Präsident der Deutsch-Japanischen Gesellschaft Bonn
Günther Wenck und ich trafen am ersten Studientag des Wintersemesters 35/36 im Japanologischen Seminar der Universität Leipzig zusammen. Beide wollten wir Japanologie und Recht studieren. Gemeinsam immatrikulierten wir uns und wurden anschließend wie damals noch alle Studienbeginner vom Oberbürgermeister der Stadt, Dr. Goerdeler empfangen.
Vom ersten Tage an arbeiteten wir zusammen und begannen ein "eisernes" Studium; denn beide meinten wir es sehr ernst mit der Japanologie. Wir blieben auch an diesem Tage gleich bis zum Abend im Seminar. Das ging dann so weiter einschließlich der Samstage und Sonntage, da wir von Professor Hans Ueberschaar (1885-1965) einen Schlüssel zum Institut erhielten. Er war anscheinend über die Arbeitslust der zwei Neuen erfreut. Selbstverständlich ließen wir keine Vorlesung oder Übung im Seminar aus. Nur die vorgeschriebenen Vorlesungen und Übungen in Rechts- und Staatswissenschaften besuchten wir außerdem. Wir waren in der Japanologie ja nur zwei Handvoll Studenten über alle Semester hinweg, wobei am zweiten Tag überraschend noch ein Schulfreund von mir, der schon länger im Seminar war, auftauchte, Christoph Kaempf; (Kaempf war von 1956-1979 Leiter des Deutsch-Japanischen Kulturinstituts in Kyôto). So waren also sogar zwei von der gleichen Schule (Deutsche Oberschule Löbau) in dem seltenen Studium. Unter den weiteren waren die Studenten Helmuth Werner (später, bis Kriegsende, Generalsekretär der DJG in Berlin) und Gerhard Mehnert (nach dem Krieg Japanologieprofessor an der Humboldt-Universität Berlin). Eifrig studierten wir alle, aber Günther Wenck und ich wohl besonders eifrig; für uns gab es kaum etwas anderes als die Arbeit im Seminar, und das blieb so Woche für Woche einschließlich der Wochenenden und über die Semester hinweg.
Wir wollten uns in möglichst kurzer Zeit natürlich auch auf Japanisch unterhalten können. So kamen wir sehr oft hierfür mit dem japanischen Studenten Yamanaka zur Konversation zusammen - jeweils halbzeitig in Deutsch und dann in Japanisch.
Professor Ueberschaar war auch außerhalb der Vorlesungen immer für uns alle zu sprechen und unterstützte unsere Arbeit. Er war ja erst seit kurzem hier und froh, seine wenigen Studenten so aktiv vorzufinden. Aber auch Professor Wedemeyer, damals zuständig für Chinesisch und früher auch für Japanisch, begrüßte dies. Damals betrieben ja noch die meisten Japanisch-Studenten zugleich Chinesisch und umgekehrt. Günther Wenck studierte außerdem bei Professor Juncker Phonetik, was seine spätere wissenschaftliche Ausrichtung entscheidend beeinflußte. Das Seminar hatte enge Verbindung nach Kyôto und zum dortigen Deutschen Kulturinstitut und unterhielt einen speziellen Studentenaustausch, in welchem aus dem Seminar Rolf Binkenstein, Erich Jacob und Christoph Kaempf nach Kyôto gingen.
Wir beiden, Günther Wenck und ich, legten jeweils am Semesterende eine Prüfung über unsere Fortschritte ab. Sie galt zugleich als Fleißprüfung für den Erhalt von Studiengebühr-Ermäßigungen. So arbeiteten (andere meinten "schufteten") wir über die Semester hinweg; denn auch Günther Wenck kannte nichts anderes als Arbeit - wie später sein Leben lang. Großes Interesse fand auch bei uns natürlich die japanische Schriftsprache, vor allem anhand der Lehrbücher von Rose-Innes. Professor Ueberschaar benutzte auch viel die Bücher des von ihm verehrten Japanologen Chamberlain.
Gern denke ich an dieser Stelle an die vielen Hilfen, die wir von unserem ersten Lektor Manabe Ryôichi und später von Ôga Koshiro im Studium erhielten. Letzterer wurde uns dann ein ständiger Freund - auch über seine spätere Zeit als Leiter des Japanischen Kulturinstituts in Köln (von 1969-1972) hinaus.
Unsere gemeinsamen Anstrengungen endeten erst einmal, als ich Anfang 1937 nach einer weiteren Vorprüfung als Austauschstudent an die Tôkyô Universität gehen konnte. Aber wir blieben in laufender Verbindung. Ich versorgte Günther Wenck mit benötigtem Buchmaterial aus Japan, er schickte alles von mir Gewünschte. Ich konnte übrigens schon bei einem Zwischenaufenthalt in Korea bei Familie Yamanaka unsere gemeinsam erarbeiteten Konversationskenntnisse ausprobieren, und Herr Yamanakas Bruder wurde mir in Tôkyô ein guter Freund.
