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Universität Hamburg



Inhalt:

1. Dezember 2009


Das Präsidium der Universität hat Prof. Dr. Lenzen, der am 20. November zum neuen Präsidenten der Universität Hamburg gewählt wurde, in dieser ersten Dezemberwoche die Gelegenheit gegeben, sich den Studierenden der Universität Hamburg in einem Brief vorzustellen und Eckpunkte zu markieren, die ihm für einen Dialog mit den Studierenden wichtig sind:


Brief von Prof. Dr. Lenzen an die Studierenden der Universität Hamburg




Liebe Studierende der Universität Hamburg!

Wie Sie sicher erfahren haben, hat der Hochschulrat mich zum neuen Präsidenten der Universität gewählt und der Akademische Senat hat diese Wahl bestätigt. Es ist deshalb dringend Zeit, mich Ihnen allen persönlich vorzustellen und ein paar Worte zu dem möglichen gemeinsamen Weg zu sagen:

Ich bin vor wenigen Tagen 62 Jahre alt geworden, bin verheiratet, habe drei Söhne und ein Enkelkind. Ich bin Erziehungswissenschaftler und habe lange Zeit über die Probleme geforscht und gelehrt, die uns heute alle beschäftigen: den richtigen Weg für die Bildung der nachwachsenden Generation zu suchen. Dieser Weg ist nicht leicht zu finden. Ich persönlich bin aber davon überzeugt, dass die Gestaltung einer Zukunft unserer Hochschule gelingt, wenn Grundsätze und Überzeugungen gemeinsam getragen werden, die in unserer Zeit bedeutsam sind.

  1. Die Universität Hamburg ist eine sehr gute Universität, die zu Unrecht von manchen für mittelmäßig gehalten wird. Daten und Erfahrungen sprechen für die Qualität der Universität Hamburg.

  2. Die Universität Hamburg ist eine Volluniversität und muss es bleiben, weil ihre Fächervielfalt eine ihrer Stärken ist. Dieses gilt insbesondere für die Geisteswissenschaften, die in Deutschland so oft missachtet worden sind. Gerade meine Erfahrung an der Freien Universität Berlin zeigt, wie wichtig es ist, diese Geistes- und Sozialwissenschaften zu stärken und welcher Erfolg damit verbunden werden kann.

  3. Die Universität Hamburg hat eine große Geschichte des bürgerschaftlichen Engagements in der Demokratie. Sie steht für Freiheit und für einen gerechten Umgang der Menschen miteinander. Deshalb halte ich das gegenwärtige Hochschulgesetz für revisionsbedürftig. Es hat Möglichkeiten der Willensbildung in der Universität, zum Beispiel unterhalb der Ebene der Fakultäten, zu Unrecht erschwert.

  4. Die Universität Hamburg hat einen gesellschaftlichen Auftrag, aber sie ist nicht Auftragnehmerin von Einzelinteressen. Als öffentliche Universität muss sie Verantwortung für die Ausbildung der nachwachsenden Generation und für die Forschung übernehmen.

  5. Bildung, wenn sie wirklich Bildung sein soll, ist immer Selbstbildung und nicht Fremdbildung. Das heißt, Lernen ist ein autonomer Vorgang, der im Bewusstsein jedes einzelnen Menschen individuelle Wege nimmt. Diese dürfen nicht durch Überregulierung und Bürokratismus behindert werden. Die Reform des Bologna-Prozesses ist deshalb dringend überfällig. Es müssen Freiräume geschaffen und Druck gemindert werden, unter anderem dadurch, dass Anwesenheit nicht unpädagogisch erzwungen und kleinlich kontrolliert wird, dass Lehrpläne nicht überfüllt sind, dass die sog. workload und Leistungspunkte realistisch berechnet werden und dass Lehrende und Lernende sich gemeinsam um den Weg zur wissenschaftlichen Wahrheit bemühen.

  6. Das Studium an einer Universität darf nicht durch Geldforderungen erschwert werden. Aus dem Beispiel USA wissen wir, dass Studiengebühren sehr wohl Menschen aus Familien mit niedrigem Einkommen ausschließen können. So ist die Beteiligung von wirtschaftlich schlechter gestellten Menschen an der höheren Bildung nur halb so groß wie die Beteiligung derjenigen, die über ein höheres Einkommen verfügen. Das ist nicht hinnehmbar.

  7. Die Universität Hamburg ist eine Universität mit hoher Internationalität. Dies muss erhalten und ausgebaut werden. Deswegen gilt es zuerst, jede Form der Ausländerfeindlichkeit gerade auch in subtilen Formen zu bekämpfen und den Menschen aus aller Welt, Studierenden wie Lehrenden, eine offene Universität zu zeigen, die sich über ihre Anwesenheit freut.

  8. Die Universität Hamburg ist forschungsstark. Dies ist auch für die Studierenden eine wichtige Tatsache, denn es gilt: Forschung und Lehre stellen eine Einheit dar. Qualitätvolle Lehre beruht auf qualitätvoller Forschung. Hervorragende Forschung und Lehre darf man deshalb nicht gegeneinander ausspielen. Exzellenzstreben darf auf keinen Fall Vorrang vor dem Anspruch aller auf gute Lern- und Arbeitsbedingungen haben.

  9. Die Universität Hamburg ist eine große Einrichtung, bei der es darauf ankommen wird, durch Serviceleistungen und gegenseitige Aufmerksamkeit das Studieren, Forschen und Unterrichten zu erleichtern. Das setzt gute Organisationsformen und ein Servicebewusstsein bei allen voraus, die für diese Universität arbeiten. Dazu möchte ich selbst ein Vorbild sein. Die Leitung und Verwaltung einer Universität sind eine wichtige Aufgabe, um Forschung und Lehre mitzutragen und zu unterstützen.

  10. Die Universität Hamburg hat eine große Zukunft, wenn wir gemeinsam, kompetent, entschlossen und mit Optimismus diese Zukunft gestalten und uns nicht beirren lassen. Gemeinsam mit den Mitgliedern der Universität und den in Organen und Gremien Verantwortlichen sind die konkreten Wege zu suchen und sicherlich zu finden, die uns diese Zukunft erschließen.

Ich würde mich freuen, wenn wir den oben skizzierten Weg gemeinsam gehen könnten.

Einstweilen wünsche ich Ihnen weiterhin einen guten Semesterverlauf und bin mit herzlichen Grüßen

Ihr

Dieter Lenzen


 

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