nächster Bericht
Zu den Projekten

Hamburger Sternwarte

Gojenbergsweg 112, 21029 Hamburg, Tel.: 7252-4112


Wissenschaftliche Mitglieder

Professoren
Dr. John Hazlehurst; Dr. Sjur Refsdal; Dr. Dieter Reimers; Dr. Heinrich Wendker; Dr. Christian de Vegt

Dozenten
Dr. Lubos Kohoutek; Dr. Heinz Neckel

Hochschulassistenten/Assistenten/wiss. Mitarbeiter
Dr. Robert Baade; Dr. Dieter Engels; Dr. Detlef Groote; Dr. Hans-Jürgen Hagen; Dr. Rainer Kayser; Dr. Helmuth Kähler; Christoph Lisson (bis März 96); Dr. Lutz Wisotzki

Allgemeiner Überblick

Astrophysikalische Forschung ist Grundlagenforschung. Man kann sie im wesentlichen unter zwei Aspekten sehen. Einmal ist Astronomie die Fortsetzung der normalen physikalischen Forschung, die im "kosmischen Labor" Extremzustände der Materie vorgibt, wie sie im Labor nie erzeugt werden können. Zum anderen zielt die astronomische Forschung im weitesten Sinne auf zwei Grundfragen: Wie ist das Sonnensystem entstanden? Wie das Weltall? Und wie werden beide sich entwickeln?

Astronomische Forschung wandelt sich seit etwa zwei Jahrzehnten äußerst rasch. Zum einen liegt es daran, daß durch die Erschließung des gesamten elektromagnetischen Spektrums von Radio- über Infrarot- und Ultraviolett- bis hin zum Röntgen- und Gamma-Strahlen-Bereich viele Beobachtungen gar nicht mehr erdgebunden durchgeführt werden können. Zum anderen wurden aufgrund der Digitalisierung auch im klassischen optischen Bereich völlig neue Meß- und Auswertemethoden entwickelt. Beides führte sowohl zur Satellitentechnologie als auch zu Großobservatorien an klimatisch günstig gelegenen Orten und ist meistens im finanziellen und personellen Rahmen eines Universitätsinstituts gar nicht zu realisieren.

Deshalb werden für die meisten Forschungsprojekte der Hamburger Sternwarte Beobachtungen an Großgeräten in überregionalen Einrichtungen (ESO, Chile; MPI für Astronomie, Spanien; MPI für Radioastronomie, Bonn; IUE-Satellit der ESA/NASA, Röntgensatellit ROSAT, Hubble Space Telescope ESA/NASA) benutzt. Lokale Beobachtungen dienen vorwiegend dem Vorbereiten, dem Ausprobieren oder der Ausbildung.

Die Ansprüche an grundlegender Theorie und der Einsatz 2-dimensionaler Halbleiterdetektoren wie CCDs erfordern immer schnellere und größere Rechen- und Bildverarbeitungsanlagen.

Forschungsschwerpunkte

In der "Beobachtenden Astrophysik" gibt es folgende Schwerpunkte:

- Schmidt-Spiegel-Durchmusterung nach Quasaren

Die für die Nordhalbkugel konkurrenzlosen technischen Möglichkeiten des Hamburger Schmidt-Spiegels mit Objektivprismen auf dem Calar Alto (Spanien) sollen für eine großräumige Suche nach Quasaren genutzt werden. Daneben wird das Schmidt-Teleskop der ESO/La Silla (Chile) im Rahmen eines ESO Key Programmes für den Südhimmel genutzt. Quasare sind vermutlich äußerst helle und kosmologisch junge Objekte, die über Struktur und Entwicklung des Weltalls Aufschluß geben. Es gibt keine Durchmusterung bei schwachen Helligkeiten, die größere Himmelsareale überdecken. Nicht nur die Beobachtungen sind aufwendig, sondern auch die Bearbeitung der Platten ist nur über automatische Verfahren mit Hilfe eines rechnergesteuerten Mikrophotometers und schneller Auswerterechner möglich. Das Beobachtungsmaterial wird auch dazu benutzt, die Röntgenquellen der ROSAT-Durchmusterung zu identifizieren.
Nachfolgebeobachtungen von hellen, hochrotverschobenen Quasaren mit dem Hubble-Weltraumteleskop liefern Erkenntnisse über die Entwicklung der Materie im frühen Kosmos.

- Hüllen später Sterne

Die Hüllen später Sterne (Chromosphären, Koronae, Winde) gehören weiterhin zu den Schwerpunkten der Forschungstätigkeit. Die Koronae kühler Riesensterne, die mit dem Röntgensatelliten ROSAT studiert werden, sind von Bedeutung für das Verständnis der Sonnenkorona und der Sonnenaktivität und deren Einflüsse auf das Erdklima. Die Winde (Massenverluste) von Riesensternen, wichtig für die Endstadien der Sternentwicklung, werden quantitativ mit hochauflösender Ultraviolettspektroskopie mit dem Hubble Space Teleskop untersucht.

- Astrometrie

Durch Präzisionsmessungen der Positionen von Sternen und punktförmigen extragalaktischen Objekten mit optischen und radioastronomischen Verfahren wird an der Verbesserung eines fundamentalen Koordinatensystems der Astronomie gearbeitet. Insbesondere werden zur Zeit Arbeiten in Zusammenhang mit dem ESA-Astrometrie-Satelliten HIPPARCOS durchgeführt.

- Veränderlichkeit der Sonnenstrahlung

Aufgrund sehr genauer Messungen des Sonnenspektrums wurden Änderungen im Laufe des 11-jährigen Aktivitätszyklus der Sonne gefunden. Dieses ist wichtig für Klimatologie.

