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Forschung Nr. 23/97 vom 18.12.1997
Die bekanntesten und einflußreichsten Vereine der Stadt im 19. Jahrhundert - zum Beispiel die kommunalpolitisch aktiven Bürgervereine oder die besonders im Bildungsbereich erfolgreich wirkende Patriotische Gesellschaft - nahmen nur Personen mit Bürgerrecht auf. Frauen konnten also noch bis nach der Jahrhundertwende nicht in diese Organisationen eintreten. Aufgrund dieser unterschiedlichen Rechtsstellung der Geschlechter entwickelte sich ein ausgeprägtes Frauenvereinswesen neben den Organisationen bürgerlicher Männer.
Anhand der Hamburger Adreßbücher von 1852 bis 1918, Akten der Politischen Polizei sowie Archivalien aus den Beständen Senat, Allgemeine Armenanstalt, Sozialbehörde, Oberschulbehörde, Vereinsarchive und Familienarchive des Staatsarchivs Hamburg stieß Kirsten Heinsohn für ihre an der Universität Hamburg verfaßte historische Dissertation "Politik und Geschlecht. Zur politischen Kultur bürgerlicher Frauenvereine in Hamburg" auf 121 solcher Vereine. In ihrer systematischen Untersuchung teilte sie sie in vier Gruppen ein: soziale Frauenvereine, Frauenbildungsvereine, berufliche Organisationen und allgemeine Frauenvereine.
In die Gruppe der sozialen Frauenvereine gehören diejenigen Organisationen, die karitative oder sozialfürsorgerische Zwecke verfolgten, wie zum Beispiel der von Amalie Sieveking geleitete "Weibliche Verein für Armen- und Krankenpflege". Frauenbildungsvereine waren vor allem im Aufbau von Ausbildungseinrichtungen für bürgerliche Mädchen tätig, beteiligten sich aber auch an der bildungsbürgerlichen Auseinandersetzung über eine allgemeine Reform der Mädchenbildung. Zu dieser Gruppe können auch die nach der Jahrhundertwende gegründeten Frauenklubs gerechnet werden. Die Gruppe der beruflichen Frauenorganisationen setzt sich aus Vereinen zusammen, die sich eine berufsbezogene Interessenvertretung bürgerlicher Frauen zum Ziel gesetzt hatten. Als allgemeine Frauenvereine werden schließlich Vereine bezeichnet, die sich mit der Verbesserung der rechtlichen, sozialen, politischen und kulturellen Stellung von Frauen beschäftigten. Als einer von ihnen ist der Allgemeine Deutsche Frauenverein mit Helene Bonfort an der Spitze zu nennen. Es handelt sich demnach um Organisationen, die weder ausschließlich berufliche, noch ausbildungspolitische oder sozialreformerische Zwecke verfolgten. Ein Großteil dieser Gruppe zählte zu den Mitgliedern der bürgerlichen Frauenbewegung, doch finden sich auch in den anderen Gruppen "frauenbewegte" Vereine.
Kirsten Heinsohn ging bei ihrer Untersuchung von einem Politikbegriff aus, nach dem Politik im weitesten Sinne das "Streben nach Machtanteil oder nach Beeinflussung der Machtverteilung" (Max Weber) ist. Frauenvereine wurden also als kollektive Aktivität bürgerlicher Frauen verstanden, um die Verteilung von Macht, Einfluß und Ressourcen zu verändern. Sie waren somit ein Ausdruck für die politische Partizipation von Frauen, obwohl Frauen von den verfassungspolitischen Einrichtungen der Stadtrepublik - Bürgerschaft und Senat - ausgeschlossen waren. Die Vielfalt der kulturellen Milieus spiegelte sich dabei auch in den Frauenvereinen wider: Das ausgeprägte jüdische Vereinswesen beispielsweise brachte einige einflußreiche und große Frauenvereine hervor, die die Interessen der Gemeinde mit dem Streben bürgerlicher Frauen nach einer Verbesserung ihrer sozialen und rechtlichen Position verbanden.
In den Klubs sammelten sich die Damen, deren Identitätsbildung ausdrücklich auf das Bürgertum ausgerichtet war und die einen eigenständigen "weiblichen" Beitrag für die Identität der Großgruppe leisten wollten. Diese Frauen stellten nicht nur sich selbst als Bürgerinnen - im sozialen Sinne - dar, sondern sie repräsentierten auch das Bürgertum an sich. Dabei spiegelten die sozialen Differenzierungen zwischen den Frauenvereinen auch jeweils "eigene" Gruppen im Bürgertum wider. Die ledigen, weiblichen Angestellten repräsentierten einen ganz anderen Typ "Bürgerin" als die vermögenden Ehefrauen des jüdischen und evangelischen Bürgertums, die sich im "Großen Club" am Jungfernstieg trafen. Jenseits dieser Differenzierungen war aber die Mitgliedschaft und Tätigkeit in einem Frauenverein oder Klub ein gemeinsames und verbindendes Element, das neben der familiären Sozialisation die soziale und politische Identität Hamburger Bürgerinnen prägte.
Dr. Kirsten Heinsohns Dissertation ist soeben als Buch beim Verein für Hamburgische Geschichte erschienen. Es kostet 36 Mark.
