[Überarbeitete Fassung eines Vortrags, gehalten am 25.8.1988 im Rahmen des Japan-Seminars der International Police Association auf Schloß Gimborn.]
von
Heinrich von Boldshausen
Der Provinzpolitiker aus Chiba hatte es immer schon geahnt: "Das konnte einfach nicht gutgehen mit diesem Hamakô. Das ist doch kein Hauskätzchen, dem man das Glöckchen um den Hals hängt. Das ist ein menschenfressender Tiger, und sowas gehört nun mal nicht ins höchste Parlament - aber wer hört schon auf uns kleine Leute!"
An jenem 6. Februar 1988, einem Samstag, hatte die NHK-Direktübertragung der Haushaltsausschußsitzung des Parlaments offenbar ein größ eres Publikum angezogen als erwartet. Immerhin mußte man bestehen gegen die Verlockungen und Pflichten eines - Nordjapan ausgenommen - milden Winternachmittags sowie gegen die sieben Konkurrenzprogramme mit Rennern wie Beat Takeshi's "Biggu satadê"-Show, eine attraktive Matsuda Seiko in der tränenrührenden "Liebessymphonie" oder die Direktübertragung eines Pferderennens auf Kanal 12.
Die Ausschußsitzungen waren am 1. Februar eröffnet worden und bald hatte sich herumgesprochen, daß mit dem Vorsitzenden Hamada Kôichi - Spitzname: abarenbô Hamakô, also Hamakô der Radaubruder und Randalierer - ein Politiker am Ruder saß, der etwas von Politshow verstand; die Einschaltquoten dieser ansonsten als dröge verschrieenen Sendung jedenfalls waren in diesen Tagen plötzlich hochgeschnellt. Ein Umstand, der die "Beamten" des immer ums Staatswohl besorgten NHK aber dann doch nicht davon abhielt, die Übertragung der Sitzung vom 6. Februar just in dem Augenblick zu kappen, als es dort zum Eklat kam. Noch Stunden später waren die Telefonleitungen der Sendeanstalt von Protestanrufern blockiert: "Immer wenn's spannend wird, schalten die ab!"
'Hamakô bôfû', ôare (Hamakô -Taifun, Chaos), Kyô sangichô wo 'satsujinsha' (Vorsitzender der Kommunisten 'ein Mörder') und ähnliche Schlagzeilen beherrschten am nächsten Tag die Titelseiten der Sonntagsblätter. Einschlägige Zitate aus der Skandaldebatte vom Vortag, mit Hintergrundinformationen über die Kombattanten, begleiteten das bekannte Klagelied der aufgeklärten Kommentatoren über die "miese Qualität" und "Rückständigkeit" der politischen Szene. Tagelang noch bewegte der Vorfall die Gemüter, Wochen- und Monatsschriften vertieften und verflachten dann noch manches, "Shinbun daijesuto" adelte ihn mit der Aufnahme in die Hitliste der "Zehn wichtigsten Nachrichten des Monats", bis das Ganze dann quasi als Nachbeben bei der Halbjahresbilanz der Regenbogenpresse auf prominentem Platze neben den Seitensprüngen eines TV-Programmdirektors und dem Liebesleid einer beliebten Fernsehansagerin vorerst letztmalig zu Ehren kam.
Aber was war nun eigentlich am besagten 6. Februar im Hohen Hause von Tôkyô passiert, daß selbst jene Parteien, die sonst keine Gelegenheit versäumen, die Kollegen von der kommunistischen Konkurrenz zu ärgern, mit diesen darüber einer Meinung waren, daß es diesmal nicht einfach um ein Problem der Kommunistischen Partei ginge? Die Amtsenthebung des "undemokratischen und undisziplinierten Vorsitzenden Hamada" sei das mindeste, forderten sie in seltener Einmütigkeit, denn nur so könne "Würde und Autorität des Parlaments" wiederhergestellt werden. Im übrigen handele es sich um einen in der Geschichte des japanischen Parlamentarismus einmaligen Fall von Amtsmißbrauch, der an die Substanz der parlamentarischen Demokratie rühre - ganz zu schweigen von den möglicherweise verheerenden Auswirkungen auf die Moral der Jugend, wie ein prominenter Vertreter der Wirtschaft zu bedenken gab.
Nicht nur Oppositionskreise hatten im November 1987 schon erhebliche Bedenken angemeldet, als bekannt wurde, daß der verantwortungsvolle und mit viel Prestige verbundene Posten des Vorsitzenden im Haushaltsausschuß endgültig dem fraktionslosen Abgeordneten des Dritten Wahlkreises der Präfektur Chiba, eben Hamada Kôichi, zugesprochen werden sollte; ursprünglich war nämlich für die Leitung dieses größten ständigen Parlamentsausschusses ein Mann des zurückgetretenen Nakasone mit einschlägiger Ministererfahrung vorgesehen gewesen, dessen know-how angesichts der vom neuen Ministerpräsidenten Takeshita anvisierten "Durchführung einer grundlegenden Steuerreform" eine kompetente Verhandlungsführung zu garantieren schien. - Amt und Kompetenz finden eben nicht immer zueinander.
