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Forschung Nr. 17/96 vom 30.9.1996
War im Nationalsozialismus für alle »Untaten« allein die Gestapo verantwortlich? Wer verfolgte gewöhnliche Verbrecher und klärte Straftaten auf? Welche Rolle spielte die Kriminalpolizei? Fragen wie diesen ging der Hamburger Historiker Patrick Wagner nach. Seine Antworten sind für die Kripo wenig schmeichelhaft. So deportierte sie rund 80 000 »Berufsverbrecher« und »Asoziale« in die Konzentrationslager. Die nach Kriegsende so bescheiden auftretenden Kriminalisten strotzten kurz vorher noch vor Selbstbewußtsein. Sie seien »Ärzte am Volkskörper: Was da faul ist, muß erbarmungslos herausgeschnitten werden«, hatte es 1944 geheißen.
Patrick Wagner hat Praxis und Vorgeschichte dieser »vorbeugenden Verbrechensbekämpfung« im Rahmen einer Dissertation am Fachbereich Geschichtswissenschaft der Universität Hamburg untersucht. Er weist nach, daß der NS-Staat den Kriminalisten zunächst lediglich den geeigneten Rahmen bot, um jene radikale Strategie umzusetzen, die sie bereits vor 1933 eingefordert hatten.
Die Kriminalisten der Weimarer Republik hatten eine beispiellose Modernisierung ihres Apparates erlebt und daraus das Selbstbewußtsein abgeleitet, die Kripo sei fähig, Kriminalität auf eine Randgröße zu reduzieren. Als die gesellschaftliche Krise um 1930 diese Vision mit explodierenden Kriminalitätsziffern ad absurdum geführt hatte, schrieben die Ermittler dies den ihnen auferlegten »Fesseln des Rechtsstaates« zu. Sie forderten für sich rechtsfreie Räume der Repression vor allem gegen »Berufsverbrecher«, die sie für die »Kerntruppen des Verbrechertums« hielten.
1933 begann man mit der KZ-Deportation einiger hundert »Berufsverbrecher«. Als die Kriminalpolizei 1936 in den SS-Apparat integriert wurde, wirkte sich dies eskalierend aus. Das Feindbild der Kriminalisten wurde durch kriminalbiologische Vorstellungen ideologisch aufgeladen. Das 1937 gegründete Reichskriminalpolizeiamt (RKPA) proklamierte als Ziel, »das erbmäßig bedingte Verbrechertum auszurotten«. Schon vor Beginn des Zweiten Weltkrieges war die Zahl der durch die Kripo Deportierten auf 13 000 angewachsen.
Entgegen der im Volksmund bis heute weit verbreiteten Propagandaformel, im NS-Staat habe es kaum Kriminalität gegeben, war diese polizeiliche Strategie ungeeignet, Straftaten einzudämmen. Vielmehr führten die vom Regime während des Krieges herbeigeführten Gewaltverhältnisse, die Zwangsmobilität von Millionen und die materiellen wie sozialpsychologischen Folgen des Luftkrieges zu sozialer Desintegration und damit zum Anstieg als Kriminalität registrierter Verhaltensweisen. 1943 wurden in Deutschland zum Beispiel doppelt soviele Einbrüche registriert wie 1938. Die Zahl der individuellen Tötungsdelikte war im gleichen Zeitraum um 45 Prozent gestiegen. Personell geschwächt durch die Abgabe von Beamten an die in Osteuropa mordenden Einsatzkommandos der SS, standen die Kriminalbehörden der deutschen Großstädte dieser Entwicklung zunehmend ohnmächtig gegenüber.
Den Verlust realer Kontrolle über das soziale Terrain suchte die Kripo während des Krieges durch immer neue Verschärfungen der »vorbeugenden Verbrechensbekämpfung« zu kompensieren. Die Zahl der »Vorbeugungshäftlinge« stieg enorm. Die vor Ort tätigen Kriminalbeamten orientierten sich in dieser Situation weniger an den kriminalbiologischen Leitideen ihrer Vorgesetzten im RKPA. Sie nutzten vielmehr die Vollmacht, mißliebige Personen in die Konzentrationslager zu deportieren, in erster Linie dazu, sich der im Polizeialltag als gefährlich oder auch nur lästig erscheinenden Menschen zu entledigen. Die Kriminalisten verschleppten vor allem Männer, die sie für arbeitsunlustig hielten, Frauen, die sie verdächtigten, wechselnde Sexualkontakte zu pflegen sowie vermeintliche »Berufsverbrecher«. Hatte man hierunter 1933 noch wirkliche »schwere Jungen«, wie beispielsweise Geldschrankeinbrecher, verstanden, so ging die Kripo von etwa 1943 an bereits gegen Bagatelldelinquenten wie den Duisburger Invaliden Nikodemus W. vor, der seit 1929 dreimal als Hühnerdieb aufgefallen war.
Auch die vermeintlich unpolitische Kriminalpolizei, so das Fazit von Patrick Wagner, hat sich engagiert und – zumindest was einen großen Teil ihrer Beamten betrifft – voller Überzeugung von der Richtigkeit ihres Tuns an den Gewaltverbrechen des Nationalsozialismus' beteiligt.
Unter dem Titel »Volksgemeinschaft ohne Verbrecher« erscheint die Arbeit des Historikers in Kürze als Band 34 der Hamburger Beiträge zur Sozial- und Zeitgeschichte im Hamburger Christians Verlag.
