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Forschung Nr. 8/1997 vom 21.5.1997

Für Schriftsteller ist die Wahl von Namen häufig ein schwieriger Drahtseilakt

Was 34 Hamburger Romanautoren zur Kreation von Figurennamen sagen

Der Name einer Figur ist meist das Erste, mit dem Leserinnen eines Romans bei der Einführung eines fiktiven Charakters konfrontiert werden. Kein literarisches Werk kommt ohne Namen aus. Zahlreiche namenkundliche Untersuchungen belegen das große Interesse an diesem kleinen Baustein eines literarischen Textes. So analysierten Wissenschaftler die Werke von Lessing, Mann, Fontane und anderen Schriftstellern, um deren Absichten bei der Namengebung herauszufinden.

Doch was beschäftigt den Romancier selbst? Wie findet er seine poetischen Namen? Was ist ihm bei ihrer Auswahl wichtig? Um diese Fragen klären zu können, verfaßte Sabine Hanno-Weber an der Universität Hamburg eine sprachwissenschaftliche Dissertation, in der sie die Produzenten selbst zu Worte kommen läßt. Sie interviewte 34 zeitgenössische Hamburger Romanautorinnen und -autoren zur Namengebung und stellte fest, daß Schriftsteller auch im realistischen Roman unserer Tage dem fiktiven Personennamen große Bedeutung beimessen, wenn auch in modifizierter Weise.

Der von der Forschung bislang am häufigsten untersuchte "sprechende" Figurenname (Beispiel: "Dickmann" für einen dicken Mann) ist "out". Brigitte Kronauer: "Thomas Mann ist mir in dieser Hinsicht ein Graus!" Gefragt sind vielmehr - jedenfalls in dem hier untersuchten Genre - Namen, die "etwas bedeuten, ohne nun gleich offensichtlich 'symbolisch' zu sein" (Joachim Seyppel).

Ein großer Teil der befragten Autorinnen und Autoren gibt sich sehr viel Mühe mit der Auswahl des "richtigen" Namens, vor allem für die Hauptfiguren, denn "Namen sind halt eine enorm wichtige Sache" (Christian Geissler). Für die meisten Interviewten ist es deshalb unabdingbar, schon zu Beginn des Schreibprozesses den passenden Namen zu haben, denn "sonst wüßte ich doch nicht, über wen ich da schreiben will" (Peter Gogolin).

Die Romanciers sind an den verschiedensten Orten auf der Suche nach stimmigen Namen. Sie studieren Abiturlisten und Todesanzeigen, nutzen Lastwagenaufdrucke, Grabsteine und Filmabspanne als Quellen, und zur Not greifen sie zum Telefonbuch.

Dabei gibt es für alle Autoren bestimmte Auswahlkriterien, die einen Personennamen zu einem literarisch verwendbaren machen: "Klang spielt eine ganz große Rolle", meint Paul Kersten. Für den aus dem Kohlenpott stammenden Franz-Josef Degenhardt ist klar: "Die Namen müssen lokale Eigenarten spiegeln". Deshalb kommen bei ihm Spitznamen wie "Dickmußmann" und "Zünder Krach" vor. "Zur Schicht muß der Name natürlich auch passen" (Eva-Marie Alves).

Außerdem: "Glaubwürdigkeit ist wichtig" (Siegfried Lenz), und darum wird die poetische Namenwahl für die Schriftsteller häufig zu einem schwierigen Drahtseilakt "auf dem Grad zwischen auffällig und gewohnt" (Jost Nolte). Sie versuchen, ihn zu meistern, indem sie gefundene Namen lautlich abwandeln, wörtliche Bedeutungen verschleiern oder ursprüngliche Namenbestandteile neu zusammensetzen, um so einen Personennamen zu konstruieren, der "eine Anspielung, ein Assoziationsfeld" (Karin Struck) für den Leser bietet. So kommt bei Hannelore Krollpfeiffer ein Werner Schneekopf vor. Im Idealfall hat der Name eine zwangsläufige Richtigkeit für den Schriftsteller. "Name und Figur bilden eine Einheit" (Fritz Raab), und dann "muß der so heißen" (Hermann Peter Piwitt).

Doch durch die - in der Forschung bisher vernachlässigte - Einbeziehung der Produzentenseite konnte Sabine Hanno-Weber mit ihrer empirischen Studie nicht nur viele neue Erkenntnisse liefern. Die Auskunftsbereitschaft der Schriftsteller, die Fülle von Informationen und die Vehemenz ihrer Äußerungen zeigen deutlich, daß aus der Sicht der Autoren ein großes Interesse an der Einbeziehung in den wissenschaftlichen Dialog besteht - eine Erkenntnismöglichkeit, die der Forschung wertvolle Beiträge bieten kann und die deshalb nicht ungenutzt bleiben sollte.

Sabine Hanno-Webers Untersuchung "Namengebungsmotivation zeitgenössischer Hamburger Autoren" ist im Peter Lang Verlag, Frankfurt, zum Preis von 69 Mark erschienen.


Der Planungsstab der Universität Hamburg, 22.5.1997. Impressum.

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