In der "Theoretischen Astrophysik" gibt es folgende Schwerpunkte:

- Theorie der Kontaktsysteme

Viele Sterne sind enge Doppelsterne. Häufig berühren die beiden Komponenten einander. Die Theorie solcher Kontaktsysteme muß vor allem die äußerst komplexe Wechselwirkung der beiden Komponenten beschreiben. Das System kann dann näherungsweise beschrieben werden durch zwei gekoppelte rotierende Einzelsterne. Die Entwicklungsvorhaben betreffen


- Gravitationslinsen

Durch Lichtablenkung im Schwerefeld kann eine große Masse im Universum (z.B. eine Galaxie) als Gravitationslinse wirken. Eine hinter ihr liegende Lichtquelle (z.B. ein Quasar) wird dann mit veränderter scheinbarer Helligkeit oder sogar mehrfach beobachtet. Die theoretischen Untersuchungen zeigten, daß aus solchen Beobachtungen Massen und Entfernungen im Universum bestimmt werden können. Eine aufwendige Suche nach solchen Linsen wird in internationaler Zusammenarbeit und im Rahmen der Hamburger Quasardurchmusterung durchgeführt.

- Theorie des Strahlungstransportes

Die quantitative Interpretation der Linien- und Kontinuumsstrahlung von Sternen und von komplexeren Gebilden wie Akkretionsscheiben, Bipolare Winde etc. hat als Grundvoraussetzung theoretische Methoden, die den Transport von Strahlung in solchen Objekten behandeln können. Es werden theoretische Methoden zum Strahlungstransport in ausgedehnter, mehrdimensionaler Geometrie mit beliebigen Geschwindigkeitsfeldern entwickelt.

Wissenschaftliche Zusammenarbeit

Die Hamburger Sternwarte hält engen Kontakt insbesondere zu Großforschungszentren und überregionalen Einrichtungen:


sowie zu zahlreichen in- und ausländischen Universitäten (Kiel, München, Bamberg, Bonn, Liège, Cambridge, Harvard, Oslo).

Ausstattungsmängel

Die realen Kürzungen im Forschungsetat des Bundes behindern die Drittmitteleinwerbung insbesondere für Projekte am ROSAT-Satelliten und am ISO-Satelliten. Die Drittmitteleinwerbung bei der DFG wird zunehmend erschwert durch die fortgesetzten Haushaltskürzungen bei Z71 Mitteln.

Die Ausstattung mit leistungsfähigen Workstations ist wegen der größer werdenden Datenformate und -mengen und der ansteigenden Ansprüche bei theoretischen Modellierungen unzureichend.

Drittmittel 1996

FördereinrichtungBetrag
DFG 285.000
BMFT 655.000
EU 20.000
Gesamtförderung 960.000


Forschungsprojekte

12.070.01Wasser-Maser in OH/IR-Sternen
12.070.02Untersuchung röntgen-leuchtkräftiger Doppel-Galaxie-Systeme
12.070.03Modellierung heliumvariabler Sterne
12.070.04Dissipative Modelle von Kontaktsternen
12.070.05Bestimmung kosmologischer Parameter
12.070.06Untersuchung von Planetarischen Nebeln und pekuliären Emissionsobjekten
12.070.07Strahlung der Sonne
12.070.08Veränderlichkeit der Sonnenstrahlung
12.070.09Theorie und Beobachtung des Gravitationslinseneffektes
12.070.10Photometrisches Monitoring von Gravitationslinsen und Quasaren
12.070.11Linienstrahlungstransport in nichtsphärischer Geometrie mit beliebigen Geschwindigkeitsfeldern - Weiterentwicklung und Anwendung auf Spektren von Quasaren sowie IUE und HST-Spektren von Zeta Aurigae Systemen
12.070.12Identifikation von ROSAT-Röntgenquellen
12.070.13ROSAT - Röntgenbeobachtung von kühlen Riesensternen
12.070.14IUE und Hubble Space Telescope Beobachtungen von hellen Quasaren der Hamburger Durchmusterung
12.070.15Stellare Winde und Massenverluste von roten Riesensternen
12.070.16Weiße Zwerge in galaktischen Sternhaufen
12.070.17Objektivprismen-Durchmusterung des Nordhimmels nach Quasaren mit dem Hamburger Schmidt-Teleskop auf Calar Alto
12.070.18Suche nach hellen QSO am Südhimmel - ESO Key Programme
12.070.19Arbeiten zum Input-Katalog und zur Datenreduktion im Rahmen der ESA-Astrometrie-Satelliten-Mission HIPPARCOS
12.070.20Neubeobachtung und Reduktion hochgenauer astrometrischer Sternkataloge am Südhimmel
12.070.21Die Photographische Himmelskarte als Basisdatenmaterial für die Bestimmung genauer Eigenbewegungen von schwachen Sternen des Nord- und Südhimmels
12.070.22Entwicklung einer hochgenauen astrometrischen Koordinatenmeßmaschine zur Digitalisierung astronomischer Photoplatten
12.070.23Radiostrahlung und Hüllen von Sternen
12.070.24Physik des interstellaren Mediums und Struktur des lokalen Spiralarmes
12.070.25Multifrequenzstudie einer Stichprobe der Hamburger Quasar-Durchmusterung
12.070.26Röntgen- und Infrarotemission von Schockfronten im interstellaren Medium
12.070.27Durchmusterung der nördlichen Milchstraße

nach oben