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Universität - Präsidialverwaltung - Pressestelle

05.05.1999

80 Jahre Universität

Gedenken an Glanz und Dunkelheit:
"Ernst Cassirer-Hörsaal" im Uni-Hauptgebäude

Die Universität Hamburg wird am 10. Mai 1999 achtzig Jahre alt. Sie nimmt das Datum zum Anlaß, erstmals einen Hörsaal der Universität nach einer der großen Personen ihrer Geschichte zu nennen, um damit Erinnerung festzuhalten und zugleich neu zu beleben: Hörsaal A des Universitätshauptgebäudes, der größte Vorlesungsraum im Kuppelgebäude an der Edmund-Siemers-Allee, wird künftig "Ernst Cassirer-Hörsaal" heißen.

Es war in der Hamburger Musikhalle, wo die Universität Hamburg am 10. Mai 1919 mit einer Festversammlung feierlich eröffnet wurde. Wenige Wochen zuvor, am 28. März 1919, hatte die zum erstenmal in freier und gleicher Wahl demokratisch konstituierte Bürgerschaft der Freien und Hansestadt Hamburg auf Antrag der sozialdemokratischen Fraktion die Gründung der Universität beschlossen. Während bis dahin Universitäten durch Gründungsakt des Fürsten oder der Regierung entstanden, erlebte Hamburg damit die erste parlamentarisch-demokratische Universitätsgründung in Deutschland.

Glanzvolle 20er Jahre

Schon in ihrem ersten Jahrzehnt stand die Hamburgische Universität - so ihre damalige Bezeichnung - in wissenschaftlicher Blüte. Eine kluge, ausgewogene Berufungspolitik verhalf ihr bald zu einem klaren Profil: Weltoffenheit und Liberalität galten als ihr Markenzeichen. Unter der Professorenschaft gab es viele Gelehrte, die sich zur demokratischen Staatsform der Weimarer Republik bekannten. Auch mehrere jüdische Professoren wurden nach Hamburg berufen, anders als an manchen altehrwürdigen, aber auch konservativen Universitäten. Diese liberale Minderheit verlieh der Universität Glanz und verschaffte ihr internationales Ansehen: der Philosoph Ernst Cassirer, der Psychologe William Stern, der Kunsthistoriker Erwin Panofsky, der Jurist Albrecht Mendelssohn Bartholdy, der Sozialökonom Eduard Heimann, der Physiko-Chemiker Otto Stern. Cassirer und Panofsky standen dabei in enger Verbindung zu dem Privatgelehrten und Honorarprofessor der Universität, Aby Warburg, mit seiner berühmten Kulturwissenschaftlichen Bibliothek in der Heilwigstraße.

Für das Amtsjahr 1929/30 wurde Ernst Cassirer von der Professorenversammlung zum Rektor der Universität gewählt - der erste jüdische Rektor einer deutschen Universität, und dies angesichts der wachsenden nationalsozialistischen "Bewegung", deren Andringen sich an den Wahlen zum Reichstag wie zur Bürgerschaft ablesen ließ. Trotz massiver Gegenwehr erreichte Cassirer, daß im Sommer 1930 erstmals an der Universität in einer akademischen Feier der demokratischen Reichsverfassung gedacht wurde.

Uni huldigt "nationaler Revolution"

Bereits zum Sommersemester 1933 wurden "nichtarische" und demokratisch gesonnene Professoren und andere Lehrkörpermitglieder aus dem Dienst entlassen. Die Universität nahm diese Unrechtsmaßnahme schweigend hin. Mit einem Festakt im Hörsaal A des Hauptgebäudes hatte sie sich unter Hakenkreuzfahnen offiziell zur "nationalen Revolution" bekannt. Über 40 Kolleginnen und Kollegen wurden im Laufe des Jahres entlassen, das machte 16 Prozent des Lehrkörpers aus. Viele von ihnen gingen ins Exil (so Cassirer nach Großbritannien, Schweden und in die USA), einige wurden Opfer des Völkermords. Der philosophische Lehrstuhl Cassirers wurde in einen für Rassenbiologie umgewandelt - was deutlich macht, wie bewußt man das, was die Universität bisher ausgemacht hatte, zu verhöhnen suchte.