Gleich zu Beginn der Sitzungsperiode begrüßte die Montagsausgabe der Asahi shinbun den stolzen Ausschußvorsitzenden mit einer bissigen Karikatur, die sich als prophetisch erweisen sollte: die Schlinge für seinen Hals haben die Oppositionsparteien bereits geknüpft. Und vom ersten Tag an schien auch Hamada keine Mühe zu scheuen, diesem Bild gerecht zu werden. Abgeordnete der Opposition etwa wurden von ihm barsch zurecht- und zurückgewiesen, Rednern mitten in ihren Ausführungen rücksichtslos das Wort entzogen und Zwischenrufer geschuriegelt: "Du da! Die Brille dahinten! Mach' daß Du rauskommst!" (Omae da. Ushiro no seki no megane da. Omae, deteike!) Ganz so hatte es sich jener Politologe wohl nicht vorgestellt, als er vor Jahren den Haushaltsausschuß mit einem leicht verunglückten Bild als den Ort beschrieb, "wo die Blumen der Wortgefechte in voller Blüte stehen." - Dabei gilt der Unterhausabgeordnete Hamada selbst als ein gelegentlich sogar witziger, öfters aber äußerst verletzender Zwischenrufer vom Dienst. Journalisten erinnerten sogleich an den Fall eines sozialistischen Parlamentariers, den Hamada 1978 mit der unqualifizierten - trotzdem nie geahndeten - Behauptung, dieser sei ja ein Frauenschänder (gôkan yarô) sogar aus der Politik vertrieb. Älteren Beobachtern drängten sich gar Assoziationen an düsterste Vorkriegszeiten auf, als die Militärs im Parlament ihre zivilen Gegner mit einem schnarrenden "damare!!" zum Schweigen zu bringen pflegten.
Der Unmut gegen Hamada wuchs so von Tag zu Tag. Seine Verletzung des Fragerechts der parlamentarischen Minderheit wurde, nachdem alle Appelle zu fairer Verhandlungsleitung fruchtlos geblieben waren, zuerst mit kurzfristigen Sitzungsboykotts beantwortet, bis es dann am Samstag dem 6. Februar zum endgültigen Bruch kam.
An diesem Tag war der KP-Abgeordnete Masamori Seiji dem Ausschußvorsitzenden schon durch dessen Direktbefragung von Regierungschef Takeshita und einigen Ministern unangenehm aufgefallen. Als Masamori sich aber kurz vor 18 Uhr noch dazu verstieg, eine von Hamada einst im Fernsehen geäußerte Kritik an der seiner Meinung nach zu nachsichtigen Haltung der Polizeiführung gegenüber der linksradikalen Chûkakuha - Intimfeind der KPJ - zustimmend zu zitieren, war es an Hamada, diese Umarmungsstrategie seines Intimfeindes KPJ zu durchkreuzen. Ohne abzuwarten, erteilte er sich selbst das Wort: "Seitdem wir es unmittelbar nach Kriegsende ermöglicht haben, daß ein Mörder wie Miyamoto Kenji an der Politik unseres Staates teilnehmen darf, macht uns die Kommunistische Partei Japans größte Sorgen - sind wir aber auch voller Kampfgeist gegen sie. Deshalb habe ich auch als Mitglied der LDP allerlei unternommen." Erregt verbittet sich Masamori diese ungeheuerliche Verleumdung seines greisen Parteivorsitzenden und fordert Hamada auf, beim Thema zu bleiben. Hamada: "Warum war er denn im Gefängnis? Ich weiche keinen Schritt zurück." Ein Wort gibt das andere, bald laufen Herren im Nadelstreifenanzug wütend durch den Sitzungssaal nach vorne und trommeln mit beiden Fäusten Protest auf Hamada's Tisch, schreien "torikese, torikese!". Doch der legt lieber noch eins drauf, denkt überhaupt nicht daran, etwas zurückzunehmen: "Ich sage doch nur die Wahrheit, nichts als die reine Wahrheit!"
Die Wahrheit aber über die sogenannte "Lynch-Affäre", bei der es u.a. um die Frage geht, ob der große Steuermann Miyamoto Kenji 1933 tatsächlich am Tode des als Polizeispitzel verdächtigten jungen Gewerkschafters und führenden Mitglieds der illegalen KPJ Obata Tatsuo (1907-1933) mitschuldig geworden ist, die dürfte hier kaum zur Debatte gestanden haben; Miyamoto jedenfalls wurde damals zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt, 1945 dann von den Amerikanern befreit und vollkommen rehabilitiert. Im japanischen Kontext hat der Fall meist nur symbolische Bedeutung. Den an einer intellektuellen Auseinandersetzung kaum interessierten Rechten bietet er immer wieder einen willkommenen Anlaß, Politik auf der emotionalen Ebenen des volkstümelnden Antikommunismus zu betreiben, der neuen Linken dient er als abschreckendes Beispiel für den Bonsai-Stalinismus der KPJ und deren Unfähigkeit, sich den Widersprüchen ihrer eigenen Geschichte ehrlich zu stellen.
Die Konservativen hätten Hamadas Äußerung an sich nicht tadelnswert gefunden, wäre da nicht das ausgesprochen schlechte "taimingu" zu beklagen gewesen. Und auch dieser faux pas wäre noch verziehen worden - wer wollte denn die lange Tradition der parlamentarischen Invektive und Brachialgewalt leugnen. In den stenographischen Berichten wäre der Fall begraben worden, hätte, ja hätte Hamada nur wie ein Normalbürger sich rechtzeitig entschuldigt und in aller Öffentlichkeit reumütig das Haupt gesenkt. Doch die Rolle des Normalbürgers konnte von Hamada in diesem Zusammenhang vielleicht nicht erwartet werden, wenn selbst das zur Objektivität verpflichtete "Who ist Who in Japan" in seiner neuesten Auflage nicht umhin kam, bei Hamada Kôichi (geb. 5.9.1928) einen "ungewöhnlichen Lebensweg und gesellschaftlichen Umgang" zu registrieren.
