Forschung Nr. 9/96 vom 12.6.1996
Erfüllen sich Zukunftsträume medizinischer Forscher, werden die Parkinsonsche Erkrankung, Diabetes und viele andere Leiden bald durch Transplantationen von fötalem Gewebe geheilt. Das neue Verfahren soll Querschnittsgelähmte wieder hoffen lassen, Erbkrankheiten durch die Transplantation von Fötus zu Fötus schon im Mutterleib heilen und alle Menschen dem Traum von der ewigen Jugend näher bringen.
Mit den Möglichkeiten und Risiken der neuen Fötentechnologie hat sich unlängst Ingrid Schneider in ihrer Dissertation "Föten: der neue medizinische Rohstoff. Medizintechnologie, Körperpolitik und gesellschaftliche Verantwortung" im Institut für Politische Wissenschaft der Universität Hamburg beschäftigt. Sie gibt einen detaillierten Überblick über den Stand von Forschung und Praxis in der Bundesrepublik und weltweit. Gleichzeitig weist sie auf die Konsequenzen der medizinischen Revolution hin: Fallbeispiele vom Fötenhandel mit Rußland und anderen Ländern und von Patentvergaben für fötale Zell-Linien machen deutlich, wie neue biomedizinische Märkte entstehen. Die Hamburger Politologin beschreibt, wie sich Zeitpunkt und Methode von Abtreibungen unter der Voraussetzung verändern, möglichst transplantationsgerechtes und intaktes "Material" zu gewinnen. Denn für das medizinische Gelingen ist es erforderlich, daß
Ingrid Schneider diskutiert die ethischen Fragen um den Zusammenhang zwischen Schwangerschaftsabbruch und Fötenverwertung. Sie kritisiert dabei die Ethik der Güterabwägung zwischen den Interessen von Frauen und denen möglicher Gewebeempfänger. Das Ausrichten des Abtreibungsprozesses auf die Nutzung fötalen Gewebes bewertet sie nicht nur als Übergriff auf die Autonomie von Frauen, sondern auch als Bruch mit dem grundlegenden Prinzip der Schädigungsfreiheit ärztlichen Handelns.
Die Heilungsversprechen bezüglich der Verpflanzung von Fötalgewebe sind bisher nicht eingelöst worden. Doch wäre gerade der therapeutische Erfolg dieser Technologie zu fürchten: Wird zukünftig jede abtreibungswillige Frau mit der Spendefrage konfrontiert und moralisch unter Druck gesetzt werden? Kann der wachsende Bedarf an Föten mit dem über die reguläre Abtreibungspraxis "verfügbaren Angebot" überhaupt Schritt halten? Werden wir es in Zukunft gar erleben, daß Frauen gezielt schwanger werden, um Fötalgewebe als Heilmittel zu "produzieren", sei es aus vermeintlicher Barmherzigkeit für kranke Angehörige oder aus Armut gegen Geld?
Mit einer Übersicht über die einschlägige Gesetzeslage arbeitet die Autorin heraus, daß die Verwertung von Föten bisher weitgehend im rechtsfreien Raum stattfindet. In dieses Rechtsvakuum tritt der Regulierungs- und Gestaltungsanspruch der medizinischen Profession selbst, wie anhand von Ethischen Richtlinien der Bundesärztekammer und des europäischen Fötalhirnforscherverbunds NECTAR deutlich wird. Ingrid Schneider plädiert dafür, die Entscheidung über den weiteren Einstieg in diese neue Ära nicht weiterhin allein Ethik-Kommissionen zu überlassen; denn sie kommt zu dem Schluß, daß diese Kommissionen von ihren Organisationsmerkmalen her weder ausreichend demokratisch verfaßt noch legitimiert sind. Deshalb fordert sie eine gesellschaftliche Debatte um die soziale Gewünschheit und Verträglichkeit dieser neuen Medizintechnologie ein. Ihre Arbeit liefert eine Grundlage für diese Diskussion.
Die Dissertation ist unter dem Titel "Föten: Der neue medizinische Rohstoff" im Campus Verlag, Frankfurt a. M./New York, erschienen und kostet 34 Mark.
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Föten als neuer medizinischer Rohstoff
Verwertung weitgehend rechtsfrei / Kritik an Ethik-Kommissionen / Aktuelle Dissertation
Der Planungsstab der Universität Hamburg,
20. Juni 1996.
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