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Forschung Nr. 18/96 vom 1.10.1996

Demnächst unbemannte Schiffe auf hoher See?

Forum des Instituts für Schiffbau beschäftigt sich mit der Automatisierung von Schiffen

Die Vorstellung von Geisterschiffen, die vollautomatisiert und ferngesteuert ohne einen Menschen an Bord über die Ozeane fahren, klingt zunächst wie eine verrückte Idee aus einem Science-fiction-Roman. Technisch machbar ist diese Vision bereits; wie bedeutend sie für die Zukunft der Schiffahrt ist, erörtert ein Forum, das das Institut für Schiffbau der Universität Hamburg am 8. Oktober veranstaltet. Namhafte Referenten sind eingeladen: Hans Payer, Vorstandsmitglied des Germanischen Lloyd, Hans Jakob Gätjens (HDW), der US-Amerikaner Scott Hoyle, Militärexperte am Naval Surface Warfare Center in Washington, sowie Hiranao Kasai von Mitsubishi Heavy Industries.

Im Mittelpunkt der Diskussion werden verschiedene Konzepte zur Automatisierung von Schiffen stehen: Möglich ist schon jetzt, ein Handels- oder Kriegsschiff mit soviel Hard- und Software auszustatten, daß es selbständig sein Ziel ohne menschliches Eingreifen erreicht - Modellversuche in Japan haben das bestätigt. Denkbar ist auch, das Kontrollsystem auf das Land zu verlagern; der »Büro-Kapitän« steuert sein Schiff dann von einer Leitstelle. Ein drittes Konzept verfährt nach dem »Master-Slave«-Prinzip: In einem Konvoi fahren unbemannte Schiffe (»Sklaven«), die von einem hochautomatisierten, aber bemannten Schiff (»Meister«) gesteuert werden.

Damit wäre eine Rationalisierung in der Schiffahrt abgeschlossen, die schon etwa seit der Jahrhundertwende andauert: Während um 1900 Handelsschiffe im transatlantischen Verkehr noch etwa 100 Besatzungsmitglieder hatten, kommen sie heute schon in den meisten Fällen mit zehn bis zwölf aus. Radargestützte Systeme zur Kollisionsvermeidung, elektronische Seekarten und satellitengestützte Orientierung könnten jetzt nicht nur den »Steuermann aus Blech«, sondern sogar ein gänzlich unbemanntes Schiff, eine Art »Fliegenden Holländer«, möglich machen.

So verblüffend oder erschreckend diese Vorschläge auch sein mögen, in der Fachwelt gelten sie noch weitgehend als Spinnerei. Das bestätigt Konferenzleiter Dr. Volker Bertram vom Institut für Schiffbau: »Auch auf längere Sicht wird sich die Vollautomatisierung von Schiffen schon aus wirtschaftlichen Gründen nicht durchsetzen. Ein unbemanntes, ferngesteuertes Schiff ist in den nächsten 20, 30 Jahren höchstens im militärischen Bereich sinnvoll.« Trotzdem bleibt die Automatisierung auf Schiffen ein wichtiges Thema: Der Maschinenkontrollraum ist schon jetzt bei vielen Frachtern nicht besetzt oder gar nicht mehr vorhanden, und auch beim Krisenmanagement können Computer eine große Hilfe sein. Bei einem Feuerausbruch kann sich die Schwimmlage durch auflaufendes Löschwasser schnell ändern; »intelligente« Systeme gleichen dies durch Gegenflutungen aus und koordinieren das Schließen von Feuerschotten. Ein Computer gerät auch in brenzligen Situationen nicht in nervlichen Streß und ist deshalb in manchen Gefahrensituationen dem Menschen überlegen. Auch die Militärlobby hat großes Interesse an der Entwicklung automatisierter Schiffe: Gefechtsabläufe, Zielberechnung und Treffervorbereitung auf Kriegsschiffen laufen schon heute weitgehend computergestützt.

Das Forum »Captain Computer« beginnt am 8. Oktober um 9 Uhr im Institut für Schiffbau der Universität Hamburg, Lämmersieth 90 (Barmbek), und dauert bis etwa 20 Uhr.

Einen Tag später findet am gleichen Ort das »Deutsch-Japanische Kolloquium über Diversifikation aus dem Schiffbau in Ökotechnologie« statt. Hinter dem Thema verbergen sich zum Teil skurrile Einfälle. Die Teilnehmer diskutieren unter anderem darüber, wie Erkenntnisse der Schiffbautechnologie für den Umweltschutz und andere Aufgabenfelder nutzbar gemacht werden können. Schlingerdämpfungstanks, vor 50 Jahren zur Stabilisierung von Schiffen entwickelt und inzwischen wieder aus der Mode geraten, werden heute für Hochhäuser eingesetzt, die durch heftigen Wind ins Schlingern geraten. Optimierte Propelleranlagen, von Strömungstechnikern verfeinert, können zur Durchquirlung und Sauerstoffanreicherung belasteter Gewässer benutzt werden. Meeresbiologen haben herausgefunden, daß eine Fischzuchtanlage erstklassig mit ausgedienten Autoreifen aufgebessert werden kann.

Die Tagung beginnt um 10.30 Uhr, die Vorträge dauern bis etwa 16.30 Uhr.

Anfragen und Anmeldung zu den Tagungen bei Dr. Volker Bertram (IFS), Tel. 040/2984- 3171/3100, Fax: 040/2984-3199.


Der Planungsstab der Universität Hamburg, 14.10.1996. Impressum.

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