So dauerte es eine geschlagene Woche, während der die parlamentarische Arbeit weitgehend blockiert blieb, bis die vielfältigen Schadensbegrenzungsbemühungen seiner Parteifreunde den furchtlosen Kampfer gegen den Kommunismus schließlich zum Rücktritt bewegen konnten. Wohlgemerkt, nicht weil er sich einer besonderen Schuld bewußt geworden wäre - "vielleicht war es doch nicht ganz richtig, den Redner zu unterbrechen", räumte er immerhin großzügig ein. Außerdem scheint er eingesehen zu haben, daß der Staatshaushalt rechtzeitig unter Dach und Fach gebracht werden mußte. Ein Argument, das Hamada überdies die Chance bot, in seiner genau 1 Minute 15 Sekunden dauernden Rücktrittspressekonferenz in staatsmännischer Pose zu betonen, er demissioniere allein "um Japans Staatswohl willen" (Nippon kokka no tame ni). Die Asahi shinbun titelte am nächsten Tag: "Yatto taijô - atama sagezu" (Endlich der Rücktritt - erhobenen Hauptes).
Während der ganzen Affäre konnte auch der unbeteiligte Beobachter sich bald nicht mehr des Eindrucks erwehren, daß dieses mal nicht das übliche parlamentarische Stück zur Aufführung kam. Hier schien einer sein Konto erheblich überzogen zu haben, alte Rechnungen sollten beglichen und Bilanz gezogen werden. Ein Gefühl, das sich mir besonders zu dem Zeitpunkt aufdrängte, als die Nachricht einer versuchten interfraktionellen Bestechung lanziert wurde, mit der die ganze Verwerflichkeit der Existenz Hamadas endgültig vor Augen geführt werden sollte. Bis in Münchener Redaktionsstuben schlugen damals die Wellen. Die Süddeutsche Zeitung brachte es auf Seite acht: "Hamadas Position war unhaltbar geworden, nachdem sich herausgestellt hatte, daß er vor Beginn der Beratungen im Haushaltsausschuß versucht hatte, die Ausschußmitglieder aller Oppositonsparteien mit Ausnahme der KPJ durch Warengutscheine im Gegenwert von jeweils 1.300 DM zu "schmieren"."
Einen ausführlichen Exkurs über die hochentwickelte japanische Geschenkkultur, deren Auswirkungen auf das politische Leben den vergleichenden Korruptionsforscher vor die knifflige Frage stellt, bis zu welchem Betrag und in welcher konkreten Beziehungskonstellation ein Geschenk in Japan noch Geschenk genannt werden darf, muß ich mir heute versagen. Nur soviel sei angemerkt: Es wäre schon verwunderlich, wenn ein traditioneller Verhaltenskodex der Gesamtgesellschaft ausgerechnet innerhalb der Subkultur des Parlaments mit ihrer geradezu idealen Bedürfnis- und Gelegenheitsstruktur nicht gelten sollte. Der bürgerliche Parlamentarier als idealer Gesamtschenker wird sich deshalb hüten, diese reiche Tradition seines Vaterlandes nicht beerben und pflegen zu wollen. Und der Gelegenheiten dazu sind viele: das O-Bon-Fest in der Jahresmitte, am Ende dann Neujahr, die kôden-Beileidsgeschenke, die omimai-Gaben für den Kranken, die shûgi-Gelder für den netten Abend mit Kollegen, um nur ein paar zu nennen. Nicht zu vergessen die Hochzeiten, Richtfeste und Geschäftseröffnungszeremonien, die zumindest ein sunshi, die kleine aber von Herzen kommende Aufmerksamkeit erfordern.
Hier zurückzustehen wäre nun wahrlich vom konservativen Hamada, dem die Tradition heilig ist, zuviel verlangt gewesen. Zudem, die Millionen des kokkai taisakuhi, des LPD-Sonderfonds für das reibungslose Funktionieren der parlamentarischen Maschine, müssen ja irgendwie unters Volk gebracht werden. Und da soll nun plötzlich ein lächerliches aisatsuryô (Begrüßungsgeld), das der Wohltäter zum Teil sogar höchstpersönlich und mit tiefen Verbeugungen - "fukââku, fukââku to ojigi wo shite", berichten Eingeweihte - und einem ermunternden "yoroshiku" überbracht hat, als Zusatzargument für die Rücktrittsforderungen der Opposition dienen? Wo doch jeder weiß , daß diese Art von "Geschenk" zum parlamentarischen Alltag gehört. Allenfalls, meinte ein erfahrener Abgeordneter, könne vom Standpunkt der bisherigen Gepflogenheiten aus die F o r m des Geschenks gerügt werden. Hätte Hamada seinen Kollegen nämlich eine Einladung zu einer banmeshikai zukommen lassen und ihnen bei diesem "Abendessen" noch teure Küchlein - passend zur Saison - überreicht und dazuhin noch einen Warengutschein für Oberhemden (shitateken) gelegt, damit die Herren sich ihre weißen Westen schneidern lassen können, ja dann hätte niemand etwas auszusetzen gefunden.
