Logo der Universität Hamburg
Universität Hamburg



Inhalt:

Anna Siemsen

Foto Anna Siemsen Am 26. Oktober 2005 wurde der vollständig renovierte Hörsaal des Fachbereichs Erziehungswissenschaft feierlich eingeweiht und nach der Pädagogin, Bildungspolitikerin, Literatur-wissenschaftlerin, Hochschullehrerin und Sozialistin Anna Siemsen (geb. 18.1.1882 in Mark / Westfalen, gest. 22.1.1951 in Hamburg) benannt. Anna Siemsen lebte nach ihrem Schweizer Exil von 1946 bis zu ihrem Tod in der Hansestadt. Ihre wissenschaftliche Reintegration wurde jedoch durch verwaltungsbürokratisches wie finanzpolitisches Gebaren der Hamburger Behörde verhindert.

Anna Siemsen gehörte zu jener frühen Frauengeneration, die sich über höhere Mädchenschule, Lehrerinnenexamen, externe Abiturprüfung (an einem humanistischen Gymnasium) den Weg zum Studium mühsam bahnen musste. In München, Bonn und Göttingen studierte sie Germanistik, Philosophie und Latein und schloß 1910 das Studium mit Staatsexamen und Promotion ab. Bis zum Kriegsende unterrichtete sie als Lehrerin an verschiedenen höheren Mädchenschulen. Die Kriegsereignisse, insbesondere die damit verbundene Kriegsphilosophie und Lügenpropaganda, bewirkten, dass aus der aus bildungsbürgerlichkonservativem Milieu stammenden Pfarrerstochter eine engagierte Sozialistin wurde.

Das wachsende politische Engagement sowie das Interesse, am Aufbau eines neuen Schulwesens mitzuwirken, führten zu einem Wechsel in den Schulverwaltungsdienst: Anna Siemsen ging 1919 zunächst als Wissenschaftliche Mitarbeiterin an das Volksministerium in Berlin, kurz danach wurde sie in Düsseldorf als Beigeordnete mit dem Aufbau des Fach- und Berufsschulwesens betraut (1920/21) und war schließlich als Oberschulrätin für das Fach- und Berufsschulwesen in Berlin tätig (1921-23). 1923 folgte sie einem Ruf der sozialistischen Regierung Thüringens und übernahm dort eine Stelle als Oberschulrätin (für das mittlere/höhere Schulwesen) in Verbindung mit einer Honorarprofessur an der Universität Jena. Diese Honorarprofessur behielt sie auch noch nach dem politischen Umbruch in Thüringen 1924 bei.

Anna Siemsen ging – wie die meisten engagierten Schulreformer(innen) – von einer strukturellen Umwandlung des gesamten Erziehungswesens aus. Ihre Ziele waren auf eine demokratische Schulreform und den Aufbau eines einheitlichen, horizontal gestalteten Schulwesens hin ausgerichtet, das die gesamte Berufs- und Fachschulbildung umfassen sollte. Leitend für ihren Schulplan waren der Arbeitsschulgedanke sowie die pädagogischen Grundprinzipien "Selbständigkeit" und "Verantwortung". Ein weiterer Schwerpunkt ihrer schulreformerischen Arbeit lag in der Ausgestaltung der Oberstufe. Durch Verschränkung von allgemeiner und beruflicher Bildung sollten die jeweiligen Einseitigkeiten der höheren Schule und der Fachschule aufgehoben und das Bildungsprivileg der höheren Schulen abgeschafft werden. Ihr vielfältiges Wirken erstreckte sich jedoch nicht nur auf den Schulbereich. In den Jahren, in denen sie in Jena lehrte, war sie zudem in der Arbeiter- und Erwachsenenbildung tätig (insb. in der Heimvolksschule Tinz) und engagierte sich auch im Bereich der Jugendliteratur. Ihr 1926 veröffentlichtes "Buch der Mädel" erschien 1927 bereits in dritter Auflage.

"Beruf und Erziehung"

In der Jenaer Zeit entstanden auch ihre zentralen bildungs- und erziehungstheoretischen Schriften wie "Beruf und Erziehung" (1926) und "Die gesellschaftlichen Grundlagen der Erziehung" (1948). Als Manuskript lag diese Schrift bereits 1934 vor, sie konnte jedoch erst in der Nachkriegszeit veröffentlicht werden. In "Beruf und Erziehung" legte Anna Siemsen die theoretischen Grundlagen für ein neues Verständnis von Erziehung dar, das auf dem Vermittlungszusammenhang von Erziehung und Gesellschaft auf der Basis des Berufs aufbaute. Zugleich verband sie damit auch eine andere Auffassung von Beruf und Berufserziehung: Dem individuellen oder Einzelberuf stellte sie die Arbeitsgemeinschaft gegenüber, und Berufsbildung verstand sie als Bildung zu gesellschaftlicher Arbeit und zu gesellschaftlicher Verantwortung. Die moderne Berufsproblematik – und damit die Frage, wie sich Beruf und persönliches Leben vereinbaren lassen – zeigte sich für Anna Siemsen in aller Schärfe in der Doppelbelastung der erwerbstätigen Frau. Die zunehmende Frauenerwerbsarbeit (rund ein Drittel aller Erwerbstätigen waren 1925 Frauen) sowie der hohe Anteil an Frauen in ungelernten Tätigkeiten waren soziale Tatsachen, die eine "Doppelausbildung der Frau" für sie gesellschaftlich notwendig machten. So setzte sie sich innerhalb der neuen Fortbildungsschulpflicht für weibliche ungelernte Arbeiterinnen dafür ein, dass im Mittelpunkt des Unterrichts – wie bei den männlichen Ungelernten – der Erwerbsberuf und nicht die Hauswirtschaft stand, und innerhalb ihres Engagements in der Erwachsenenbildung entwickelte sie ein spezielles Bildungskonzept für Frauen, das von der erwerbstätigen Frau und ihrer rechtlichen wie gesellschaftlichen Stellung ausging.

Anna Siemsen wurde 1932 die Professur entzogen. Um dem nationalsozialistischen Terror zu entgehen, war sie gezwungen, 1933 in die Schweiz zu emigrieren. Schon im Exil bereitete sie sich auf eine Mitarbeit in der universitären Lehrerausbildung vor. Doch über einige Lehraufträge an der Universität hinaus wurde ihr der Wunsch, am Aufbau eines demokratischen Schulwesens mitzuwirken, in Hamburg nicht erfüllt.

Text_Prof. Dr. Christine Mayer Copyright yousee - Das Magazin der Universität Hamburg

 

Seiteninfo: Impressum  | Kontakt | Browserinfo | Letzte Aktualisierung am 11. März 2013 durch admin
Blättern: Seitenanfang|Zur vorangehenden Seite|Zur nächsten Seite