Ernst Cassirer starb 1945 in New York. Sein Werk blieb in der deutschen Nachkriegsphilosophie lange vernachlässigt; jetzt, wesentlich auch von den USA ausgehend, ist die grundlegende Bedeutung seiner Schriften neu erkannt worden. An der Universität Hamburg ist eine Cassirer-Arbeitsstelle tätig, die sich mit der Herausgabe von Cassirers Werken in 25 Bänden beschäftigt. 1995 wurde außerdem die Einrichtung einer Ernst Cassirer-Gastprofessur beschlossen, die jetzt zum zweitenmal besetzt ist (1998: Hans Sluga, 1999: Nicholas White, beide USA).

 

Erinnerungsarbeit seit 8oer Jahren

Die Namensgebung "Ernst Cassirer-Hörsaal" fügt sich ein in das langjährige intensive Bemühen der Universität, die Erinnerung an ihre erste Blütezeit vor 1933 und, in mahnendem Gegensatz dazu stehend, an die Zeit ihres umso tieferen Absturzes von 1933 bis 1945 zu bewahren und zu vermitteln. Anfang der achtziger Jahre entstand das interdisziplinäre Forschungsprojekt zur Geschichte der Hamburger (damals "Hansischen") Universität im "Dritten Reich", dessen in drei Bänden veröffentlichte Ergebnisse auch heute noch die mit Abstand intensivste Studie über eine Hochschule in dieser Zeit darstellen. 1991 ging eine große Ausstellung im Auditorium maximum unter dem Titel "Enge Zeit" den Spuren der von der Universität Vertriebenen und Verfolgten nach. 1995 bis 1997 fanden Veranstaltungsreihen zur Würdigung des Schicksals und Werkes von Ernst Cassirer, des Altphilologen Bruno Snell und des Politikwissenschaftlers Siegfried Landshut statt. Mit der Stiftung und 1997 ersten Verleihung der "Bruno Snell-Plakette" (an Walter Jens) bekannte sich die Universität zu den Normen von Rationalität, Humanität und Verantwortung der Wissenschaft, die mehrere ihrer Mitglieder, darunter eben Bruno Snell, auch unter nationalsozialistischer Herrschaft bewahrt hatten.

Die Benennung von Hörsaal A, der alten Aula der Universität, nach Ernst Cassirer, hat zugleich örtlich weiterreichende Bedeutung: Hier im Hauptgebäude plant die Universität eine im Zeichen ihrer jetzt achtzigjährigen Geschichte stehende zentrale Dokumentations- und Gedenkstätte. Nach den vom Akademischen Senat bereits verabschiedeten Vorstellungen soll die von Eckart Krause im Fachbereich Geschichtswissenschaft aufgebaute und geleitete "Hamburger Bibliothek zur Universitätsgeschichte" dorthin verlagert und, als Arbeitsstelle erweitert, um ein "Dokumentations- und Begegnungszentrum Weiße Rose" ergänzt werden. In letztgenannter Einrichtung soll das Gedenken an den Hamburger Zweig der Münchner "Weißen Rose" gepflegt und die weitere Erforschung dieser studentischen Widerstandsgruppe gefördert werden. An die Opfer der Hamburger "Weißen Rose" erinnert eine Gedenktafel im Foyer des Auditorium maximums bereits seit 1971.

Auch ein zweiter Hörsaal im Universitätshauptgebäude soll demnächst den Namen eines nach Schicksal und Bedeutung unvergessenen Mitglieds der Universität erhalten: den Namen Agathe Lasch (1879 bis 1942 ?), Professorin für Niederdeutsch, erste Frau auf einem Lehrstuhl der Hamburger Universität, 1939 entlassen, 1942 verhaftet und mit unbekanntem Ziel und Ende deportiert.

Die öffentliche Feier der Namensgebung "Ernst Cassirer-Hörsaal" (Hörsaal A im Uni-Hauptgebäude) findet am Dienstag, dem 11. Mai 1999, um 18 Uhr statt. Den Festvortrag hält Prof. Dr. Birgit Recki (Philosophisches Seminar, Leiterin der Ernst Cassirer-Arbeitsstelle): "Die Kultur der Humanität. Ernst Cassirer als Philosoph und Bürger". Begrüßung und Einführung: Präsident Dr. Jürgen Lüthje.


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