Die Schmiergeldaffäre in der Affäre bildet jedoch nur ein Partikelchen in der Staubwolke, die der 'Hamako-Taifun' aufgewirbelt hat. Geht man auch nur einem Bruchteil der damals veröffentlichten Vermutungen, Andeutungen, Fragen und Anklagen nach, entsteht das Bild einer schillernden, auf den ersten Blick so gar nicht vernünftig und berechnend agierenden Politikerpersönlichkeit, in der sich aber gewisse Aspekte der politischen Kultur Japans in exemplarischer Weise zu spiegeln scheinen. Eine Rückblende auf Hamada's Lebensweg mag sich deshalb als lohnend erweisen.
In Hamada Kôichi begegnet uns ganz und gar ein Kind der "bewegten und unruhigen Shôwa-Ära", die nun, nur wenige Monate nach seinem 60. Geburtstag, noch ein relativ friedliches Ende gefunden hat. Sein Lebensweg ist somit von einer Epoche der japanischen Geschichte geprägt, in der Japans Volk und Führung Terror, Tod und Zerstörung über die Menschen seiner Nachbarländer gebracht, auch selbstverschuldetes Unglück und größte Entbehrungen erfahren hat, um dann, unter für sie glücklicheren Umständen, ein Land des größten materiellen Reichtums zu schaffen.
Als Hamada 1928 im armseligen Fischerstädtchen Aohori, Kreis Kimitsu, geboren wurde, studierte sein heutiger Erzfeind Miyamoto Kenji bereits an der Tôkyô Universität insgeheim die marxistischen Klassiker, war das Instrumentarium zur staatsterroristischen Verfolgung linker Ideen, Menschen und Organisationen gerade noch einmal verschärft worden, beherrschten ultranationalistische Ideen und Organisationen immer deutlicher das Leben und die Militärs schickten sich an, die Richtung der nationalen Politik zu bestimmen. Kindheit und Schulzeit verbrachte Hamada in Hafenstädtchen an der Südwestküste der Bôtô-Halbinsel - dem berühmten Küchengarten der geographisch nahen Metropole Tôkyô. Eine sprichwörtlich konservative Gegend, in der bis in die späten fünfziger Jahre - manche behaupten bis zum heutigen Tag - nichts vom "neuen Wind der Nachkriegszeit" zu spüren war. Im Hause Hamada jedenfalls herrschte noch lange die spartanische Zucht und Ordnung der Kriegsjahre. Der Vater hatte in diesen dunklen Zeiten einen kleinen Posten als Schultheiß und Vertreter der Taisei yokusanundô bekleidet, die Mutter war eine begeisterte Aktivistin des Großjapanischen Frauenvereins zur Vaterlandsverteidigung (Dai-Nippon kokubô fujinkai) gewesen. Als ihr Kôichi 1946 die Mittelschule von Kisarazu abschloß , entließen sie den Achtzehnjährigen nicht nur in eine von ihrem verlorenen Krieg gezeichneten, moralisch und materiell am Boden liegende Gesellschaft, sie selbst hatten ihm vorerst auch nicht mehr viel zu bieten, nachdem der Vater aufgrund seiner Stellung im alten System von der amerikanischen Besatzungsmacht als am Krieg Mitschuldiger entlassen worden war, um nun das deklassierte Leben eines Altwarenhändlers fristen zu müssen. An Elitekurs war unter diesen Umständen kaum zu denken. Zudem hatte sich Kôichi während seiner letzten Schuljahre als ein rechter Raufbold ausgezeichnet, so daß es selbst einem Ex-Bürgermeister schwergefallen sein muß, angesichts der desolaten Wirtschaftslage im Heimatort und im benachbarten Kisarazu - einst stolzer Hafen der kaiserlichen Marine -, für seinen Erstgeborenen eine adäquate Anstellung zu finden. Nicht die schlechteste Wahl mag es deshalb gewesen sein, den Tunichtgut in die Obhut eines oyabun der örtlichen yakuzagumi zu geben.
Der junge Hamada war gewiß nicht der einzige Jugendliche und Kriegsgeschädigte gewesen, der in jenen Zeiten des blühenden Schwarzmarktes den Weg zu den Yakuza gefunden hat, deren Ökonomie in dieser Periode gewissermaß en ihre take-off-Phase durchlief. Die sozialpsychologische Funktion der Yakuza-Organisationen beschrieb Maruyama 1951 zutreffend - in der Übersetzung von Wolfgang Seifert - wie folgt: "Da in diesen sogenannten "antisozialen Gruppen" in der Regel die Loyalitätsbeziehungen nach dem Führer-Gefolgschaftsprinzip (oyabun-kobun) gestaltet waren und ein der Armee vergleichbarer organisierter Drill herrschte, waren sie in hervorragender Weise geeignet, das nach dem Zusammenbruch der zentralen Symbole entstandene Vakuum der Massen auszufüllen und konnten durch die hierarchische Ordnung und die Gruppenkontrolle die aus dem sozialen Chaos resultierenden Einsamkeits- und Ohnmachtsgefühle überwinden helfen."
Ihre klassischen Sparten, in erster Linie die bakuto, die professionellen Spielergruppen also und die tekiya, denen die Organisation des ambulanten Gewerbes oblag, formierten sich im damaligen ordnungspolitischen Vakuum gerade zur modernen Form des organisierten Verbrechens, der bôryokudan.