Sogleich nach meiner Rückkehr aus Tôkyô 1938 trafen wir uns wieder mit Günther Wenck - diesmal in Berlin - zum weiteren gemeinsamen Studium und zur Vorbereitung des Diplomexamens für Japanisch. Das Japanische Seminar der zur Universität gehörigen Ausland-Hochschule, früher einmal Seminar für Orientalische Sprachen und später dann Auslandswissenschaftliche Fakultät der Friedrich-Wilhelm-Universität, leitete Professor Clemens Scharschmidt. Er prüfte mich als nicht über ihn in Austausch Gegangenen zunächst besonders kritisch, wurde aber später ein väterlicher Freund und lud Günther Wenck und mich auch zu sich nach Hause ein. Er wurde übrigens wegen seiner besonders umfangreichen Sprachkenntnisse oft als Dolmetscher bei offiziellen Regierungsgesprächen herangezogen, später aber wegen seiner "negativen" Einstellung abgelöst und fand 1945 bei der Besetzung seines Hauses durch russische Soldaten einen tragischen Tod.
Wir studierten in dieser Zeit zugleich auch im Japan-Institut bei Professor Martin Ramming (1889-1988) Kambun-Texte und im Sinologischen Institut bei Professor Pernitsch und Trittel Chinesisch. Nach dem Ablegen der Prüfung studierten wir im gleichen Winter wieder in Leipzig zur Ergänzung unserer Japanisch-Kenntnisse und für die Promotion weiter.
Der Krieg unterbrach dann mit meiner Einberufung diese gemeinsame Arbeit. Auch Günther Wenck wurde ca. 1/2 Jahr später zum Wehrdienst einberufen, konnte aber seine Dissertation, die für Aufsehen sorgte, noch vorher veröffentlichen. Wir trafen uns jetzt nur mehr während eines Urlaubs und zu seiner Hochzeit 1944 in Hannover. Glücklicherweise konnten wir beide nach dem Kriege die Arbeit in der Japanologie wieder aufnehmen - allerdings er in Hamburg, ich in München - und mit Lehraufträgen, deren Entgelte bei der damaligen Armut der Universitäten allein zum Leben nicht ausreichten. Wir unterstützten uns so weit wie möglich mit Wissen und Material und trafen uns in Abständen in Hamburg, wo sich Günther Wenck immer konzentrierter mit seinen Studien zur japanischen Syntax befaßte.
1968 trafen wir uns auch in Japan, wo er damals weilte, um seine Studien im Lande fortsetzen zu können. In Tôkyô fand er nun ein stark gewachsenes Interesse an seiner Arbeit vor, wie er mit sichtlicher Freude feststellte.
Sonst hat er auch mir gegenüber selten einmal über Erfolge in seinen Forschungen gesprochen. Die Arbeiten dazu hatten ja bereits 1936 damit begonnen, daß er ausführliche Karteien über jedes japanische Wort und über festgestellte Abhängigkeiten und Zusammenhänge mit anderen Worten oder im Satz erstellte. Sie weiteten sich im Fortgang seiner Untersuchungen mehr und mehr aus. Ich habe immer vorgehabt, mir die Ergebnisse der Arbeiten einmal in seinem Studierhäuschen neben seinem Wohnhaus in Norderstedt bei Hamburg ausführlich vorführen zu lassen, da es mich auch im Zusammenhang mit der Fortentwicklung der elektronischen Datenverarbeitung und deren Vergleichsmöglichkeiten für sprachliche Zusammenhänge interessierte. Aber leider ist es nun nicht dazu gekommen. Daß er einmal so schnell nicht mehr am Leben sein könnte, dieser Gedanke ist mir nie gekommen, da ich ihn immer nur als ständig tatkräftigen und gesunden Menschen kannte.
Günther Wenck suchte wohl nie die Öffentlichkeit, dafür aber die Menschen, die mit ihm Probleme angehen wollten. Er lebte für seine Arbeit und die Aufgaben, die er sich selbst gestellt und deren Lösung er sich vorgenommen hatte. Seine Freunde und Studenten schätzten ihn, auch wegen seiner selbst in kurzen Worten immer treffenden und aussagekräftigen Feststellungen. Vielfach erfolgten diese humorvoll, manchmal mit sarkastischen Bemerkungen ergänzt. Wer ihn genauer kannte, wußte, daß er damit besonders zu weiterem Nachdenken über die angesprochenen Fragen anregen wollte. In vielen Ausführungen klang eine Skepsis gegenüber allem bisher Festgestellten oder Erfahrenen, wie sie sonst eher Naturwissenschaftlern eigen ist, mit. Sie wirkte zunächst in ihm selbst, er wollte diese aber auch an seine Geprächspartner weitergeben.
Ich habe die spezielle wissenschaftliche Arbeit meines Freundes von Beginn an als eine große und wichtige Aufgabe innerhalb der Japanologie empfunden und sehe dies bis heute in gleicher Weise. So hoffe ich auch, daß über das international bedeutende wissenschaftliche Werk von Günther Wenck seine Schüler ausführlich berichten und die Erkenntnisse daraus verwenden werden.

