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Forschung Nr. 21/97 vom 4.12.1997
Das Ziel ist, die Stecklinge in effizienter Weise zu vermehren sowie ein Pflegekonzept und eine praktikable Erntemethodik zu erarbeiten. Aufgrund der Unterschiedlichkeit des Saatgutes ist eine Aussaat zur Zeit noch nicht möglich. Nach der Ernte werden die Fasern im Thüringischen Institut für Textil- und Kunststoff-Forschung in Rudolstadt-Schwarza auf mechanischem Wege aufgeschlossen und in einem Kunststoffverbund erprobt. Das Textil- und Kunststoffwerk Julius Heywinkel GmbH in Osnabrück als weiterer Kooperationspartner entwickelt dann aus diesem verstärkten Kunststoff Formteile zum Beispiel für die Autoindustrie. So werden etwa Abdeckhauben für Kofferräume hergestellt.
Es hat sich gezeigt, daß die technischen Kennwerte (z.B. Reißfestigkeit) der Fasernessel ein Potential besitzen, das den Austausch der Glasfaser in Verbundwerkstoffen durch die Nessel lohnend erscheinen läßt, da der Werkstoff umweltfreundlicher produziert wird.
An eine textile Nutzung der Nesselfaser (für Hemden oder Bettwäsche), wie sie um 1940 erfolgreich praktiziert wurde, denken die Kooperationspartner ebenso wie an eine Verwertung des erheblich anfallenden Holzanteils des Stengels. Erste Versuche zu einer umweltfreundlichen Fasergewinnung von Nesselgarn sind angelaufen. Aus dem Holzanteil konnte in kleinem Maßstab bereits Papier hergestellt werden. Auch das Saatgut aus Wildnesselsammlungen läßt sich verwerten. Es wird für homöopathische Zwecke (Tee) eingesetzt. Diese Nutzung ist auch für die Saat der Fasernessel denkbar.
Bei der Großen Brennessel (Urtica dioica L.) handelt es sich um eine ausdauernde, in Mitteleuropa heimische Wildpflanze. Sie besitzt in ihrer Rinde Bastfasern, die genutzt werden können. Prof. Dr. Gustav Bredemann, der frühere Direktor des Instituts für Angewandte Botanik der Universität Hamburg, entwickelte zwischen 1920 und 1950 durch Züchtung und Auslese von Wildnesseln Genotypen, die einen wesentlich höheren Fasergehalt aufwiesen, und zwar zwölf bis 13 Prozent gegenüber vier bis fünf Prozent der Wildnessel. Durch die vermehrte Einfuhr von Baumwolle und den Siegeszug der Kunstfasern wurden diese Arbeiten nicht weitergeführt.
Dank sorgsamer Pflege konnten jedoch Zuchtfasernesselsorten erhalten werden, und mit der zunehmenden Bedeutung nachwachsender Rohstoffe wurden verschiedene Sorten 1992 wieder kultiviert. In der Arbeitsgruppe von Privatdozentin Dr. Gisela Dreyling entstanden mehrere Diplomarbeiten, in denen, wie in zwei noch nicht abgeschlossenen Doktorarbeiten, die Fasernesseln einer kritischen Analyse unterzogen, Sortenunterschiede herausgearbeitet und eine weitere Auslese bezüglich des Fasergehaltes vorgenommen wurden. Diese genetisch bedingten Sortenunterschiede haben einen Einfluß auf die Anbaueignung und Nutzung der Fasernessel.