An die zehn Jahre soll Hamada seinem oyabun die Treue gehalten haben. Sein Unternehmen war auf den Verleih von Spielfilmen spezialisiert und scheint eine Untergruppe der Inagawakai gewesen zu sein, die heute mit über 6000 eingeschriebenen Mitgliedern zum drittgrößten Konzern der überregionalen Syndikate gehört. Bis ins Management soll Hamada sich hochgedient haben.
Im Juli 1951 berichtete die "Chiba shinbun" von der Festnahme einer gewalttätigen "Zecke" (dani) aus Kisarazu, die sich wiederholt der Zechprellerei und zu allem Übel jetzt auch noch bei einer Messerstecherei am Stadtschrein der schweren Köperverletzung schuldig gemacht habe. Als Täter wurde ein "Tagelöhner namens Hamada Kôichi" genannt. Der Anfang einer langen Skandalchronik war damit gemacht. Kaum ein Jahr später geriet Hamada auf einer Dienstreise in die Nagano-Präfektur mit einem Filmvorführer in Streit und wieder verteilte er gefährliche Messerstiche. Diesmal verurteilte ihn das Gericht zu einem Jahr Gefängnis - die Aufnahmeprüfung in die "Tôdai der Yakuza" war mit Bravour geschafft.
Alles zwar keine Empfehlung für eine gradlinige Laufbahn in die Hauptstromelite, aber doch unerläßlich fast für eine Karriere in Japans Komplementärelite. Der "erfolgreiche" Einsatz brutaler körperlicher Gewalt gehört da ohne Zweifel zu den wichtigsten männlichkeitsbetonten Rollenstereotypen, die Japans Gesellschaft für die Inszenierung des "ganzen Mannes" insbesondere den Yakuza zugedacht hat. Auch jene erfolgreichen oyabun, die im Alter den Habitus des gütigen Professors oder Künstlers pflegen, entsprachen vor ihrem insei den charakteristischen Eigenschaften und Verhaltensweisen des japanischen Machismo.
Bald nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis heiratet Hamada im November 1953 die Kindergärtnerin Sumiko, die ihm 1955 den gewünschten Stammhalter - und heutigen Sekretär -, ein Jahr später noch einen zweiten Sohn schenkte und an seiner Seite die klassischen Leiden einer japanischen Schwiegertochter und Ehefrau ertrug; ihren Ehemann beim Vornamen zu rufen, war ihr nur ein einziges mal gegönnt, die Schwiegermutter verbat sich solche Obszönitäten; zwei-, dreimal höchstens sei sie, zu Beginn ihrer Ehe, mit ihrem Mann ausgegangen, ins Kino - soviel zum Vergnügen -, gestand sie 1988 lachend.
In diesen Jahren scheint Hamada vorübergehend die Branche gewechselt zu haben. Mit einem Karren am Fahrrad zog er von Haus zu Haus und sammelte gebrauchte Bierflaschen und Alteisen. Etwas später versuchte er sich im Handel mit nori, um daraufhin, mit erweitertem Sortiment, als "Hamada's fahrendes Warenhaus" im Kleinlaster über die Dörfer zu ziehen. Schließlich landete er wieder im Filmgeschäft.
Die Erfahrungen dieser unsteten tekiya-Zeit wurden, zusammen mit dem Beziehungsnetz, an dem er während dieser Phase seines Lebens zu arbeiten begonnen hatte, zum wichtigsten und unersetzbaren Pfund, mit dem der Politiker Hamada bis heute zu wuchern versteht. Kritiker sprechen manchmal von den "zwei Gesichtern des Hamada" und meinen damit nicht nur die Aufspaltung seiner Aktivitätsfelder in Ober- und Unterwelt (omote ura, sondern weisen damit auch auf die Tatsache hin, daß der Sozialtypus des Yakuza eben nicht nur durch machistische Gewalttätigkeit gekennzeichnet ist, sondern ebenfalls - je nach sozialem Kontext - durch menschliche Wärme, Zuverlässigkeit, Selbstlosigkeit, Charme und Witz. Tugenden eben, die u.a. gemeint sind, wenn es im offiziösen Handbuch der Parlamentarier über Hamada heißt, er sei "giri to ninjô ni atsui". Gäbe es bei ihm nicht auch diese Seite, fehlten ihm die Grundlagen für ein erfolgreiches Wirken im Milieu der Yakuza ebenso wie in dem der konservativen ländlichen Kommunalpolitik.
Hamadas Einstieg in die Welt der Politik lief über die sozialen Aktivitäten der Jugendclubs (seinendan) seiner Heimatstadt, in denen er seit Mitte der fünfziger Jahre eine zunehmend führende Rolle spielte. Frau Hamada erinnert sich, daß er eigentlich nie allein war, sondern immer unter Freunden aus der seinendan. Oft sei es vorgekommen, daß sie spät abends noch ein Anruf erreichte: "Okane wo mottekoi!", Geld solle sie ihm bringen, damit er seine Kameraden, die kaum über Bargeld verfügten, in einem billigen Restaurant beköstigen konnte. Eines Tages dann habe sie eher zufällig im Städtchen Plakate entdeckt, auf denen neben einem Portrait ihres Mannes in groß en Zeichen der Name "Hamada Kôichi" geschrieben stand und zur Wahl in den Gemeinderat von Futtsu aufrief; Politik sei eben Männersache. Nur einmal habe sie ihm in offizieller Mission folgen müssen. 1976, er war zum Vizeminister im Verteidigungsamt ernannt worden, habe der US-Botschafter darauf bestanden, daß Hamada in Begleitung seiner Gattin zur Party erscheine.
