerfen, der alles, was von den Beteiligten und unter den unterschiedlichsten Perspektiven für wichtig erachtet wird, bei der Bewertung von Lehre einbezieht. Der Fragebogen liegt seit Mitte März in einer ersten, vorläufigen Fassung vor. Wir werden ihn im Verfahren des sogenannten Pretests zunächst auf seine Validität hin erproben und gegebenenfalls im Detail optimieren.

Würden Sie bitte kurz Aufbau und Inhalt dieses Fragebogens beschreiben ...

Mit ihm werden 104 Fragen auf zwei vierstufigen Skalen - »zutreffend« bis »nicht zutreffend«, »für mich wichtig« bis »für mich nicht wichtig«- an die Studierenden in einer Lehrveranstaltung gestellt. Da wir ja von Annahme ausgehen, dass die Bewertung einer Lehrveranstaltung durch Studierende nicht losgelöst von Situation, unter denen sie studieren, betrachtet werden kann, gibt es nicht nur Fragen nach der Didaktik des Lehrenden, dem Aufbau der Veranstaltung, nach Lehrinhalten, also den vermittelten fachlichen und sonstigen Qualifikationen, und nach dem Lehrerfolg, sondern eben auch Fragen nach den Randbedingungen der Veranstaltung, nach der Motivation des Studierenden zum Besuch gerade dieser Vorlesung und schließlich Fragen nach ihrer Studienmotivation überhaupt, nach ihrer finanziellen Situation, ihrem Zeithaushalt. Man könnte es auch so sagen: Zum einen steht eine spezielle Lehrveranstaltung im Vordergrund, zum anderen die Studien- und Lebensbedingungen der Studierenden. Der umfangreiche studentische Bogen ist durch einen Bogen für den oder die jeweils Lehrende ergänzt, mit fünf Fragen, mit deren Hilfe Aussagen der Studierenden durch Aussagen der Lehrenden ergänzt werden sollen. Hierdurch sollen Kommunikationsprobleme, divergierende Erwartungshaltungen, aber auch bisher vielleicht unbekannte Probleme aufgedeckt werden.

Was sieht der Ertrag für den aus, der dieses Instrumentarium einsetzt?

Das Instrument kann in dreifacher Richtung eingesetzt werden: Als Feedback-Instrument für den Dozenten/die Dozentin, dann als ein Mittel, um Defizite zum Beispiel in der Studienorganisation zu identifizieren, und als Innovationsinstrumentarium, als ein Mittel dafür, Wege zur Beseitigung festgestellter Probleme zu eröffnen. Der einzelne Lehrende könnte sich damit begnügen, ein Feedback über seine Veranstaltung zu erhalten und inofern nur das eine Modul einsetzen. Wenn ein Institut oder ein ganzer Fachbereich einen umfassenden Überblick über die Situation der Lehre gewinnen will, dann muss alles das, was wir erarbeitet haben, tatsächlich auch berücksichtigt werden. Problematisch wäre es, ein Modul herauszugreifen und zu sagen: Das bewertet gute Lehre. Man muss bei der Anwendung immer wissen: Hier geht es um Feedback, hier um Problemidentifikation und hier um etwas, was, aus studentischer Sicht, innovative Wirkung haben kann.

Warum ist der Fragebogen ausdrücklich nur für Veranstaltungen in den Geistes-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften konzipiert?

Man muss davon ausgehen, dass es in den unterschiedlichen Bereichen unterschiedliche Lehr- und Lernformen gibt, aber die in den Geistes-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften gegenüber denen in den Naturwissenschaften sehr ähnlich sind. Ob dieses Instrument mit gewissen Änderungen auch in der Chemie, Physik oder Biologie Anwendung finden und auch dort praktischen Nutzen entfalten kann, wäre ein spannendes Thema.

unihh


unihh - Heft 2, 2000


Universität Hamburg, 11. Mai 2000. Impressum.

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