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Technik und Erkenntnis

Vorlesungen des dritten Ernst-Cassirer-Gastprofessors Philippe Despoix


 

                    
Der neue Ernst-Cassirer-Gastprofessor Philippe Despoix eröffnet seine Vorlesungsreihe zum Thema »Technik und Erkenntnis. Vergleichende Perspektiven von der Antike zur Moderne« am 11. April um 18 Uhr im Hörsaal C des Philosophenturms mit einem Referat über »Form, Technik und Wissen«. Die Ernst-Cassirer-Gastprofessur, die auf studentische Initiative anlässlich seines 50. Todestages eingerichtet wurde, will einerseits das Andenken an diesen Philosophen und Universalgelehrten wachhalten, der viele Jahre nach seiner Emigration und nach dem 2. Weltkrieg in Deutschland wie auch an der Universität Hamburg fast vergessen war, sie will andererseits auch den Dialog zwischen den Fächern fördern, der über dem Forschungsalltag so leicht vernachlässigt wird. Inzwischen hat diese Einrichtung eine gewisse Tradition und es zeichnet sich ab, dass sie beiden Aufgaben in gleicher Weise gerecht wird.

Cassirer hat sein Anliegen, der Philosophie nicht nur ihren Platz im Zentrum der Geisteswissenschaften zu erhalten, sondern die Verbindung zur Naturwissenschaft nicht abreißen zu lassen, auch durch eigene Forschungen unterstützt. So hat er sich als einer der ersten Fach-Philosophen intensiv mit den bedeutenden Veränderungen in der Mathematik und der Physik am Anfang des 20. Jahrhunderts auseinandergesetzt. Davon zeugt nicht nur sein bis heute maßgebliches Werk »Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit« (Band 1 u. 2, Berlin 1906-7, Bd. 3 Berlin 1920), sondern auch Einzeluntersuchungen zu »Kant und die Moderne Mathematik. Mit Beziehung auf Bertrand Russells und Louis Couturats Werke über die Prinzipien der Mathematik« von 1907 und seine Arbeiten zur Relativitätstheorie, vor allem seine Monographie »Zur Einsteinschen Relativitätsheorie. Erkenntnistheoretische Betrachtungen«, Berlin 1921.

Solch faustische Gelehrsamkeit scheint heute trotz aller Bemühungen um interdisziplinäre Zusammenarbeit leider schon fast anachronistisch. Dass auch junge Gelehrte dieses Anliegen dennoch nicht aufgegeben haben, demonstriert der diesjährige Ernst-Cassirer-Gastprofessor mit seinen Vorlesungen ebensosehr wie mit seinem Lebenslauf. Das Thema der Vorlesungen, »Technik und Erkenntnis«, sollte Geisteswissenschaftler nicht abschrecken, sondern anziehen; denn wie die Titel der einzelnen Vorlesungen deutlich machen, will Despoix nicht die Geschichte der Technik als solcher nachzeichnen, sondern die Einbettung der technischen Entwicklung in den kulturellen Zusammenhang stellen. Dabei geht es ebenso um technikhemmende Vorstellungen in der Antike wie um die Umwälzung durch die Erfindung der Uhr oder der Fotografie und um den Glauben an die Allmacht der Maschine in seiner Auswirkung auf die Politik ebenso wie auf die Literatur. Das Ziel der Vorlesungen ist es, die zunehmende Trennung von Naturerkenntnis und sozial-politischen Vorstellungen und ihre Folgen nicht nur verständlich zu machen, sondern zur Überwindung dieser Folgen auch beizutragen. Daher beziehen die Vorlesung scheinbar ganz disparates Material mit ein: er stützt sich auf historische wie aktuelle Texte, die der Naturwissenschaft, der Literatur, der Literaturwissenschaft, der Anthropologie und der philosophischen Ästhetik entstammen.

Leben und Ausbildung von Philippe Despoix, der derzeit als Privatdozent am Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der FU Berlin tätig ist, spiegeln dieses Anliegen an einer Integration der Wissenschaften wider. Er wurde 1957 in Bagnères de Bigorre in Frankreich geboren. Nach einem Doppelstudium von Mathematik/Physik und Philosophie in Toulouse absolvierte er die Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales, der Hochburg der »Annales-Schule« und der Anthropologie in Paris. Er finanzierte sein Studium durch Arbeit als Ingenieur in der Mechanik der flüssigen Körper. Nach Deutschland kam er zuerst im Jahr 1984 als Doktoranden-Stipendiat des DAAD, um die deutschen Ursprünge der Budapester Schule und Georg Lukacs zu erforschen. Nach Abschluss seines Doktorats zog es ihn wieder nach Berlin zurück, wo er, unterbrochen durch zwei Gastprofessuren in den USA, seither als Mitarbeiter in der Komparatistik an der Freien Universität an dem Forschungsprojekt arbeiten konnte, aus dem seine Habilitationsschrift (»Ethiken der Entzauberung. Zum Verhältnis von ästhetischer, ethischer und politischer Sphäre am Anfang des 20. Jahrhunderts«, Bodenheim 1998) hervorging. Der »Sitz im Leben« zwischen Natur- und Geisteswissenschaften ist nicht immer leicht, weil es für den Austausch zwischen den Fächern zwar viel Bedarf aber kaum akademische Positionen gibt. Despoix ist gleichwohl zuversichtlich, dass sich der Dialog zwischen den Disziplinen lohnt und will sich weiterhin dafür einsetzen. Außer den Vorlesungen, die für Hörer aller Fachbereiche bestimmt sind, veranstaltet er noch ein Hauptseminar am Literaturwissenschaftlichen Seminar zum Thema »Formen der literarischen Ironie«, in dem auch Philosophen und Kunsthistoriker willkommen sind.

Die Themen der anderen Vorlesungen im April sind: »Technê und Schriftlichkeit im Spiegel des antiken Dramas« (18. 4.) und Athenes listige Klugheit, oder Gesetz versus Technik« (25. 4.), ebenfalls Phil C, 18 Uhr.

D. F.


unihh - Heft 2, 2000


Universität Hamburg, 11. Mai 2000. Impressum.

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