Nachdem Hamada's erste Kandidatur für den Gemeinderat erfolgreich gelaufen war, wagte der Nachwuchspolitiker im heiß en Herbst der Anpô-Unruhen von 1960, während seiner zweiten Legislaturperiode, den großen Sprung vom Stadt- direkt ins Nationalparlament - ohne Erfolg. "Laß mir mal eine Weile meine Freiheit", habe er nach dieser Niederlage seine Frau gebeten und sei mit 7000 Yen in der Tasche für ganze 3 Jahre aus der Provinz verschwunden.
In diesen drei geheimnisumwitterten Jahren ist er, wie man munkelt, bei d e m Mann in die Lehre gegangen, dessen Name in Japan geradezu idealtypisch steht für den Filz aus ultranationalistischen Organisatoren, Profiteuren, Yakuza und LDP-Politikern - Kodama Yoshio. Hamada verehrte ihn als seinen sensei und lernte bei ihm die schwarze Kunst des kurogiri-Nebelwerfens und kuromaku-Kulissenschiebens. Und wo Kodama war, pflegte auch ein anderer Midas der Rechten nicht weit zu sein, Osano Kenji. Auch mit ihm schloß Hamada in dieser zweiten Lehrzeit eine profitable Freundschaft. Hamada wird sich als gelehriger Schüler dieser Meister erweisen. Selbst in kritischen Augenblicken werden ihm immer wieder tonangebende Angehörige der Oppostion eilfertig ihre Wertschätzung bekunden, um damit gleichzeitig einzugestehen, wie weit der LDP-Mann fürs Zwischenmenschliche - die KPJ immer ausgenommen - es in der Kunst der inner- und außerparlamentarischen Manipulation gebracht hat. Und Hamada selbst wird, steht er mit dem Rücken zur Wand, mit seinem brisanten Insiderwissen zwar drohen, "das Familienschwert aber nie ziehen".
Um manches klüger geworden, kandidierte Hamada nach 1963 zunächst zweimal erfolgreich für den Landtag der Präfektur Chiba, war zeitweilig Sekretär des einfluß reichen LDP-Politikers Kawashima Shô jirô (1890-1970) - seines scharfen politischen Verstandes wegen als "Rasierklingen" Shô jirô berühmt - und durfte sich dann, auch als Belohnung für seine Assistenz, 1969 wieder zur Wahl ins Unterhaus stellen.
Den Wählern im heimatlichen Wahlkreis 3 war der Kandidat ja kein Unbekannter mehr, seine Herkunft mußte und konnte er nicht verbergen. "Sagt's bitte auch Euren Nachbarn", scherzte Hamada im Wahlkampf, "einer von den Verwandten stellt sich zur Wahl. Zwar ist er früher einmal ein kleiner Gauner gewesen, trotzdem: 'yoroshiku tanomu'. "With a little help of his friends aus der Jugendzeit und Kawashima-senseis Protektion gewann er 78.128 Stimmen und zog damit an der Spitze der LDP-Liste für Chiba's unterentwickelten Süden ins Parlament. "Wir verteidigen das Glück ihrer Familie" war damals auf den LDP-Postern mit dem Foto der jungen und glücklich strahlenden Kernfamilie (Mutti noch im Kimono) zu lesen oder "Banzai! Okinawa kommt zurück, jetzt sind die Nördlichen Gebiete an der Reihe!". Nixons kurz vor den Wahlen gemachtes Versprechen, Okinawa 1972 zurückzugeben, sollte sich als schönstes Wahlgeschenk an Japans Konservative erweisen. Landesweit übertrafen die Wahlergebnisse ihre kühnsten Hoffnungen. Die brutalen Polizeieinsätze während der zahlreichen, sich über das Jahr 1969 hinziehenden Demonstrationen für eine grundlegende Hochschulreform u.a. Forderungen, mit über 15.000 Verhaftungen und der fast wie ein Schock empfundenen Besetzung und polizeilichen Räumung des Yasuda Auditoriums - d e m Symbol für Japans Elitebildung - hatten der LDP offensichtlich keine Stimmen gekostet - im Gegenteil.
Auch bei den Unterhauswahlen 1972 wird Hamada's Position mit 82.421 Stimmen erneut bestätigt. Trotzdem war diese Wahl für die LDP mit einem schweren Schönheitsfehler behaftet: einem von der Kommunistischen Partei aufgestellten Rechtsanwalt war nämlich mit 143.076 Stimmen der Einbruch in den schwierigen Wahlkreis 1 des alten "Königsreiches der Konservativen" gelungen. Der "neue Wind der Nachkriegszeit" schien nun auch die Präfektur Chiba erreicht zu haben, wenn auch vorerst nur im unmittelbar an die Megalopolis Tôkyô angrenzenden Norden, der sich in einem relativ kurzen Zeitraum zu einer Verlängerung des Industriegürtels Yokohama-Tôkyô gemausert hatte. Dieser Erfolg der KPJ war umso erstaunlicher, als das japanische Wahlrecht ja bekanntermaß en nur unzureichend den Wählerwillen widerspiegelt; durch eine inzwischen auch von Gerichten als verfassungswidrig monierte Unterbewertung der großen demographischen Verschiebungen der Nachkriegszeit werden bei der Wahlkreiseinteilung und Mandatszuordnung die dünnbesiedelten ländlichen Kreise massiv bevorzugt. In Hamada's Hochburg etwa fielen 1952 89.619 Stimmen auf einen Kandidaten, 1972 waren es 108.690. Im industrialisierten nördlichen Wahlkreis 1 dagegen kletterte die Zahl von 109.991 auf stolze 348.447. Wie dem auch sei, mit seiner Wiederwahl gelang Hamada der für eine erfolgreiche politische Zukunft so grundlegende Erwerb einer festen Wahlbasis (jiban). Schlimmes schon müßte passieren, bis die Stammwähler "ihrem Mann in Tôkyô" die Loyalität aufkündigen würden. Denn nur Kontinuität in den Beziehungen ermöglicht es ihm, seinerseits den eingegangenen Verpflichtungen nachzukommen. Acht Jahre später aber sollte Hamadas unaufhaltsamer Aufstieg ein erstes unerwartetes Ende finden. "Der kommende Mann der LDP", wie er damals des öfteren schon apostrophiert worden war, brachte plötzlich Schande über Partei und Heimat.
Als einschneidendes Ereignis auf dem Korruptionskontinuum der Nachkriegszeit gilt der Lockheed-Skandal von 1976. Auch wenn er wider alle in die Selbstreinigungsverpflichtungen der Politiker gesetzten Hoffnungen letztlich keine grundlegenden Struktur- und Verhaltensänderungen bewirken konnte, zeitigte er in den verschiedenen gerichtlichen Nachhutgefechten immerhin einige bis dahin in Japan unvorstellbare Konsequenzen. Nicht wenige seiner "Opfer" standen mit Hamada auf vertrautem Fuße. Deshalb war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis in einem der Verfahren sein Name fallen würde. Und eben dies geschah am 6. März 1980 während der Vernehmung des Multimillionärs und Lockheed-Angeklagten Osano Kenji. Mit Osano soll Hamada laut Gerichtsprotokoll 1972 die Spielkasinos von Las Vegas besucht und dabei Unsummen Geld verloren haben. Das Drama nahm seinen Verlauf: Anklage, Leugnen, zusätzlich belastende Dokumente, Teilgeständnis, weitere Dokumente, Geständnis, Reinigungsritual. Wollte er sich anfangs noch zu 50 oder 100 Dollar Spielverlust bekennen, zwangen ihn schon wenige Tage später eiligst aus den USA herbeigeschaffte Dokumente zum Eingeständnis einer Spielschuld von über 1,5 Millionen Dollar. Bald konnte nicht nur eine Spielreise belegt werden, insgesamt viermal hatten die amerikanischen Einwanderungsbehörden zwischen 1972 und 1974 den Namen Hamada Kôichi registriert. Doch nicht nur das: Osano Kenji - Hamada nannte ihn vertraulich Osano-oyaji -, der ihn zu diesen Baccarat-Trips verführt hatte, soll auch die Schulden beglichen haben, und zwar zum Teil mit dem Geld, das er für jene Dienste erhalten hatte, die ihn schließ lich auf die Anklagebank brachten. Diese letzte Behauptung empfand der Politiker und Geschäftsmann Hamada als ehrabschneiderisch.
Unter Tränen wird er bei seinem "freiwilligen Rücktritt" - eine Doppelwahl stand ins Haus - am 10. April abends vor laufenden TV-Kameras eingestehen, daß er sich in der Vergangenheit zu Handlungen - "8 1/2 Stunden Bakkarat in einer Tour", Asahi 8.4.80 - habe hinreiß en lassen, die eines Parlamentariers unwürdig seien. Seinen Wählern in der Provinz wird er wieder und wieder mit schluchzender Stimme berichten, wie sehr er sich schäme ("kokoro kara hajiteimasu"), sie um Verzeihung bitten ("fukaku owabi mô shi-agemasu") und Ihnen das Versprechen geben, "noch einmal ganz von vorne beginnen" zu wollen - nur, mit dem Lockheed-Skandal habe er persönlich nichts zu tun, wird er behaupten, und seine Schulden an Osano Kenji seien längst zurückgezahlt.
Schon wollte man dem reuigen Sünder, wenn auch zögerlich, Glauben schenken, da platzen die KP-Genossen mit ihren Forschungsergebnissen aus der Basisarbeit in Chiba herein: "Alles Lüge!" Die KP-Abgeordnete Kutsunugi Takeko konnte nämlich belegen, daß das von Hamada für 1973 gemeldete erstaunlich hohe Einkommen über 341.18 Millionen Yen zum Teil auf jenen Geldern beruht, die Hamadas Maklerfirma sei 1969 auf illegale Weise mithilfe von Scheinfirmen und Grundstücksspekulationen ergaunert hatte. So habe er Bauern - Hamada war zeitweilig Stellvertretender Landwirtschaftsminister gewesen - aus seiner Gegend zum Verkauf von Bauland mit dem Versprechen überredet, eine Siedlung mit über 3000 Einheiten errichten zu wollen, für deren Belieferung mit Lebensmitteln den Landwirten ein Monopol eingeräumt werden sollte. Aus dem Projekt ist nichts geworden. Mit einem Riesengewinn hat Hamada das Land weiterverkauft. In einem anderen ähnlichen Fall hatte er nur landwirtschaftlich zu nutzende Flächen unter dem Namen von Bauern erworben, um sie profitbringend weiter zu verkaufen. Beide Käufer gehörten zum weitverzweigten Imperium von Osano-oyaji. "
Das hat mir grade noch gefehlt", klagte ein Ladenbesitzer aus Kisarazu dem Asahi-Reporter als er von Hamadas Rücktritt und Mandatsrückgabe hörte: "Hier in dieser Gegend gab es früher sogar Kneipen, die als Schutzgottersatz ein Foto des Abgeordneten Hamada ins Fenster hängten, um sich die kleinen Gangster (chinpira) vom Hals zu halten. - Solange Hamada in Tôkyô war, schien diese Gefahr gebannt ..." Solche Anspielungen auf Hamadas bewegte Vergangenheit waren damals und 1988 erneut keine Seltenheit. Zwar will Hamada bereits vor seiner Politikerkarriere die Bande zu seinen Yakuzabrüdern von der Inagawakai gelöst haben (ashi wo aratta), doch manch' einem fehlt der Glaube an diese erfolgreiche Resozialisierungskarriere - einmal Yakuza, immer Yakuza.
Die oben erwähnte dreijährige "Lehrzeit" bei seinem Mentor Kodama Yoshio jedenfalls kann schwerlich als Beleg für einen radikalen Milieuwechsel dienen. Kodama pflegte beispielsweise engste Beziehungen zum Boß der Inagawakai, Inagawa Kakuji, der von Kodama als seinem "kokoro no oya" sprach. Inagawa seinerseits rühmt sich bester Verbindungen insbesondere zur alten LDP-Garde. Genannt seien nur die inzwischen verstorbenen Patriarchen Ono Banboku, Kô no Ichirô und Kawashima Shôjirô ; letzterer war uns oben als Hamada's Chef im Landtag von Chiba begegnet. Ja manche gehen soweit, zu behaupten, Hamada sei überhaupt erst auf Empfehlung von Inagawa Kakuji in die Politik gegangen. Als durchaus ernste Alternative allerdings nennt eine Propagandaschrift der ultrarechten "Seirankai", mit der eine Gruppe junger Anti-establishment-LDPler mit Hamada in den siebziger Jahren "wie ein Sommersturm die stickige Luft hinwegblasen (wollten), um Himmel und Erde zu beleben und einen in allen Farben schillernden Regenbogen der neuen Hoffnung" zu schaffen, die Karriere eines enka-Sängers. Aber auch damit wäre alles innerhalb "der Familie" geblieben.
Wie immer sich Hamadas Beziehungen zur in Japan so außerordentlich sichtbaren Unterwelt gestaltet haben mögen, in der LDP erregte er damit keinen Anstoß, solang er sie möglichst diskret zum Wohle der Partei einzusetzen wußte. Nicht von ungefähr war er beispielsweise bei den letzten Wahlen zum obersten Leiter der LDP-Wahlmaschinerie eingesetzt worden, zu deren Finanzierung und Organisation die LDP seit Jahrzehnten schon auf die Mithilfe der "Dunkelmänner aus der Schattenzone zwischen groß em Geschäft und Kriminalität" angewiesen ist. Zu dieser Grauzone, schreibt Manfred Pohl weiter, "gehören auch Einnahmen aus dem Glücksspiel, die zumindest in den siebziger Jahren auf Umwegen in die Truhen der LDP floß en." Und wer in Japan von Glücksspiel spricht, und zwar vom nichtkonzessionierten, echten, der weiß , daß gerade die Inagawakai die Welt der Zocker beherrscht und wird nicht überrascht sein, daß es Mitglieder der Inagawakai waren, die Hamadas verhängnisvolle Ausflüge zu Amerikas Spielerparadies in Kooperation mit Vertretern der Cosa Nostra organisiert hatten. Koinzidenz der Ereignisse: eben in jener Woche des Jahres 1980, die durch Hamadas Rücktritt gekrönt wurde, verurteilte das Landgericht Tôkyô Ishii Susumu, die Nummer 2 der Inagawakai, zu fünf Jahren Gefängnis ohne Bewährung wegen Betrugs bei einer Glücksspielreise nach Südkorea.
All dies und noch viel mehr könnte dem Wahlvolk in Chibas Süden gegenwärtig gewesen sein, als es am 18. Dezember 1983 Hamada Kôichi mit einem Spitzenergebnis von über 85.327 Stimmen wieder als seinen Vertreter ins Unterhaus wählte. Mit diesem erneuten Vertrauensbeweis seiner Wählerbasis konnte Hamada dann, unterstützt von einflußreichen Persönlichkeiten der LDP wie Kanemaru Shin, dem er während seiner dreieinahalbjährigen rônin-Zeit als bodyguard und Berater wie ein Schatten hatte folgen und dienen dürfen, bei der Postenverteilung die Stufe des ewigen Stellvertreters hinter sich lassen, um eine erstrangige Position zu erzwingen. Nun hätte er die besten Chancen gehabt, das große Industrialisierungsprojekt für die "rückständige" Bôtô-Halbinsel mit dem gigantischen Brückenschlag über die Bucht von Tôkyô voranzutreiben, so wie er es seinen Getreuen 5000, die ihn am Morgen des 3. Dezember 1983 zur Eröffnung der Wahlkampagne in Kisarazu begrüßten, versprochen hatte.
Ob diese Wähler ihm noch einmal verzeihen werden?
Aus diesem Haiku, das Hamada am 12. Februar 1988, dem Abend seines zweiten Rücktritts, im Kreise der Vertrauten vortrug, spricht ein ungebrochener Optimismus. Ein Mann geht seinen Weg - im leichten Schneefall zwar, zeigt er den Menschen, wohlgemut, wo's langgeht.

